Als Amerika sich in diesem Jahr zum Thanksgiving-Dinner traf, war die Stimmung in vielen Familien ziemlich niedergeschlagen. Gut zwei Wochen war die Wahl erst her, und jeder hatte das Video des Nazi-Treffens in Washington mit den "Heil Trump!"-Rufen gesehen. Das Bild eines Hakenkreuzes auf einem Brooklyner Spielplatz neben der Aufforderung "Go Trump!" hatte es bis in die Abendnachrichten geschafft, und jüdische Journalisten berichteten auf CNN davon, dass sie die antisemitischen Tweets kaum mehr wahrnähmen, so viele seien es mittlerweile.

Für europäische Ohren mag die Aufregung über ein Hakenkreuz und ein Neonazi-Treffen übertrieben klingen. In Deutschland werden Synagogen von der Polizei bewacht, Nazi-Aufmärsche sind nichts Unbekanntes, immer wieder kommt es zur Schändung jüdischer Friedhöfe. In Amerika war dies bislang undenkbar, und die Angst ist groß, dass die Präsidentschaft von Donald Trump das geändert hat. Dass das Undenkbare plötzlich nicht nur denkbar, sondern auch akzeptabel ist. Zu dem Nazi-Treffen, das Trump als Helden feierte, hatte Trump nichts zu sagen. Die Schauspieler des Broadway-Stücks Hamilton jedoch, die seinen designierten Vizepräsidenten Mike Pence nach der Show öffentlich ermahnten, amerikanische Werte aufrechtzuerhalten, forderte Trump auf, sich zu entschuldigen.

Und so trafen sich vergangenen Sonntag in einem Townhouse in New York so wie in Wohnungen überall im besorgten Amerika Bürger, um den Widerstand zu organisieren. Ein schwules Paar war gekommen, eine lesbische Rabbinerin, eine Inderin, eine Feministin, so zumindest stand es in Goldbuchstaben auf ihrem T-Shirt. Aber es waren auch viele Menschen da, die sich noch nie politisch engagiert hatten, sich nun aber zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich um ihr Land sorgten. Etwa 35 Leute saßen um den Küchentisch. Keiner wollte seinen Namen in der Zeitung lesen, denn sie alle befürchteten, dass sie danach von der rechtsnationalen Alt-Right-Bewegung, die Trump-Gegnern im Internet nachstellt, belästigt werden würden. Einige hatten von der Zusammenkunft durch Bekannte gehört, andere bei einem Organisationstreffen in der nahen Synagoge. 1.000 Menschen waren dorthin dem Aufruf der Rabbinerin gefolgt, 6.000 hatten online um Rat gefragt. Sie alle suchten nach neuen Wegen, sich einzumischen. Denn auf die traditionellen demokratischen Kontrollmechanismen will sich keiner mehr verlassen. Ihre Schwäche ist in den vergangenen Jahren nur zu deutlich geworden: Die Medien haben ein Vertrauensproblem, und der Kongress ist zu einem Kriegsschauplatz verkommen.

New York - "Ihr müsst euch eine Stimme verschaffen" Nach der US-Wahl war Sydney Miller aus New York aufgebracht. Sie plante eine kleine Demo für Menschlichkeit – zu der Tausende Menschen kamen.

Der Widerstand gegen den Trumpismus muss an anderer Stelle erzeugt werden. Mitte der neunziger Jahre hat der amerikanische Soziologe Joseph Overton den Begriff des Overton window geprägt. Dieses Fenster umfasst all diejenigen politischen Ideen, die in der Öffentlichkeit als akzeptabel gelten. Wer Mehrheiten gewinnen will, muss sich in diesem Ausschnitt bewegen. Die Macht über dieses Fenster hat Overton zufolge jedoch nicht der Politiker, sondern die Gesellschaft. Sie verschiebt es nach rechts oder links. Auch Trump konnte nur die politischen Ideen propagieren, die schon in weiten Bereichen der US-Gesellschaft als annehmbar galten. Und genau darin liegt die große Hoffnung der Menschen im Townhouse. Denn wenn laut Overtons Erkenntnis nicht der Politiker, sondern die Gesellschaft den Maßstab des Akzeptablen setzt, dann sind sie nicht ganz machtlos. An den Thanksgiving-Tischen und im Townhouse keimt nach Tagen der Depression die Lust am Widerstand.

