Perspektiven und Soziolekte wechseln, und Hill erprobt verschiedene Methoden, sich seine Charaktere zu erschließen. In einem der faszinierendsten Kapitel bringt er medizinisches Wissen in Anschlag, um zu zeigen, wie eine Nebenfigur an ihrer Videospiel-Sucht zugrunde geht. Der Mann nennt sich Pwnage, ist im realen Leben hoch verschuldet und arbeitslos, virtuell aber unbesiegter Superheld der World of Elfscape. Von Mangelernährung gelähmt, starrt er schließlich auf das Wasser eines fiktiven Ozeans, während er dehydriert, sein Geist erlischt und sein Spiel-Avatar erschlagen wird. Hill schildert das in einem einzigen atemlosen Satz, und solche Experimente haben ihm in den USA Vergleiche mit David Foster Wallace eingebracht. Andererseits ist er mit John Irving verglichen worden, und irgendwo dazwischen befindet sich Hill, undogmatisch traditionelle mit postmoderneren Erzähltechniken mischend, wie es seinen Figuren gerade zugutekommt.

Dieser Roman ist eine großartige Entdeckung – mit einem Wermutstropfen: Die deutsche Übersetzung ist eine Katastrophe. Der Text trifft keinen eigenen Ton, weil er so klingt wie das Deutsch von jemandem, der sehr viel Amerikanisch liest. Das führt zu einer ungelenken Syntax und Problemen der Idiomatik, etwa wenn "It goes without saying" mit "Es muss nicht extra gesagt werden" übersetzt wird statt mit "Es versteht sich von selbst". Manchmal sind Anglizismen im Deutschen bekanntlich auch einfach Fehler. Ein paar beliebige Beispiele: "It was part of the deal" heißt nicht "Das gehörte zu seinem Handel", sondern "zur Abmachung" oder allerhöchstens "zum Geschäft". "Samuel saß in der Klasse", aber natürlich saß er im Unterricht, nämlich "in class". Diese Übersetzung liegt so permanent teils offensichtlich, teils subtil störend daneben, dass das Lektorat davor augenscheinlich komplett kapituliert hat. Anders kann man sich kaum erklären, dass skurrile Einfälle der Übersetzer ebenso stehen blieben (etwa "uncomfortable longings" naseweis "unangenehmes psychosexuelles Verlangen" zu nennen) wie womöglich Autokorrekturprogrammen geschuldete Stellen, an denen das Verb "schwingen" durch den Nachnamen einer Figur namens Harold Schwingle ersetzt wurde (also: "die weiße Fahne zu Schwinglen", Witzabsichten an dieser Stelle ausgeschlossen).

Es ließe sich mutmaßen, ob die Zusammenarbeit zweier Übersetzer, Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer, eine idiomatischere Sprache verhindert hat oder ob es besonders schnell gehen musste, damit die deutsche Ausgabe zeitgleich mit der wegen des Wahlkampfs vorgezogenen amerikanischen auf den Markt kommen konnte. Das Ergebnis bleibt leider dasselbe: Mehrere Hundert Seiten in diesem Stil sind beim besten Willen niemandem zumutbar. Deswegen sei hier ausnahmsweise, wie sonst nur bei Filmen, zum Originalton geraten.

Nathan Hill: Geister. München Piper 2016 864 Seiten 25,- €