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Die Diskussion über die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen war schon bei den Nuancen angelangt. Zum Beispiel ging es in den vergangenen Jahren viel um die Frage, wie Männer sprechen und wie Frauen sprechen. Man verfiel dabei auf den Begriff "Mansplainer", das sind die Männer, die anderen Menschen ständig ungebeten die Welt erklären.

Dann kam das Jahr 2016 und riss die Nuancen mit sich fort.

Angesichts der erschütternden Unkenntnis des designierten US-Präsidenten in beinahe allen Fragen wirkt der Eifer eines Mansplainers jedenfalls geradezu wohltuend. Man glaubte sich im Zeitalter des Post-Testosteron. Doch es war das Jahr von Brexit, Putin, Erdoğan und Trump. Mit der Faust auf den Tisch hauen und Flugzeugträger entsenden – so wird 2016 wieder Politik gemacht. Dieses Verhalten männlich zu nennen ist für die meisten Männer heute eine Beleidigung.

Es hätte also das Jahr werden können, in dem der Feminismus zu seiner alten Größe zurückfindet. Immerhin hat die Bewegung im Westen lange darunter gelitten, dass es keinen Gegner mehr zu geben schien, nachdem das Patriarchat sich, ähnlich wie bei Francis Fukuyama die Geschichte, ins Dickicht der Details verabschiedet hatte.

Gegner gibt es jetzt genug. Denn der Feminismus will ja nicht weniger als die Menschen, ja, auch die Männer, von Zwang, Unmündigkeit und Ohnmacht befreien – besonders freundlich sind streng hierarchisch organisierte Gesellschaften schließlich auch zu Männern nicht, wenn die weder reich noch herrschend sind. Von der Idee her ist der Feminismus durch und durch antiautoritär. Man könnte ihn gerade also wirklich gut gebrauchen.

Doch je lauter die Welt wird, desto stiller wird der Feminismus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Statt sich mit all seinem Gewicht am Kampf der freien Gesellschaften gegen die rasend schnell wachsenden autoritären Bewegungen zu beteiligen, liefert er sich amüsante Wortgefechte mit Kolumnisten wie Jan Fleischhauer und Harald Martenstein – Männern, von denen doch eine eher überschaubare Gefahr ausgeht. Es ist nicht schwer, die einst so große Befreiungsbewegung Feminismus heute für eine Art Erziehungsprogramm für Männer zu halten.

Feminismus war offenbar schon gar kein Kriterium mehr für die amerikanischen (weißen) Wählerinnen, die mehrheitlich für Donald Trump gestimmt haben.

Der deutsche Feminismus hat seine schwerste Niederlage aber bereits Anfang des Jahres erlitten: Sexuelle Gewalt, einmal eines der wichtigsten Themen des Feminismus, wird seit der Kölner Silvesternacht als Problem der Einwanderungspolitik behandelt. Im Jahr 2015 waren laut BKA knapp 72 Prozent der ihre Frauen prügelnden, vergewaltigenden Männer in diesem Land Deutsche. Den Opfern bringt es wenig, wenn man Nordafrika zur sicheren Herkunft erklärt. Doch um die Opfer geht es nicht mehr. Nicht dass Frauen das erste Mal die Kriegsbeute im Kampf der Kulturen wären – in einer durchemanzipierten Gesellschaft aber stellt es einen denkwürdigen Misserfolg dar, wenn es Männer sind, die die Debatte über Gewalt an Frauen beherrschen.

Wie konnte das bloß passieren? Wann hat der Feminismus seine Schlagkraft verloren?

Man hatte bis vor Kurzem ja den Eindruck, der Feminismus sei längst mehrheitsfähig geworden. Das Wort schien endlich seinen Schrecken verloren zu haben: nicht zuletzt daran zu erkennen, wie bedenkenlos die Pop-Ikone Beyoncé und andere Wunderfrauen des Unterhaltungsbusiness es verwendeten. Im Nachhinein stellt sich aber die Frage, ob das für den Feminismus vielleicht doch nicht Erscheinungen des Erfolgs waren, sondern im Gegenteil erste Anzeichen seines Niedergangs.

