Ihre gemeinsame Geschichte beginnt 2.800 Meter über dem Meeresspiegel. Es ist der Winter des Jahres 1993. Es schneit, die Luft ist dünn, und Franz B. läuft auf einer Skihütte der Liebe in die Arme. Er balanciert sein Tablett durchs Selbstbedienungsrestaurant am Tiefenbachgletscher in Sölden, Österreich, Franz stellt sich an, rückt vor, und da, hinter der Kasse, sitzt sie: Bianca G., 20, schulterlanges schwarzes Haar, schlank. Eine Hübsche, denkt er. Sie kassiert ihn ab, er zahlt und lächelt. Dann fragt Franz B., 25, Junggeselle und Baggerfahrer, ob man sich mal treffen wolle?

14 Jahre später treten Franz und Bianca Hand in Hand vor ihre Haustür. Es ist die Nacht zu Weihnachten, kalt und klar. Der erste Schnee des Winters liegt. Blaulicht erhellt die Dunkelheit. Kriminaltechniker sichern Spuren, der Staatsanwalt nimmt Ermittlungen auf, und Polizisten führen das Ehepaar zu zwei Einsatzwagen. Sie setzen Bianca G. in den einen, Franz B. in den anderen. Franz blickt aus dem Fenster. Oben, in der gemeinsamen Wohnung im ersten Stock, steht ein geschmückter Christbaum, darunter liegen Geschenke, zwei Kinderbetten sind leer, und im Institut für Rechtsmedizin in Zürich liegen bald, auf kaltem Blech, zwei schmale tote Körper.

Die Autos fahren an. Die Eheleute werden ins Gefängnis gebracht, sie stehen im Verdacht, ihre siebenjährigen Zwillinge umgebracht zu haben.

In den kommenden Monaten werden die Eltern in Untersuchungshaft sitzen. Franz B. wird bestreiten, dass er oder seine Frau etwas mit dem Tod der Kinder zu tun haben. Bianca G. wird sagen, ihr Mann sei ein Mörder. Franz B. wird das alles nicht glauben, bis er von einem Doppelleben erfährt, von Lügen und von Morden. Er wird seine Vergangenheit verlieren, seine Gewissheit, und überlegen, Selbstmord zu begehen. Franz B. wird aus der Welt geschleudert.

Der Prozess: ein Schweizer Medienspektakel. Der psychiatrische Gutachter sagte: ein außergewöhnlicher Fall. Der Richter sagte: böse, brutal, erbarmungslos, unmenschlich. Der Anwalt sagte: schon was Spektakuläres. Und Franz B. fragt: Warum?

Aus einem Brief von Bianca: Franz, nach dem Warum frage ich mich jeden Tag und Nacht. Ich möchte mir und dir so gerne eine Antwort auf diese Frage geben doch ich habe leider keine. Ich denke, es muss doch einen Grund für diese Taten gegeben haben, doch ich weiss sie nicht.

Herr B., glauben Sie, jemals Antwort zu finden auf das Warum? "Kaum", sagt B.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Er ist ein Mann weniger Worte, hat eine Stimme ohne Stärke. Nie hat er in der Öffentlichkeit gesprochen über die Frau, die Kinder, die Tat. Er wollte keine Aufmerksamkeit, nur Ruhe, und weitermachen, irgendwie. "Aber es ist Zeit jetzt", sagt er.

Ordnung herrscht hier und Ruhe. Franz B., lang und dünn, die Haare kurz, lebt heute abgeschieden in einem Dorf am Zürichsee, das Haus hat er vor fünf Jahren gekauft und selbst renoviert. Besuch empfängt er selten. Er versteht die meisten Menschen nicht mehr, ihre Sorgen, ihre Sehnsüchte. Der Freundeskreis wird kleiner. Manchmal, denkt er, sei das Tier der bessere Freund. Er hat sich zurückgezogen aus einer Wirklichkeit, die ihn verraten hat. Seit bald neun Jahren sucht er nach Gründen, nach Antworten, nach Anhaltspunkten für Unbegreifliches. "Ich hätte die Hand für sie ins Feuer gelegt", sagt er.

