Nach dem Sieg von Donald Trump fragten sich alle geschockt: "Wie konnte das passieren?" Die erste Erklärung lautete: Das ist die Quittung für ein Wirtschaftssystem, von dessen Wachstum ein Großteil der Bevölkerung nicht mehr profitiert. Allerdings konnte diese These nur schlecht erklären, warum nicht nur der entlassene Stahlarbeiter aus dem Trailerpark, sondern auch die Mittelschicht mit dem Sternenbanner im Vorgarten für Trump gestimmt hatte. Unter den Evangelikalen, die eher Angst vor dem Antichristen als vor dem sozialen Abstieg haben, gaben 80 Prozent ihre Stimme dem Multimilliardär. Rust Belt und Bible Belt kamen zur Deckung. Wenn Trump von seinen Anhängern als einer Bewegung sprach, konnte es nicht das gemeinsame Klasseninteresse sein, was diese mobilisierte. Was dann war das Verbindende?

Der Erste, der in dieser Situation eine neue These zu bieten hatte, war der New Yorker Ideengeschichtler Mark Lilla. Hillary Clinton, schrieb Lilla in der New York Times, habe ihren Wahlkampf zu sehr auf Identitätspolitik abgestellt, sie habe sich als die Stimme der Afroamerikaner, der Latinos, der Schwulen-, Lesben- und Transgenderbewegung und der Frauen ins Licht gerückt. Dabei habe sie nicht bedacht, dass Identitätspolitik ein zweischneidiges Schwert ist: Wenn nicht mehr Bürger, sondern gesellschaftliche Gruppen zu Adressaten von Politik gemacht werden, dann wird sich am Ende die Gruppe, die wegen traditioneller Privilegierung immer unerwähnt bleibt, nämlich die heterosexuellen Weißen, selbst als bedrohte Gruppe fühlen und sich hinter den Mann scharen, der aus seiner Verachtung für Minderheitenrechte keinen Hehl macht.

Schon der Verweis auf universalistische Rechtsansprüche gilt manchen als reaktionär

Lillas Überlegungen sind bestechend, weil sie erklären, wie ausgerechnet die Demokraten ihre traditionelle Wählerschaft im Rust Belt verfehlen konnten: Statt Fragen der sozialen Ungleichheit in den Mittelpunkt zu stellen, war Diversity das dominierende Emanzipationsprojekt der demokratischen Partei in den letzten zwei Jahrzehnten. Buntheit wurde zu einem Wert an sich. Wer nicht weiß war und nicht hetero, dessen Identität wurde als Bereicherung für das Gemeinwesen gefeiert. Die gute Absicht dahinter ist offensichtlich und verdient auch keinen Spott: Wer es, weil er von der Mehrheitsnorm abwich, bisher besonders schwer hatte, bekam nun auf die Schulter geklopft und wurde ermuntert, seine Geschichte zu erzählen. Die tonangebende Gesellschaft gab allerdings an keiner Stelle zu erkennen, dass sie sich auch durch die Geschichte verarmter heterosexueller Weißer bereichert fühlen könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Schon in den neunziger Jahren hatte der amerikanische Philosoph Richard Rorty festgestellt, dass die, wie er sie nannte, "kulturelle Linke" sehr differenziert über Rasse, Ethnie und Geschlecht zu reden wisse, zu den Armen aber wenig zu sagen habe. In gewisser Weise führt Lillas These Rortys Intuition fort. Sie ist unbequem, weil sie das linksliberale Milieu zu einer kritischen Selbstbefragung auffordert. Doch dafür scheint gerade keine Zeit zu sein. Die Reaktionen auf Lillas Text sind von dogmatischer Unerbittlichkeit: Der sei halt, erklärte der französische Soziologe Didier Eribon in der Süddeutschen Zeitung, "erzkonservativ". Wenn das schon erzkonservativ ist, dann wird das Spektrum für produktive Meinungsverschiedenheit verdammt eng.

Obwohl Lilla die Erfolge der Diversity-Politik an keiner Stelle der Lächerlichkeit preisgibt (er anerkennt sie ausdrücklich), wird er zu einem finsteren Reaktionär gemacht, der die Errungenschaften der Minderheitenpolitik zur Diskussion stelle. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat Patrick Bahners Mark Lilla gleich zusammen mit Adam Soboczynski, der dessen Essay zustimmend in der ZEIT besprochen hatte, verhaftet: Wer jetzt an der Identitätspolitik kratze, schreibt Bahners, der erkläre just jene für schuldig an Trumps Erfolg, die dessen erste Opfer sein dürften: die Minderheiten.