Als John Zinner seine Silvia ehelicht, geht ein Aufschrei durch die Frauenwelt des Städtchens Lauscha. Was! Die! Seine Braut ist zwei Jahre älter als er und etwas füllig, für John schwärmen viele Frauen in Lauscha. Er ist ein großer, dünner Mann mit dunklen, tief blickenden Augen und einer schwarzen Mähne, wie die von Elvis Presley. So manches Mädchen aus dem Ort hat ihm schon in den Armen gelegen. Warum bloß hat er sich für Silvia entschieden? John sagt, für ihn zähle nur ihr Charakter. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Was er damals, zur tiefsten DDR-Zeit, nicht sagen will, das ist: John Zinner ist schwul.

Er wurde im Jahr 1968 geboren. Das Jahr, in dem jener Paragraf aus dem DDR-Gesetzbuch gestrichen wurde, der Homosexualität bestrafte. Damit waren die Ostdeutschen ihren westdeutschen Nachbarn um fünf Jahre voraus. Zumindest auf dem Papier. In der Gesellschaft galten Homosexuelle oft als Außenseiter, denen man aus dem Weg ging. Die meisten von ihnen outeten sich daher nicht.

John Zinners Geschichte aber ist eine besondere. Sie ist die eines Außenseiters, der sich trotzdem geborgen fühlte. Sogar inmitten ländlicher Gegenden, die schon damals als spießig galten.

Eigentlich hatte sich Zinner als Jugendlicher einmal vorgenommen, nicht über seine Homosexualität zu sprechen. Ja, sie sogar zu verdrängen. Er wollte dazugehören, nicht anders sein. Trat ein Schwuler im Fernsehen auf, brüllte sein Stiefvater: "Wenn du mal so wirst, schlag ich dich tot."

Heute sitzt John Zinner am Wohnzimmertisch in seinem Haus in der Ringstraße, Lauscha, Thüringer Wald, und zündet sich eine Zigarette an. Er hat ein bisschen zu viele Falten für einen 48-Jährigen, der Bart ist stoppelig, die Augen sind glasig. Doch die langen Wimpern und das volle Haar – sie erinnern an den schönen jungen Mann von einst. "Früher hatte ich immer die Hoffnung, dass das irgendwann aufhört", sagt er. Und meint die Homosexualität.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Lauscha ist ein Ort, an dem sich Neuigkeiten ausbreiten wie Läuse im Kindergarten. Lauscha, das ist, wenn du der Kellnerin deine EC-Karte gibst und ihr die PIN sagst. Oder wenn du dein Auto im Parkverbot abstellst, weil der einzige Polizist im Ort dein Onkel ist. Hier ist John Zinner aufgewachsen.

Die Jahre seiner Schulzeit, das waren vor allem Jahre der Selbstverleugnung. Obgleich er sich schon in der vierten Klasse in einen Mitschüler verliebt hatte, ging er mit der Manu, denn mit der Manu ging jeder mal. Dann mit Jeanette. "Ich war ihre große Liebe, bin es wahrscheinlich heute noch", sagt er. Drei Jahre lang waren die beiden zusammen. Dann kam Marion. Eine hübsche Blondine aus Boltenhagen, die Porzellanmalerei lernte. Doch John Zinner war unglücklich. Die Mädchen waren nett, aber dass er eigentlich Jungs begehrte, traute er sich nicht auszusprechen. Er hatte den Wunsch fortzugehen. Dahin, wo die Liebe freier war und Menschen mehr Privatsphäre hatten.

Und trotzdem ist er nicht weggegangen – nicht einmal, als er schon fast im Westen war.

Einen Fluchtversuch unternahm er, das war am 20. Januar 1987, und er war 19. "Es war scheißkalt, vielleicht minus zwanzig Grad, und es lag ein Haufen Schnee", sagt er. Um halb acht Uhr abends schulterte er einen Rucksack und schnallte seine Langlaufskier an. Die Grenze nach Westdeutschland lag neun Kilometer entfernt. Querfeldein durch Schnee und Tannenwald stapfte John Zinner. Im Rucksack eine Schachtel Kippen und eine Apfelsine, ein Bettlaken übergeworfen, um sich im Schnee zu tarnen. Doch kurz vor der Grenze hielt er an. Was kann ein 19-Jähriger von der Liebe wissen? Alles, glaubte John. Er würde den Schulkameraden, in den er sich so unsterblich verliebt hatte, nie wiedersehen, wenn er jetzt ginge. Was für ein Leben sollte das sein? Statt allein in die Fremde wollte er lieber zurück zu den bornierten Eltern und der unerwiderten Liebe. Er machte kehrt. Auf dem Rückweg begegneten ihm zwei Grenzposten.