Franz, ein Bauernsohn, merkt damals, auf der Skipiste, schnell, dass mehr daraus werden könnte. An Wochenenden fährt er ins Ötztal, läuft Ski mit Bianca, geht spazieren mit ihr, küsst sie. Franz verliebt sich. Nach anderthalb Jahren zieht Bianca zu ihm in die Schweiz. "Angenehm im Umgang war sie, nicht hochnäsig, beliebt bei den Leuten. Normaler Durchschnitt eben", sagt B. in die Stille des Esszimmers.

Franz versucht, Bianca den Anfang in der Schweiz zu erleichtern, besorgt ihr Arbeit als Kellnerin. Nach einer Woche kündigt sie, Streit mit der Chefin. Ein anderer Job endet, als Bianca gerade arbeitet und das Gebäude währenddessen zu brennen beginnt. Sie arbeitet ab und an Teilzeit, meist ist sie zu Hause. Einmal ruft sie Franz an: Du, da steht ein Mann vor der Wohnung – der bedroht mich. Franz eilt herbei, doch da ist niemand. Kreditkarten von Familienmitgliedern des Franz B. kommen abhanden.

Wochen später reißt Bianca ihren Franz aus dem Tiefschlaf: Bei uns ist eingebrochen worden. Schau! Die massive Eingangstür ist aufgebrochen, die Bankkarte entwendet, noch in der gleichen Nacht werden 1.000 Franken abgehoben. Doch nur Franz und Bianca kennen die PIN. "Im Nachhinein, klar, ergibt das alles Sinn", sagt Franz B. "Aber wer verdächtigt schon den eigenen Partner, wenn der neben dir steht?"

"Sie hatte nicht den Mut gehabt, uns einfach zu verlassen"

Laut Klassifikation; Persönlichkeitsstörung, nicht näher bezeichnet (F 60.9 nach ICD-10) mit zwanghaften Persönlichkeitsanteilen, negativer Perzeption der Außenwelt und inkonsistentem Realitätsbezug. Bianca G., attestiert der psychiatrische Gutachter, nehme die Welt als feindlich wahr, ist Perfektionistin und: Sie habe einen instabilen Realitätsbezug und somit eine außerordentliche Bereitschaft zu lügen.

Franz und Bianca ziehen um nach Horgen, Hüttenstraße 25, fünfeinhalb Zimmer. Hochzeit 1996. Aufenthaltsbewilligung für Bianca. Standesamt. Kirche. Kleine Feier. Mann und Frau und 40 Gäste essen Steak, Kartoffeln und Gemüse, Torte zum Nachtisch. Hochzeitstanz. Keine Flitterwochen. Start in die Beschaulichkeit.

Hatten Sie oft Streit? "Das ist ja das Komische: Wir haben uns eigentlich nie gestritten. Wir hatten es sehr gut miteinander."

Ein Baby kommt, Lisa, 17. Mai 1999. Ein Wunschkind. Lisa schläft viel am Tag, wacht in der Nacht. Nimmt die Mutter das Mädchen auf den Arm, weint es, will sie es baden, schreit es. Nur auf dem Arm ihres Vaters beruhigt sich das Kind.

Am Morgen des 8. Juli sitzt Franz B. müde am Frühstückstisch, er hat wenig geschlafen, weil Lisa, 49 Tage alt, viel gebrüllt hat. Er isst, küsst zum Abschied Frau und Tochter, fährt um sechs Uhr zur Arbeit. Kurze Zeit später ruft ihn Bianca an: "Die Lisa atmet nicht mehr." Ganz ruhig habe sie dabei geklungen, sagt B. heute.

Franz fährt los, ist da nach Minuten: Die vielen dunklen Haare auf ihrem Köpfchen. Diese Stille.

Plötzlicher Kindstod, diagnostiziert die Rechtsmedizin. "Die waren unfähig", sagt Franz B., unterdrückt Wut und mehr. Er senkt den Kopf: "Hätten die Rechtsmediziner besser gearbeitet, hätte man es Céline und Mario vielleicht ersparen können." Was B. nicht weiß: Ärzte können das Sudden Infant Death Syndrome von einer mörderischen Erstickung auch mit größter Mühe medizinisch nicht unterscheiden.

