Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Matteo Renzi hat sich einen Opferaltar errichtet. Auf dem liegt er, freiwillig, als ein kühnes junges Lamm, das am kommenden Sonntag entweder hingegeben oder geschont wird, je nachdem. Sollten die Italiener Renzis wichtige Verfassungsreform in ihrer Volksabstimmung ablehnen, will er zurücktreten. Das wirkt konsequent und heldenhaft. Doch was hatte Renzi eigentlich gewollt? Eine Strukturreform des italienischen Parlaments, eine Vereinfachung des Wahlsystems und ultimativ: stabilere Regierungen für das Land, dessen zweiter Vorname "Regierungswechsel" lauten müsste. 27 Regierungschefs seit 1948! Fragen des Wahlsystems aber sind dröge. Deshalb stellt Renzi den Italienern, indem er sein Schicksal mit dem Referendum verknüpft, lieber eine einfachere Frage: Wollt ihr mich und das, wofür ich seit 2014 stehe – Ja oder Nein? Stimmt nicht über die Verfassung, Titel 5, Teil 2 ab, wie es notwendigerweise auf dem Zettel steht, urteilt über mich! Welches Elektorat ließe sich das zweimal sagen? Obwohl Renzi der richtige Reformer zur richtigen Zeit in Italien ist, könnte er über diesen taktischen Fehler stolpern. Da sich Wahlberechtigte allerorten momentan ein ordentliches Standgericht nicht entgehen lassen, würde Renzis Aufforderung schwierige Konsequenzen zeitigen: Zwingt ihn die eigene Bedingung nach verlorener Abstimmung in den Rücktritt, destabilisiert er Italien, statt es, wie ursprünglich geplant, durch die Reform zu konsolidieren. Eine Ironie, die Renzis vermeintlichen Mut nachträglich verwandelt: in Übermut.