Während einige Mitglieder der Bewegung immer schöner und erfolgreicher wurden, traten andere aus, ohne dass es jemand bemerkte. Die Themen veränderten sich. Wer will ich sein, als Frau? Diese Frage wurde immer wichtiger. Aus einer Bewegung des Wir wurde eine Bewegung des Ich. Wie definiert sollen meine Armmuskeln sein, und was sagt das über mich aus? Ist es fortschrittlich, wenn ich meine Achselhaare wachsen lasse? Brauchen wir Emojis, die Frauen in Männerberufen zeigen, sagen wir als Pilotin? Denn wenn ich es wollte – ich könnte morgen als Pilotin anfangen!

Der falsche Tonfall

Dabei geriet aus dem Blick, dass man sich in solche Gedankenschleifen der Selbstbetrachtung für gewöhnlich nur dann begibt, wenn alle drängenden Fragen schon beantwortet sind. Es wurde schlicht vergessen, wie privilegiert ein Leben sein muss, damit man sich jeden Tag neu erfinden kann. Weiter in den Hintergrund gerieten die Frauen, die sich nicht ausgesucht haben, wer sie sein wollen, sondern die einfach sind: kein Geld, keine Optionen, kein neues Ich.

Diese für den zeitgenössischen Feminismus typische Blindheit für Klassenunterschiede zeigte sich auf fast rührende Weise in einer Intervention der Schauspielerin Jennifer Lawrence. Amerika befand sich schon mitten im härtesten Wahlkampf seiner Geschichte, die unterprivilegierten Männer waren schon sehr, sehr wütend. Da verschickte Lawrence im wöchentlichen Newsletter der jungen feministischen Regisseurin Lena Dunham einen Aufsatz, in dem sie sich beklagte, wie viel weniger als ihre männlichen Kollegen sie verdiene und wie entwürdigend dies für sie als Frau sei.

Lawrence ist 26 Jahre alt und verdiente im vergangenen Jahr 52 Millionen Dollar.

So weit geht die Unfähigkeit, sich Schichtenspezifisches vorzustellen, dass liberale Frauen in den USA jetzt absolut ratlos sind, warum in Gottes Namen Frauen für Trump gestimmt haben. Ja, warum tut eine Frau so etwas? Darauf gäbe es sicher politische Antworten. Bisher werden vor allem die seelischen Gründe erörtert. Frauen hätten die Neigung, sich zu unterwerfen, lässt sich eine New Yorker Psychologin in der sehr seriösen Washington Post zitieren. Der Autor eines anderen Artikels in dem Blatt mutmaßt, Frauen hätten deshalb Trump gewählt, weil er sie an ihre strengen Väter erinnere.

Vielleicht haben die Frauen auch deshalb Trump gewählt, weil Hillary Clinton sie an ihre strengen Mütter erinnert. Man weiß es nicht. Was man aber weiß: Die Wahrnehmung des Menschen wird nicht nur von einer für alle gültigen Psychologie bestimmt, sondern auch von seinem sozioökonomischen Status.

Ein Bewusstsein für Klassenunterschiede wäre allein schon deshalb sinnvoll, um die eigene Perspektive zu bemerken. Dann könnten die Feministinnen auch folgende Frage ehrlich beantworten: Ist dieses ganze Genderwissen nicht zumindest anteilig ein Versuch, mich von meiner mir spießig, eng und provinziell erscheinenden Herkunft abzugrenzen? Es ist heute jedenfalls ein eindeutiges Zeichen dafür, dass man den Aufstieg in die urbane Mittelschicht geschafft hat, wenn man imstande ist, die Buchstaben LGBTQIA sicher in der richtigen Reihenfolge aufzusagen: lesbian, gay, bisexual, transsexual, queer, intersex, asexual.

Andersherum funktioniert die Abgrenzung natürlich genauso gut: Trump fliegen die Herzen zu, weil er sich dabei stets sehr konzentrieren muss.

Vielleicht hätte man den Feministinnen eine gewisse Realitätsferne durchgehen lassen. Vielleicht hätte man ihnen ihre relative Sorglosigkeit sogar gegönnt. Es ist schließlich etwas ganz Wunderbares, heute eine junge Frau zu sein. Manche ihrer Identitätsfragen sind auch überhaupt nicht uninteressant, und in voll ausgereiften Konsumgesellschaften werden Identitätsfragen nun mal über Äußerlichkeiten beantwortet.

Was dem Feminismus aber zum Verhängnis wurde, war der falsche Tonfall.