Aus einem Brief der Bianca G.: Wenn jemand einen Grund hat mich zu hassen dann bist du das und ich würde das verstehen.

Hassen Sie Frau G.? "Manchmal", sagt Franz B. "In der Schweiz gibt es ja maximal nur 17 Jahre, egal, wie viele Menschen man tötet. Das ist nicht ganz richtig. In Amerika wäre das kein Thema."

Zwei Monate nach Lisas Tod ist Bianca wieder schwanger. Zwillinge. Das Paar richtet die Zimmer ein, es streicht weinrot das eine, blau das andere, stellt in beide Räume die gleichen Möbel. Am 24. März 2000 drängelt sich ein Großaufgebot von Ärzten um die werdende Mutter, wartet, und in der Nacht kommen sie, erst Mario, dann Céline, keine Komplikationen, nur eine leichte Gelbsucht, drei Wochen Geburtsstation, dann heim.

Am Tag sind sie wach, nachts schlafen sie, pflegeleichte Babys. Wimmert das eine, tätschelt das andere es aufmunternd. Sie spielen zusammen, schlafen zusammen. Und Bianca? "Sie war eine gute Mutter, streng, aber bemüht. Man kann nichts gegen sie sagen", sagt B.

Er arbeitet viel und erfolgreich, verdient gut, Bianca bleibt zu Hause, kocht und putzt. Sie wird dick. Lässt sich den Magen verkleinern, 2005 einen Magen-Bypass einsetzen, die Gallenblase entfernen, kotzt und nimmt 30 Kilo ab. Dreimal wird sie ohnmächtig. Franz schickt sie zum Arzt, der überweist sie zu einem Psychotherapeuten. Nach sechzehn Sitzungen beendet Bianca die Therapie eigenmächtig.

"Sie sahen einander nicht ähnlich", sagt B. Céline wächst schneller, überragt den Bruder bald um einen Kopf. Mario ist klein und zart. Ein Charmeur, der Bagger liebt. "Manchmal nahm ich eines der Kinder mit auf die Baustelle. Mario mochte es sehr, wenn ich ihn auf den Traktor hievte, er auf meinem Schoß saß und wir gemeinsam ein Stück fuhren. Und Céline liebte die Arbeitspausen. Auf der Baustelle sehnte sie immer neun Uhr herbei. Denn da machten wir Pause, und sie durfte ein Salamisandwich essen." Was B. nie vergisst: Wie Céline immer darauf bestand, das letzte Stück Salami abzukriegen: "Salami war ihr Leibgericht."

"Céline und Mario gingen in die gleiche Klasse, es war ihr erstes Schuljahr." Franz B. steht vom Esstisch auf, verschwindet, kommt wieder mit einem Ringbuch in der Hand: "Von den Mitschülern."

Ich hofä das es im Himmel Goldendi Bluämä rägned. Mario und Celine ich wünsche euch noch schöne Jahre im Himmel. Wir denken oft an euch und werden euch nie vergessen.

Franz B. blättert, schweigt. Starrt auf Kinderschriften. "Wie", fragt jemand, als Franz B. in U-Haft sitzt, "sollen Ihre Kinder beerdigt werden?" – "Was soll man da antworten?", fragt B. und streicht über die Kaffeetasse.

Ein schlichtes Grab wurde es, aus Schwarzwaldgranit. Kremiert und im Stillen beigesetzt.

"Mario", sagt Franz B., "hat immer so ein Wort draufgehabt. Wenn er etwas Wertvolles sah, rief er: Das koscht tüür! – das kostet teuer. Bis heute rufe ich das auch, wenn ich etwas Teures sehe. Dann muss ich immer lachen." Nur eine Kleinigkeit. Sie hilft.

Im Winter 2007 wird Bianca immer gereizter. Später wird sie aussagen, ihr Leben sei damals einsam gewesen, eintönig. Ist ihr Mann arbeiten und die Kinder in der Schule, setzt sie sich ins Restaurant Waldegg und plaudert mit Gästen. Sie lernt zwei Männer kennen, drei Wochen vor Weihnachten beginnt sie mit beiden, ohne dass sie voneinander wissen, eine Affäre. Franz B. merkt nichts.

