Ein Flur, graugelbe Wände, graues Linoleum. Und neun Türen. Hinter einer hat Sebastian Kurtenbach gewohnt. In der Mikrowelle hat er sich Essen aus der Dose warm gemacht, er hat auf einer Matratze auf dem Boden geschlafen, auf dem Balkonstuhl mit dem gestreiften Polster gesessen, auf die Häuser geschaut und auf die Menschen: Chorweiler, Hochhaussiedlung am Rande Kölns, 13.000 Einwohner, mehr als 40 Prozent leben von Hartz IV. Hier wohnt kaum einer freiwillig. Sebastian Kurtenbach aber doch. Er ist mit Absicht hergezogen. Er wollte erforschen, was wir alle zu kennen glauben: Nachbarn.

Nachbarn sind ein Paradox: Fast niemand kann sie sich aussuchen, doch sie kommen einem so nah wie kaum jemand sonst. Mit den meisten Nachbarn teilt man wenig mehr als die Wand oder den Zaun. Nachbarn sind dauernd da, das macht sie so nervig – und so wertvoll. Nachbarn seien soziales Kapital, schreibt der amerikanische Soziologe Robert Putnam, und wer soziales Kapital besitze, lebe länger und glücklicher. Sie sind aber auch soziale Kontrolle: "Was sollen bloß die Nachbarn denken?" Nachbarn treiben einen in den Wahnsinn mit ihrem Lärm, ihren Essens- oder Zigarettendüften, den Streitereien und der Klospülung nachts um halb zwei. Aber es sind auch die Nachbarn, denen man den Wohnungsschlüssel anvertraut, die Pflanzen, die Hauskatze und manchmal sogar das Kind. Das gehört zum Idealbild des "guten Nachbarn": Man kennt sich, man hilft einander, man passt auf.

Davon war Kurtenbachs Nachbarschaft in Chorweiler weit entfernt. "Ich habe von meinen Nachbarn sehr viel gehört, aber wenig gesehen", sagt der Sozialwissenschaftler. Die Wände in dem elfstöckigen Haus an der Osloer Straße 5 sind dünn. "Man hört, was Menschen eben so machen. Besonders im Bad, da schallt es aus den anderen Bädern." Erfahren habe er aber kaum etwas. Das ältere Pärchen links kam aus Polen und hatte einen kleinen, dicken Hund. Der junge Mann rechts arbeitete viel und war selten zu Hause. Eine beengte, aber keine enge Nachbarschaft, wie es zahllose gibt, nicht nur in Chorweiler.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Als Soziologen interessierte Kurtenbach vor allem das Allgemeingültige: Er wollte herausfinden, wie sehr eine Nachbarschaft die Menschen beeinflusst. Wirken sich heruntergekommene Gebäude, Schmierereien, herumliegender Müll auf das Verhalten aus? Führt der physische Verfall zum sozialen Verfall? Das nämlich besagt die populäre Broken-Windows-Theorie der amerikanischen Politik- und Sozialwissenschaftler James Wilson und George Kelling. Sie ist höchst umstritten, auch weil es kaum belastbare empirische Belege gibt. Entsprechend kritisch startete Kurtenbach sein Experiment: "Ich bin fest davon ausgegangen, dass ich die Theorie widerlegen würde."

Er suchte sich klar definierte Stationen in der Siedlung und fing an zu beobachten, an jedem Ort 15 Minuten, sechsmal am Tag, vier Tage die Woche, zwei Monate lang. Jetzt sitzt Kurtenbach auf einer blauen Metallbank am Spielplatz vor dem Haus Osloer 5, ein ehemaliger Beobachtungspunkt. Das Haus ist heruntergekommen, der Spielplatz nicht mehr als verdreckter Sand. "Hier sind Kinder zu mir gekommen und haben gefragt: Sollen wir dir zeigen, wo immer die Spritzen herumliegen?", erzählt Kurtenbach.

Nur 150 Meter entfernt liegt der zweite Beobachtungspunkt, vor dem 373-Stufen-Haus: Es ist das höchste in Chorweiler, 23 Stockwerke, ein gewaltiger Klotz aus Waschbeton. Und doch wirkt es freundlicher, an einigen Balkonen kleben Blüten aus Plastik wie riesige Prilblumen.

Noch einmal 150 Meter weiter der dritte Beobachtungspunkt, in einer Art Idyll: leuchtend gelb und hellblau gestrichene Häuser inmitten kleiner Gärten – die Bumerang-Siedlung. Ihr Grundriss ähnelt der Form des Wurfgeräts.