Sonntagmorgen in einer bescheidenen Backsteinkirche in der amerikanischen Kleinstadt Rockville, Maryland. Am Klavier greift ein Mann mit langen Rastazöpfen in die Tasten, und mit einer schwungvollen Gospel-Hymne beginnt der Sonntagsgottesdienst. Der Chor zieht in bodenlangen weißen Roben mit violetten Kragen ein und reiht sich hinter dem Altar auf, während die Pastorin Alyce Walker Johnson an die Kanzel tritt. Unter den sonntäglich gekleideten Teilnehmern des Gottesdienstes in der Clinton-Kirche von Rockville ist kein einziges weißes Gesicht. Der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King legte schon 1960 den Finger in diese Wunde. "Elf Uhr am Sonntagmorgen ist die Stunde, zu der die Rassentrennung im christlichen Amerika am tiefsten ist", stellte King damals fest. Daran hat sich auch mehr als ein halbes Jahrhundert später nichts geändert.

"Wenn wir Gott jemals gebraucht haben, dann jetzt!", ruft Pfarrerin Walker Johnson von der Kanzel und beschwört in ihrer Predigt das Gedenken an die Vorkämpfer der schwarzen Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegung. Die Gemeinde antwortet mit einem vielstimmigen "Amen!".

Seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten häufen sich in den USA die rassistischen Angriffe auf Minderheiten; insbesondere die Ernennung des Rechtspopulisten Steve Bannon zum Chefberater des designierten Präsidenten ängstigt nicht-weiße Amerikaner. Der polarisierende Präsidentschaftswahlkampf hat das Rassenthema wieder hoch auf die Tagesordnung des Landes gerückt. Doch während werktags öffentlich über den Stand der Integration diskutiert und debattiert wird, ziehen sich schwarze, weiße, hispanische und asiatische Amerikaner am Sonntag weiterhin wie selbstverständlich in ihre jeweils eigenen Kirchen zurück.

So selbstverständlich ist das getrennte Gebet den Amerikanern, dass die katholische Bischofskonferenz der USA eine Liste schwarzer Gemeinden führt, die sie schwarzen Katholiken beim Umzug in eine neue Stadt anbietet – als Dienstleistung. "Gotteshäuser in den USA sind immer noch weitgehend nach Rassen getrennt", bestätigt Daniel Cox vom Öffentlichen Institut für Religionsforschung (PRRI) in Washington DC. Das sei nur folgerichtig, weil die Rassentrennung nach wie vor im gesamten Alltag der Amerikaner vorherrsche.

Einer aktuellen Studie des Instituts zufolge haben drei Viertel aller weißen Amerikaner keinen näheren Umgang mit nicht-weißen Amerikanern, zitiert Cox aus den empirischen Befragungen, die er als Forschungsdirektor des PRRI leitet. "Näherer Umgang" bedeutet dabei, dass man im zurückliegenden Jahr ein persönliches Gespräch mit jemandem geführt hat – und das haben drei Viertel der weißen Amerikaner ausschließlich mit Weißen getan. "In ihren Wohngegenden und im Privatleben ist die amerikanische Gesellschaft noch immer sehr stark segregiert", sagt Cox. "In den Kirchen ist es da nicht anders."

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Tatsächlich ist die Rassentrennung in den amerikanischen Kirchen noch tiefer verankert als im Alltag der US-Bürger. Ganze 86 Prozent aller Gemeinden in Amerika werden weitgehend von Gläubigen einer einzigen Rasse besucht, stellte die renommierte Duke-Universität in einer Studie über die Glaubensgemeinschaften in den USA im vergangenen Jahr fest – das sind noch einmal elf Prozentpunkte mehr Rassentrennung als im Alltagsleben. Zwar fand die Studie auch positive Perspektiven – so sind etwa jüngere Gemeinden ethnisch bunter gemischt als Gemeinden mit älteren Mitgliedern. Dennoch sind noch immer fast neun von zehn Gemeinden in den USA faktisch nach Rassen segregiert.

Nicht die Religion selbst ist dabei das Trennende, sagt Elwood Gray, baptistischer Pfarrer einer schwarzen Gemeinde im Städtchen Chevy Chase. "Unser Glaube ist derselbe", betont er. Die sonntägliche Rassentrennung rührt seiner Ansicht nach vielmehr daher, dass gemeinsames Gebet und gemeinsamer Gottesdienst eine intensive und geradezu intime Begegnung miteinander bedeuten, zu der vor allem weiße Amerikaner nicht bereit seien. "Wenn man zusammen betet, dann begegnet man sich", sagt der schwarze Pastor. "Wenn man zusammen ein Kind tauft, dann ist das ein Bund, dann bekennt man sich damit zu diesem Menschen – es ist eine Frage des Vertrauens."