So richtig groß war der Druck, politisch zu handeln, bislang nie. Natürlich waren den Leuten die Probleme der Institutionen bekannt. Jahrelang haben sie zum Beispiel über den Kongress den Kopf geschüttelt, dann aber doch mit den Schultern gezuckt. Nun vergleicht mancher das Gefühl am Morgen nach der Wahl mit dem Morgen, an dem 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center flogen. 9. 11. statt 11. 9. Wobei sie dabei nur an ihr Schockerlebnis denken und nicht daran, mit wem sie die Trump-Wähler da vergleichen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Es geht den im Townhouse Versammelten überdurchschnittlich gut. Die wenigsten erinnern sich noch daran, wann sie ihre Wohnung das letzte Mal selber geputzt haben oder wann sie sich für etwas engagierten, das nicht mit der Schule ihrer Kinder zu tun hatte oder mit einem Scheck bezahlt werden konnte. Eine Anwesende zeigt auf ihr T-Shirt, auf dem ein Nashorn zu sehen ist. "Ich wollte immer nur die Nashörner retten", sagt sie. Doch nun erscheint ihr das irgendwie nachrangig. Jetzt, da es darum geht, das Fundament Amerikas zu verteidigen, die Freiheit, die Gleichheit, die Gewaltenteilung. Die Wahl Trumps hat den Blick auf das Wesentliche konzentriert. Vielen hier im Townhouse ist es so gegangen. Dem schwulen Paar, der Feministin, der Inderin, den bislang Unpolitischen. Der Schock des 9. November scheint sie, die für Hillary Clinton gestimmt haben, zum ersten Mal in diesem Jahr hinter einem klaren Ziel zu vereinen.

Sie wollen erreichen, dass Trump seinen Strategieberater Stephen Bannon, ehemals Chef der rechtsnationalen Website Breitbart News, abberuft. Denn niemand hat mehr dafür getan, den Bereich des Akzeptablen immer weiter auszudehnen, als Bannon, bis hin zu Hetze und Hass.

Der Wahlsieg Trumps hat viele Menschen in Amerika über Nacht zu Bürgern gemacht, die bereit sind, nicht nur Geld, sondern auch Zeit in ihr Land zu investieren. Er hat sie – so merkwürdig das klingt – wieder zu Amerikanern gemacht.

Das könnte nun eine Chance für die Demokratische Partei sein. Denn seit dem Wahlsieg ist noch deutlicher geworden, wie sehr sie ein Kopf ohne Körper ist. Zwar haben die Demokraten in Hollywood, in den Unis, den Medien, in der Popkultur eine Hegemonie errichtet und das Overton-Fenster erfolgreich nach links bewegt. Ohne sie wäre etwa die Homo-Ehe nie möglich geworden. Doch an der Basis, in den Länderparlamenten, hat die Demokratische Partei zugleich über 900 Sitze verloren. Im Süden verfügt sie in keinem einzigen mehr über eine Mehrheit.

Bislang flüchtet die Partei in lauter bequeme Erklärungen ihrer Wahlpleite: Sexismus, Verwirrung der Wähler durch fake news, eine rassistische Reaktion auf Obamas Präsidentschaft. Die eigene Schuld einzugestehen, fällt schwerer. Auch eine einheitliche landesweite Strategie, ein klares, erkennbares politisches Ziel wurde nie entwickelt. Daran ließe sich jetzt arbeiten.

Das Townhouse steht bereit.