Seit Februar leitet Falko Droßmann das Bezirksamt Mitte. Seither ist der SPD-Politiker bemüht, den Aufräumer zu geben. Er will den Hauptbahnhof sauberer machen, unter anderem, indem er Obdachlose und Trinker von Sicherheitskräften vertreiben lässt. "Ich mach das jetzt einfach", verkündete er. Auch das benachbarte St. Georg soll unter Droßmanns Aufsicht erblühen, dazu will er einigen Kiosken verbieten, Alkohol zu verkaufen. Durchgreifen ist die Spezialität des Bundeswehroffiziers. Nun allerdings sieht es so aus, als müsste der 42-Jährige im eigenen Haus anfangen.

Vergangene Woche ging Droßmann mit einer brisanten Nachricht an die Öffentlichkeit: Sein Bezirksamt Mitte wurde von der Polizei durchsucht. Ein leitender Mitarbeiter des Jugendamts soll jahrelang überforderte Familien erfunden haben. Er soll Geld zur Unterstützung dieser Familien angewiesen und dann in die eigene Tasche gelenkt haben, mithilfe eines Komplizen. Die genaue Summe ist noch unbekannt, es handelt sich nach ersten Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft um mehrere Hunderttausend Euro. Und Falko Droßmann erklärte: "Es gilt die Unschuldsvermutung, aber wenn die Vorwürfe zutreffen, war das Verhalten des Mitarbeiters mehr als schäbig."

Nicht jeder in seiner Behörde findet es gut, dass Droßmann so offensiv an die Öffentlichkeit ging. Doch den Fall erst einmal zu verschweigen hätte das Misstrauen in die Hamburger Jugendämter nach all den Fehlern der Vergangenheit nur vergrößert. So stellt Droßmann jetzt lieber selbst die Frage: Was können wir besser machen?

Noch sichten die Ermittler eine beachtliche Menge sichergestellter Akten, der Fall entwickele sich dynamisch, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Von einer großen Dimension ist die Rede. Um wie viele Fälle es geht, wird gerade erst herausgefunden. Die Ermittler müssen nachprüfen, welche Familien in den Akten des Jugendamts tatsächlich existieren und welche eine reine Erfindung des Mitarbeiters waren.

Dass jetzt überhaupt nachgeschaut wird, verdanken die Fahnder einem internen Tipp aus dem Bezirksamt. Ein wachsamer Mitarbeiter der Abteilung Wirtschaftliche Jugendhilfe soll den Betrug bemerkt haben. Ihm sei aufgefallen, dass ein leitender Mitarbeiter des Jugendamts immer wieder Zahlungen anordne, obwohl das eigentlich die Aufgabe der Sachbearbeiter wäre. Daraufhin habe sich der misstrauisch gewordene Mann an das Dezernat Interne Ermittlungen gewandt, erzählt jemand, der den Fall kennt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum wurde der Betrug so lange nicht entdeckt? Die Rede ist von rund einem Jahrzehnt, in dem der leitende Mitarbeiter immer wieder Geld abzweigen konnte. Eigentlich sollte nicht ein Einzelner über Hilfen für Familien entscheiden, eigentlich sollte es kollegiale Beratungen geben und später Hilfeplangespräche mit den Betroffenen. Es seien "Kontrollen umgangen" worden, heißt es bei der Staatsanwaltschaft dazu nur.