Bald gehen die Babyboomer in Rente und die unter 40-Jährigen drängen nach oben. Was bewegt die neuen Entscheider?

Auf einmal fallen sie auf. In Talkshows diskutieren Philosophen, Politiker und Manager, die während der Wende noch zur Grundschule gingen. Die Jungen gründen Unternehmen und tragen Professorentitel. Die Parteivorsitzenden der Linken und der FDP? 38 und 37 Jahre alt. Deutschlands bekanntester Satiriker? Erst 35. Die Chefin der größten Boulevardzeitung des Landes? Nicht einmal 40. Sie alle prägen, was das Land liest, denkt, fühlt, sieht.

Zehn Millionen Menschen zählen zu der Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen, die jetzt an die Macht drängt. Sie lösen die Babyboomer ab, die seit gut fünfzehn Jahren an den entscheidenden Positionen dieses Landes sitzen und von denen sich die Ersten im neuen Jahr mit 60 in den Ruhestand verabschieden. Was bedeutet ein solcher Umbruch? Wie werden die neuen Entscheider die Gesellschaft verändern? Und was treibt sie an?

Die Jungen wurden in einer völlig anderen Welt groß als die Babyboomer, die im Nachkriegsdeutschland der fünfziger und sechziger Jahre geboren wurden. Damals hießen die Jungs Thomas und die Mädchen Sabine, sie wuchsen unter mehr Gleichaltrigen denn je auf, nie waren die Klassenzimmer und Spielplätze voller; vier von fünf Frauen bekamen Kinder, und die Wirtschaft brummte. Die Kinder der späten Siebziger und frühen Achtziger hießen dagegen oft Julia und Christian, verbrachten nur noch ihre Kindheit in zwei verschiedenen Deutschlands, waren deutlich weniger, hatten kaum ökonomische Sorgen, eine gute Beziehung zu den Eltern und beste Bildungschancen. Sie sind die Letzten, die mit gelben Telefonzellen und langsamen Modems groß geworden sind – und die Ersten, die sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Was man dieser jungen Generation bisher nachgesagt hat, ist wenig schmeichelhaft. Die Soziologen Hans Bertram und Carolin Deuflhard haben für sie den Begriff von der "überforderten Generation" geprägt, völlig gestresst sei sie von all den Möglichkeiten. Andere Zuschreibungen, die kursieren, sind die von der "infantilen Generation", die nicht erwachsen werden will und keine Verantwortung übernehmen möchte. Von der Generation "nicht wirklich", die zwar alle Chancen hat, sich aber zu keiner klaren Entscheidung durchringen kann. Von der Generation "zu viel", die alles gleichzeitig will und heult, wenn es nicht klappt.

Und die soll nun die Zukunft prägen?

Was die Menschen zwischen 30 und 40 tatsächlich bewegt, zeigt nun eine forsa-Studie im Auftrag der Körber-Stiftung und mit Unterstützung der ZEIT: Die Studie zeichnet das Bild einer pragmatischen Generation, die zwar viele offene Wünsche an ihr Leben und ihre Arbeit hat, sich aber auch damit begnügen kann, was sie hat. Verwöhnte Zauderer? Blödsinn! 90 Prozent der Jungen bezeichnen sich als zufrieden. Und das, obwohl die Diskrepanz zwischen ihren Idealen und ihrer Lebenswirklichkeit in manchen Bereichen kaum größer sein könnte.

Stichwort Belastung: Fast zwei von drei Menschen zwischen 30 und 40 fühlen sich häufig oder sogar sehr häufig gestresst, mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Für jeden Zweiten sind Überstunden normal, jeder Neunte sitzt fast täglich länger im Büro. Dabei sehnen sie sich nach mehr Freizeit: Wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie 31 Stunden die Woche arbeiten, im Schnitt sind es aber 38 Stunden.

Stichwort Rollenverteilung: Nur knapp ein Drittel der 30- bis 40-Jährigen bevorzugt laut der Studie die klassische Aufteilung zwischen Mann und Frau. Doch in 73 Prozent der jungen Familien arbeiten Mütter in Teilzeit oder bleiben ganz zu Hause. Eine gleichberechtigte Aufteilung, wie sie sich knapp 60 Prozent wünschen, leben gerade einmal 18 Prozent. "Kollektive Muster verändern sich langsamer, als man denkt. Vielen Menschen, die sich eine andere Rollenverteilung wünschen, fehlen Vorbilder, aber häufig auch die finanziellen Möglichkeiten", sagt Andreas Geis von der Körber-Stiftung. Das traditionelle Familienbild herrscht noch vor, neue Rollenerwartungen kommen nur verzögert in der Realität an.

Doch nicht nur in Sachen Familie verhalten sich die 30- bis 40-Jährigen recht traditionell. Die Ergebnisse weisen insgesamt eine erstaunliche Kontinuität zwischen den Babyboomern und ihren Nachfolgern auf. Beide Altersgruppen halten im Job dieselben Eigenschaften für besonders wichtig (jeweils zwei Drittel sagen: Verlässlichkeit, gefolgt von Teamfähigkeit). Sie setzen dieselben Prioritäten im Leben (Familie, Arbeit, Freizeit: alles sehr wichtig). Und sie wollen sich im Job vor allem wohlfühlen: Angenehme Kollegen sind ihnen noch wichtiger als ein gutes Gehalt.