Am 23. Dezember frühstückt die Familie, es gibt Brötchen, Cornflakes, Salami. Danach fahren sie einkaufen, am Nachmittag schmücken sie den Christbaum. Mario lässt eine Kugel fallen, Bianca schreit: "Das war’s! Nie mehr gibt es einen Baum zu Weihnachten." Gegen halb sechs packt Franz B. die Kinder ein und macht einen Spaziergang. "Als wir losgingen, hatte es schon eingenachtet. Es war ein Sonntag, der erste Schnee des Winters fiel. Unter den Schuhen hörte man es knirschen." Die Kinder lieben den Schnee. Sie laufen an einen Weiher, werfen Steine auf den gefrorenen See. Mario und Céline sind aufgeregt, sie freuen sich sehr auf Weihnachten. "Ich habe diesen Spaziergang", sagt Franz B., "noch gut vor Augen, auch die Gefühle von damals. Heute fühlt es sich wie ein Abschied an." Nach dem Spaziergang isst die Familie zu Abend, die Kinder spielen Lego, schauen eine Weihnachtssendung, gehen schlafen. Kurz vor neun bekommt Bianca eine SMS von einem ihrer Liebhaber: Wenn einmal aus dem Himmelszelt ein Stern in meine Hände fällt, verpack ich ihn und schick ihn dir, denn Glück für dich, das wünsch ich mir! Träum süss! D.

Zwei Stunden später geht das Ehepaar zu Bett, Franz schläft bald ein. Gegen 2.15 Uhr weckt ihn Bianca, sie sagt, etwas sei nicht in Ordnung. Franz steht auf, schleicht aus dem Zimmer, die Wohnung ist eisig. Ein Fenster steht weit offen, Schränke und Schubladen sind aufgerissen, Kleider liegen verteilt auf dem Boden. Dann öffnet Franz B. die Tür zu Marios Zimmer.

Der Junge liegt im Bett, ein Kissen bedeckt sein Gesicht. Mario, der schmale Körper im hellblauen Pyjama, hält ein Stofftier im linken Arm, er atmet nicht mehr. Franz B. läuft ins Nebenzimmer, auch Céline liegt im Bett, auch auf ihrem Gesicht ein Kissen, auch sie tot.

Sirenen heulen nach Horgen. Noch in der Nacht vermuten die Kriminalbeamten, dass der Einbruch nur fingiert wurde, was mehrere Gutachten alsbald bestätigen. Das Ehepaar B. wird verhaftet. Bianca gibt zu Protokoll: Herr B. war’s.

"Als sie zum ersten Mal die Zelle hinter mir schlossen", sagt Franz B., "war da so eine Leere, ein schwarzes Loch. Plötzlich ist man alleine, hat nichts mehr im Leben." Er verbringt die Festtage im Gefängnis, wird dem Haftrichter vorgeführt. Der entscheidet, der Beschuldigte bleibe in Haft. Franz B. beteuert seine Unschuld, und nein, seine Frau habe sicher auch nichts damit zu tun.

Unter dem Fingernagel des toten Mario wird eine Mischspur mit dem DNA-Hauptprofil der Bianca G. gefunden, was darauf schließen lässt, dass sich der Junge gewehrt hat. Auch am Griff des offenen Fensters, an den aufgerissenen Schränken und Schubladen: nur Biancas DNA.

In Vernehmungen verstrickt sie sich in Widersprüche. "Ich habe es nicht wahrhaben wollen", sagt B., "das war mein Fehler: sie so lange zu schützen, obwohl es nach der ersten Woche auf der Hand lag, dass sie es war. Aber ich konnte es nicht glauben." Sein Anwalt sagt: "Man musste Herrn B. drauf stoßen."

Wochen nach der Tat fährt Franz B., begleitet von zwei Polizisten, ins Büro des Staatsanwalts. Der erklärt, die Beweislage gegen Bianca sei erdrückend. Sie habe ein Doppelleben geführt, von Anfang an. Sie habe die Einbrüche inszeniert, die Kreditkarten geklaut, ihn betrogen. Und sie war es, die die Kinder getötet hat.

