Spaziergang in Berlin mit einem Date, das nicht über Tinder zustande kam. Wir mögen beide Bücher.

Ich: Wann hast du zuletzt etwas Unvernünftiges getan?

Er: Das ist jetzt vielleicht etwas intim, aber ... Vor ein paar Wochen war ich zum ersten Mal in einem Sexshop. Im Bahnhof in Wolfsburg, als ich Aufenthalt hatte. Davor hat es sich einfach nie ergeben. Und weißt du, was ich gekauft habe?

Ich: (erwartungsvoll) Nein.

Er: Ein Buch. Kennst du Fucking Berlin von Sonia Rossi? So was in der Art, aber von einem Mann geschrieben. Ich fand es okay. Jetzt du.

Ich: Ich war in einem Kaninchenbau.

Einige Tage zuvor. Spaziergang in Wien mit einem Bekannten, den ich über Facebook kennengelernt habe. Wir mögen beide Theater. Er ist Schauspieler und bereitet sich auf ein Stück vor, in dem er einen Hund spielt.

Ich: Was machst du heute Abend? Es gibt da diese Kaninchenbau-Party, so eine illegale Sache, man kriegt erst kurz vorher per E-Mail Bescheid, wo und wann sie stattfindet. Kommst du mit?

O.: Es klingt vielleicht komisch. Aber ich hab schon was vor: einen Weg finden, aus Schokopudding Hundekacke nachzubilden. In zwei Wochen führen wir das Stück zum ersten Mal auf.

Ich: Aha. Das ist wirklich eine bizarre Abendgestaltung.

O.: Natürlich könnten wir echten Kot nehmen, aber das geht leider nicht aus hygienischen Gründen. Wahrscheinlich wäre der Gestank auch gar nicht auszuhalten. Kommst du zur Premiere?

Am nächsten Morgen bekomme ich eine Facebook-Nachricht:

O.: mein kotexperiment ist frustrierenderweise gescheitert, wer hätte gedacht, dass der enddarm derart glitschig ist – und jetzt hab ich probefreie woche, dabei richtig viel zu tun und weiß trotzdem nichts mit mir anzufangen. sonst alles super. sag bescheid, wenn der kaninchenbau dich wieder ausgespuckt hat.

Skype-Gespräch mit einem guten Freund in Berlin, der jetzt wieder wirklich nur ein guter Freund ist und keiner, der meine Annäherungsversuche missversteht. Ich sitze in meinem Zimmer in Wien.

Ich: Fühlst du dich erwachsen?

Er: Nein. Wieso?

Ich: Was hieße Erwachsensein für dich?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Er: Weiß nicht. Einen langfristigen Plan vom Leben haben? Wahrscheinlich, dieselben Fehler nicht immer wieder zu machen. Nie wieder betrunken Fahrrad fahren. Gästepantoffeln? Verantwortung für andere übernehmen? Vielleicht werde ich erst als Vater richtig erwachsen.

Ich: Neulich auf Berlin-Besuch habe ich in meiner alten WG gewohnt, die jetzt K.s Pärchenwohnung ist. Erinnerst du dich noch an das hässliche Laminat? Beim Renovieren haben sie festgestellt, dass darunter abgezogene Dielen sind. Ich hab mich gefühlt, als wäre ich bei meinen Eltern zu Besuch: abends auf dem Sofa fernsehen, und jeder Raum riecht so angenehm nach Duftstäbchen. Und weißt du was? Sonntagmorgens hat K.s Freund gleich nach dem Aufstehen ein Regal an die Wand geschraubt.

Er: Wie mein Vater.

Ich: Eben! Es gab sogar Gästepantoffeln.

Er: Meine Mama hat mir mit 15 noch T-Shirts mit skatenden Aliens gekauft. Erwachsen ist auch, seine Klamotten selbst zu kaufen. Und keine dämlichen Aufdrucke mehr zu tragen. Kennst du die Show, in der sie Leute fragen, was auf ihren T-Shirts steht, ohne dass die draufschauen dürfen? Da war diese sehr dicke Frau, auf deren T-Shirt Believe in you stand. Ob die überhaupt Englisch kann?

Ich greife ein paar Socken und halte sie in die Kamera.

Ich: Erwachsensein heißt auf jeden Fall, keine Socken mit Fahrradmotiv zu tragen.