Denn obwohl die Themen längst ins Lifestylige abgerutscht waren, blieb die Sprechweise so, als gehe es immer noch um das Wahlrecht und das Recht zu studieren: beseelt vom Wunsch nach Gerechtigkeit, sich auf der richtigen Seite der Geschichte wissend, das heißt durch und durch moralisch. So wurde noch jede Dämlichkeit, jede Geschmacklosigkeit, jedes falsche Wort als Sexismus und damit als moralischer Fehler gewertet.

Doch Moral ist ein starkes Mittel. Man sollte es wohldosiert einsetzen und nur dann, wenn man sicher Interessen vertritt, die nicht bloß die eigenen sind. Es sollte einem also nach Möglichkeit auch um Gerechtigkeit gehen, wenn man jemand anderem Ungerechtigkeit vorwirft. Vor allem sollte man nicht im Namen eines die Klassen und Nationen überschreitenden weiblichen Kollektivs sprechen, das es nicht mehr gibt – was man deshalb so gut weiß, weil man höchstselbst an seiner Zersetzung qua Hyperindividualisierung mitgewirkt hat.

Anders ausgedrückt: Man sollte bei Gehaltsverhandlungen nicht in der Manier einer Suffragette auftreten, die im Kampf um Frauenrechte bereit ist, sich vor das Rennpferd des Königs zu werfen.

Man kann das natürlich – nur wird man dann womöglich die reaktionäre Wut zu spüren bekommen, die gerade die ganze Weltordnung umwerfen will.

Das Jahr 2013 haben Feministinnen damit verbracht, dem FDP-Politiker Rainer Brüderle auf kleinlichste Weise ein misslungenes Kompliment vorzuhalten. Herbst 2016: Ein Mann wird ins Weiße Haus gewählt, für den sexuelle Gewalt eine ausgefallene Flirttechnik ist.

Doch jetzt ist die Sprache der Moral aufgebraucht. Der Vorwurf des Sexismus wurde so oft gemacht, dass es inzwischen ein Leichtes ist, ihn zu relativieren. Löst man so oft Fehlalarm aus, wird einem nicht mehr geglaubt, wenn das Haus wirklich brennt. Nicht nur das Wort Feminismus hat seinen Schrecken verloren – dem Begriff Sexismus ist seine moralische Kraft abhandengekommen und damit die Schutzfunktion, die er mal hatte.

Wer die Feministinnen noch nie mochte, kann sich jetzt angesichts der gefährlichen neuen Weltlage noch eine Weile lang mit Schadenfreude trösten. Endlich ist das juste milieu vom hohen Ross gestürzt. Aber Frauenrechte sind in einer Demokratie nicht nur Dekoration. Wenn man die Gleichberechtigung von Männern und Frauen will, setzt man immerhin das Recht des Stärkeren außer Kraft und wird sich mit den Mächtigen anlegen, wenn es nötig ist.

Nur, wie lässt sich Dornröschen jetzt aus dem Schlaf wecken?

Es gibt etwas Spezifisches am Frausein in den geschützten Räumen, die die westlichen Gesellschaften sind: Hier haben Frauen Macht. In ihnen ist die weibliche Verletzbarkeit eine Hintergrundmelodie: Sie ist da, aber leise. Einfach ist diese Erkenntnis für den Feminismus nicht, weil ihm die Rolle des klagenden und wütenden Ausgegrenzten auf den Leib geschrieben wurde. Jetzt wird er wohl damit umgehen müssen, dass er selbst ausgrenzt.

Vielleicht kann der Feminismus dabei auch andere Erscheinungen der Trägheit überwinden und würde sich dann nicht mehr voll und ganz auf den Trickle-down-Effekt verlassen: Weil ein paar Frauen im oberen Drittel der Gesellschaft heute ohne Scham über ihre Vagina reden, geht es den Frauen am unteren Rand noch nicht besser. Die neuen feministischen Themen wären also die alten: Mütterarmut, Gewalt, schlechte Arbeit, Frauenhandel. Themen, die man vielleicht etwas zu schnell für erledigt erklärt hat.

Seine ganze Jugend über hatte der Feminismus unter dem Verdacht gestanden, eine Spaßbremse zu sein und keine Ahnung in Sachen Sex zu haben. Vielleicht hat er sich deshalb in den vergangenen Jahren etwas zu sehr darum bemüht, seine Coolness unter Beweis zu stellen. Verständlich, aber das Timing könnte schlechter nicht sein.