"Als ich aus dem Büro ging, war ich extrem müde. Und war wütend. Weil sie so feige war. Sie hatte nicht den Mut gehabt, uns einfach zu verlassen." Franz B. flüstert: "Zwei siebenjährige Kinder."

Im Juni 2009 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Bianca G. Die leugnet die Taten, trotz erdrückender Beweise. Erst fünf Jahre später legt sie ein Geständnis ab: Sie sei in der Nacht des 24. Dezember ins Zimmer ihres Sohnes gegangen, habe ihn beim Schlafen beobachtet. Sie habe ihm dann ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Der Junge habe sich gewehrt und sie an den Händen gekratzt. Als er tot war, sei sie ins Zimmer seiner Schwester gegangen und habe auch ihr ein Kissen ins Gesicht gepresst. Céline habe sich noch stärker gewehrt als ihr Bruder, das Mädchen habe geschrien, weshalb sie umso fester zugedrückt habe. Sie habe, erklärt Bianca G., die Zwillinge umgebracht aus Wut und Eifersucht, weil die alles gehabt hätten, was ihr als Kind verwehrt war.

Sie gesteht auch, ihr erstes Kind, Lisa, am Morgen des 8. Juli 1999 getötet zu haben. Sie habe es zum Schweigen bringen wollen und ihr deshalb die Hand auf den Mund gelegt, bis es still war. Das Schreien des Säuglings habe sie gestresst.

Der psychiatrische Gutachter, der ein 258 Seiten dickes Gutachten über Bianca G. erstellt, sagt aus: "Wenn ein Gefühl für sie stimmig ist, schlägt das jeden relativierenden Gedanken und erst recht jede Wirklichkeit." Sie könne auf diese Weise ihre Wirklichkeiten beliebig austauschen. So käme sie in bestimmten Situationen auf Ideen, die die meisten Menschen gar nicht erst zuließen.

Aus einem Brief von Bianca G.: Dass ich dir deine Kinder genommen habe auf die schrecklichste Art und Weise tut mir aus ganzem Herzen leid (...) Es tut mir auch sehr leid, dass du unschuldig wegen mir im Gefängnis warst.

Am 29. Januar 2013 wird Bianca G. wegen mehrfachen Mordes und vorsätzlicher Tötung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht spricht von besonderer Skrupellosigkeit, die Beschuldigte habe "ihre Kinder in einem Zustand absoluter Wehrlosigkeit im Schlaf überrascht" und versucht, "den Verdacht auf unschuldige Dritte zu lenken".

Franz B. wird nach über drei Monaten aus der U-Haft entlassen. Sein Zuhause findet er unverändert vor. Der Weihnachtsbaum steht noch im Wohnzimmer, verdorrt, die Geschenke der Kinder darunter. Die ersten Monate danach, sagt B., lebe man nicht. "Es ist mehr ein Kampf ums Überleben, ein Dahinvegetieren." Manchmal habe er auf seinem Bagger gesessen, sei übers Feld gefahren und habe erst nach Minuten gemerkt, dass sein Gesicht ganz feucht war von den Tränen. Trotzdem rettet ihn die Arbeit, sie lenkt ihn ab. Doch danach kommen die Gedanken, die Einsamkeit: Warum nicht Schluss machen?

Franz B. macht weiter, Tag für Tag, und am 4. Dezember 2009 fährt er, "weil mir sonst die Decke auf den Kopf gefallen wäre", ins Café Cornetto im Kanton Glarus. Er schlürft Kaffee und hört mit, wie die Frau am Nebentisch am Telefon von ihrer Kollegin versetzt wird. "Schöne Freunde, die einen im Stich lassen", sagt die Frau zu Franz B., als sie aufgelegt hat. B. lächelt, grüßt, rückt näher. "Priska. Hallo!"

Franz und Priska reden bis Mitternacht und reden weiter bis heute. Sie bauen sich, langsam und behutsam, ein neues Leben auf. Es gäbe, sagt B., natürlich noch Momente, in denen die Sonne nicht scheint. Aber da seien eben jetzt auch schöne Momente, etwa wenn Priska, die nichts lieber esse als Salami, beim Essen auf dem letzten Stück bestehe. Dann schauen sich die beiden an und lächeln einander Mut zu.