Ja

Die Sonntagsruhe bleibt heilig, auch wenn die Geschäfte am siebten Tag die Tore weit machen. Besinnung lässt sich nicht erzwingen, und es werden auch nicht mehr Menschen zur Ruhe kommen (geschweige denn in die Kirche), weil ihnen der Sonntagseinkauf verwehrt wird.

Einkäufe werden längst zu jeder Tages- und Nachtzeit online erledigt. Man könnte meinen, die Debatte um verkaufsoffene Sonntage wäre damit obsolet. Doch die Einzelhändler fürchten, zu viel vom Kuchen an die Konkurrenz im Netz und auf den Weihnachtsmärkten zu verlieren, die mit dem Sonntagsvorteil punkten; und die Kirchen – in ungewohnter Einigkeit mit den Gewerkschaften – verteidigen dagegen alljährlich die biblische Siebentagewoche. Initiator der Debatte zur Vorweihnachtszeit in diesem Jahr: Karstadt-Chef Stephan Fanderl. Er forderte jüngst bundesweit mindestens zwölf verkaufsoffene Sonntage. "Das wäre ein Einstieg in die generelle Sonntagsöffnung", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Die Interessen der Einzelhändler sind klar: verkaufen, verkaufen, verkaufen. Besinnlichkeit war noch nie ihre Stärke – und auch nicht ihre Aufgabe.

Das Anliegen der Kirchen dagegen ist redlich: Sie nehmen gemeinsam die Menschen hinter der Ladentheke in den Blick. Margot Käßmann etwa meint: "Wer der totalen Vermarktung des Lebens etwas entgegensetzt, eintritt für Ruhezeiten statt kollektives Burn-out, liegt im Trend." Die Theologin hat ein Herz für Verkäuferinnen. Sie plädiert dafür, Entschleunigung als Wert anzuerkennen. Niemand könne zudem zusätzlich Geld ausgeben, nur weil Geschäfte sonntags geöffnet sind. Dabei steht in den Zehn Geboten nicht "Du sollst nicht einkaufen", sondern "Der siebte Tag ist ein Ruhetag". Auch hat Jesus den Händlern nicht verboten zu handeln, er hat sie lediglich aus dem Tempel vertrieben. Im Heiligsten soll auch zukünftig nicht gehandelt werden. Aber was spricht dagegen, davor, danach oder auf dem Weg dorthin Einkäufe zu erledigen oder Weihnachtsgeschenke zu besorgen? Oder umgekehrt: Warum nicht die gehetzten und gestressten Konsumisten in Räume der Stille locken? Mit Stundengebeten, Ausverkaufauszeiten oder dem Angebot, auf die Kinder aufzupassen, während die Eltern Weihnachtsbraten und Geschenke besorgen?

Weihnachtsmärkte sind analog und gerade deshalb so erfolgreich. Je traditioneller und mittelalterlicher sie anmuten, desto beliebter sind sie. Das Anachronistische hat Konjunktur, nur die Kirchen profitieren nicht davon. Sie dienen nur noch als Kommerzkulisse. Sie stehen zwar oft in der Mitte der Einkaufsstraßen, sind umringt von Cafés, Einkaufszentren, Wochen- oder eben Weihnachtsmärkten. Die alten Dorfstrukturen sind erhalten, aber das Drumherum hat sich verändert. Im Gegensatz zu den Geschäften bleiben die Tempel leer – auch am Sonntag. Nichts dringt aus ihnen zu den Menschen, die ihre Besorgungen machen, und kaum jemand drängt selbst in der Weihnachtszeit in die alten Gemäuer hinein.

Während evangelische Kirchen unter der Woche fast immer verschlossen sind, öffnen Fitnessstudios inzwischen oft rund um die Uhr. Sie reagieren damit erfolgreich auf flexiblere Ansprüche und Arbeitszeiten. Die Kirchen aber halten an ihrem Universalkonzept für alle fest: Der zentrale Gottesdienst findet sonntagmorgens statt. Punkt. Wer nicht kommen will, kann uns gestohlen bleiben. Die Antwort der Kirchen auf die Ladenschlussliberalisierung könnten endlich liberalere Gottesdienstzeiten sein. Das käme nicht nur Krankenschwestern, Clubbesuchern und anderen Schichtarbeitern entgegen, die sonntagmorgens Besseres vorhaben, als in eine Kirche zu gehen, sondern schlicht allen, die sich nach mehr als dem Ausgleich auf dem Laufband sehnen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Kirchen verteidigen eine Freiheit von gestern, als Mami noch pünktlich das Abendbrot vorbereitete, bis Papi von der Arbeit kam. Doch Arbeitszeiten halten sich nicht und hielten sich nie an biblische Wochenrhythmen. Nicht nur, weil fiese Kapitalisten das so wollen, sondern weil es alle gut finden, nach 18 Uhr nicht mehr vor verschlossenen Ladentüren zu stehen. Wer das nicht will, kann es ja lassen. Und selbst den Arbeitnehmerinnen wäre eher damit gedient, wenn die Kirchen und Gewerkschaften einig für die 32-Stunden-Woche oder für eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten auf allen Ebenen eintreten würden, die nicht nur den Arbeitgebern entgegenkommt, sondern etwa auch Alleinerziehenden.

Für die persönliche Dosis Ruhe ist heute jeder selbst verantwortlich. Aufgabe der Kirchen und Gewerkschaften könnte sein, die nötigen Freiräume in einer immer flexibleren und subtil ins Private übergriffigen Arbeitswelt zu ermöglichen.

Hannes Leitlein