Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Wieder ist ein "Maueropfer" in den Stasi-Akten aufgetaucht, wieder bekomme ich den Auftrag, einen Andachtstext zu verfassen für die "Kapelle der Versöhnung", die im ehemaligen Grenzstreifen der Bernauer Straße steht, an dem Ort, wo man die Versöhnungskirche wegen besserer Schussfreiheit 1985 gesprengt hat. Und wieder tu ich mich schwer mit der heiklen Balance eines würdigen Angedenkens ohne Verklärung.

Czeslaw Kukuczka wird 1935 in der schlesischen Kleinstadt Kamienica geboren, wo er eine siebenklassige Volksschule absolviert. Mit 17 Jahren wird er für den Aufbau der sozialistischen Arbeiterstadt Nowa Huta angeworben. Drei Jahre später heiratet er, das Ehepaar wird drei Kinder bekommen.

Der Familienvater arbeitet nun in Wohnnähe, bei lokalen Reparatur- und Bauunternehmen, dann hauptamtlich bei der Feuerwehr. In seinem 40. Lebensjahr gibt es im Leben von Czeslaw Kukuczka offenbar eine Wende, von der wir keine nähere Kenntnis haben. Anfang März 1974 wird der Feuerwehrmann in seinem Heimatort vermisst. Wo er sich in den folgenden vier Wochen aufgehalten hat, ist nicht bekannt, er muss aber in einer verzweifelten Lage sein, als er sich am 29. März mittags bei der polnischen Botschaft in Ostberlin meldet. Dort fordert er ultimativ, ihm die Ausreise nach Westberlin zu gestatten, er wolle in die USA auswandern, wo er Verwandte habe.

Damit seine Forderung ernst genommen wird, droht Czeslaw Kukuczka, die Botschaft in die Luft zu sprengen, mit einer Bombe, die er in seiner Aktentasche bei sich trage. Wie man später feststellt, enthält die Aktentasche alles Mögliche, aber keinen Sprengkörper.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Hinter seinem Rücken wird Kontakt zur DDR-Staatssicherheit hergestellt, und der stellvertretende Stasi-Minister Bruno Beater trifft die Entscheidung, Kukuczka, wie es wörtlich heißt, "nach Möglichkeit außerhalb des Gebäudes der Botschaft unschädlich zu machen". Zum Schein stellt man ein Visum für Westberlin aus, ein Wagen der Stasi bringt den Polen zum Ausreisepavillon am Grenzübergang Friedrichstraße, der bei den Berlinern "Tränenpalast" heißt. Dort, im scheinbaren Abfertigungsprozess, wird er hinterrücks erschossen.

Die Stasi hält in ihrem Bericht fest, dass es den "eingesetzten operativen Kräften" während der Abfertigung gelingt, Kukuczka "ohne besonderes Aufsehen gegenüber anderen Ausreisenden (…) unschädlich zu machen". Ohne Rücksprache mit der Familie, die nichts vom Tod des Sohnes, Ehemannes und Vaters weiß, einigt man sich zwischen den sozialistischen Bruderländern auf die Einäscherung und Urnenüberführung.

Maueropfer sind per se keine Helden. Doch auch Czeslaw Kukuczka hat einen würdigen Nachruf verdient, anstatt in den Akten der Stasi begraben zu sein.