Ächzend setzt der längste Wahlkampf in der Geschichte des Landes zum Endspurt an. Im Zweikampf um das höchste Staatsamt haben die beiden Kandidaten im vergangenen Jahr längst ihr gesamtes Pulver verschossen. Bis hinunter zum Homestory-Blick ins Zimmer des Töchterls haben sie Herz und Heim der Öffentlichkeit geöffnet. Alles, was sie zu sagen haben, haben sie bereits mehrere Male wiedergekäut.

Doch hatten sie im Frühjahr – vor der später vom Verfassungsgerichtshof aufgehobenen Stichwahl – noch versucht, mit verwegenen Ankündigungen Aufmerksamkeit zu erregen, scheinen mittlerweile die meisten Allmachtsfantasien der beiden verflogen zu sein. Zu hurtig mit dem Ablehnen oder Entlassen von politischem Spitzenpersonal sind sie jetzt nicht mehr bei der Hand. Zumindest platzen sie nicht bei jeder Wortmeldung mit entsprechenden Ankündigungen heraus.

Vielleicht ist der moderatere Ton auch nur der Einsicht geschuldet, dass die Hofburg-Anwärter mit ihrer pointierten Gegensätzlichkeit das Land gespalten und möglicherweise mehr Wähler verschreckt hatten, als sie für sich gewinnen konnten. Längst zeigt sich der freiheitliche Hoffnungsträger Norbert Hofer nicht mehr bei jeder sich bietenden Gelegenheit wild entschlossen, die Regierung entlassen zu wollen, sobald sie die Staatsgeschäfte nicht ganz seinem Weltbild folgend erledigt. Seine sinistre Drohung aus der ersten Runde ("Sie werden sich noch wundern ...") untermalt nur mehr wie ein fernes Raunen die Debatte. Zwar spekuliert er vermutlich insgeheim weiterhin auf einen präsidentiellen Coup, sollte er dazu die Möglichkeit erhalten, doch haben er und sein Team erkannt, dass es mehr schadet als nützt, wenn zu viel davon die Rede ist.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In gleicher Weise hat der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen seine Positionen abgeschwächt. War er ursprünglich mit dem Versprechen in die Arena getreten, er werde alles in seiner Macht – und vielleicht sogar ein wenig mehr – unternehmen, um zu verhindern, dass der Parteichef der Freiheitlichen, Heinz-Christian Strache, in das Kanzleramt einzieht, will sich der bedächtige Wahlwerber nunmehr nicht mehr so recht festlegen. Ihm ist lediglich in möglichst verallgemeinernder Formulierung zu entlocken, er werde keinen europafeindlichen Regierungschef berufen. Die eingeweihte Gefolgschaft weiß ohnehin, dass ihrem Kandidaten bei dem Gedanken an einen Kanzler Strache schaudert – dieses Alleinstellungsmerkmal ist Van der Bellen nicht mehr zu nehmen.

Vor der ersten Stichwahl waren beide Kandidaten bemüht, das Staatsoberhaupt als bedeutsamen Entscheidungsträger der Republik erscheinen zu lassen. Nunmehr tun sie so, als bestünde das Amt fast ausschließlich aus Bürgernähe, weil die Verfassung vorsehe, dass es ganz oben eben einen zum Anfassen brauche. Vor allem Norbert Hofer hat seinen Stil grundlegend geändert. Ursprünglich im Ton zwar verbindlich, im Inhalt hingegen ganz auf Linie mit dem nationalfreiheitlichen Gedankengut, hat er sich in ein Kuscheltier verwandelt, das seine öffentlichen Diskussionen nicht mehr so sehr mit rhetorischen Tricks, sondern vielmehr mit einem treuherzigen Augenaufschlag bestreitet.

Wahrscheinlich wäre es sowohl von beiden Kandidaten als auch von ihren Wahlkampfteams zu viel verlangt, während der vielen Monate dieser Electio interrupta einen Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Polarisierende Botschaften behalten nur für eine bestimmte Zeitspanne ihre Zugkraft, dann erlahmen sie, oder sie müssen verschärft werden, und die Auseinandersetzung eskaliert dadurch immer mehr. Ein endloser Abnützungskrieg im ideologischen Trommelfeuer wäre aber beiden nicht gut bekommen.

Schließlich ist die Tour de Charme auf den Weihnachtsmärkten angekommen

Die Alternative zu einem dezidierten Konfrontationskurs bestand daher in einer Wohlfühl-Kampagne, die problemlos über einen langen Zeitraum durchgehalten werden kann. Die beschädigt zwar niemanden, gleichzeitig langweilt sie ein wenig und besitzt weit geringere Mobilisierungskraft. So tingelten Van der Bellen und Hofer, beide mitunter im Trachtenlook, im Sommer und Herbst von Volksfest zu Kirtag, muteten sich jede kulinarische Abscheulichkeit zu, die ihnen vorgesetzt wurde, und ließen sich auf Abertausenden Selfie-Schnappschüssen verewigen. Schließlich erreichte diese Tour de Charme, die bei Frühlingserwachen aufgebrochen war, die Punschschwaden der Weihnachtsmärkte. Vermutlich dürften beide Kandidaten für den Rest ihres Lebens übersättigt sein mit alpenländischen Volkstümlichkeiten – und es sind nicht gerade berauschende Aussichten, dass der gewählte Kandidat weitere fünf Jahre lang ein Gutteil seiner Arbeitszeit bei vergleichbaren Anlässen wird verbringen müssen.

Präsidentenwahl in Österreich - Burgenland lebt Koalition mit FPÖ vor Im österreichischen Burgenland regieren Sozialdemokraten mit Rechtspopulisten. Mit der Wahl des FPÖ-Politikers Norbert Hofer könnte diese Koalition landesweite Realität werden. © Foto: Leonhard Foeger/Reuters