"Land, laß mich fahrn", schreibt Andreas Reimann in einem seiner frühesten Gedichte, um 1964. Ein großer Lyriker der sächsischen Dichterschule wurde siebzig in diesen Tagen. Zum Festakt kann ich leider nicht kommen, denn ich fahre. Gen Hainichen, der Stadt Gellerts, über Chemnitz.

Zu Werner Heiduczeks Neunzigstem, auch nicht lang her, traf ich Andreas Reimann, und er verstand meine Entschuldigung, mein Fernbleiben. "Ach, du hast eine Mugge", sagte er, was will man machen als Freiberufler, Schreiber, Künstler, die Zeiten sind hart, jeder Euro muss mitgenommen werden, Herbst der Dichter, Geburtstage, Totentage. "Es wächst der heerwald unentwegt: / o holz, aus dem man keulen schlägt ..."

Und im Zug Richtung Chemnitz verwundert mich dieser Zug Richtung Chemnitz, alte Abteile, chromblitzende Türgriffe ..., und ich frage die Schaffnerin. Der Zug sei Ende der Dreißiger erbaut wurden. Nun wieder im Einsatz. Und wie er dahinfliegt, durch unsere Städte und Dörfer! "Weh uns, weh uns!: wie eine Fahne, rot, / rast hin der zug, ein langer feuerstrich ... / der lack zerspringt: ein brauner anstrich kot."

Wie friedlich es ist in Hainichen, Stadt Gellerts. Und wie heimisch ich mich fühle auf dem leeren Bahnhofsvorplatz und wie fremd. Jugendliche, um ein Auto versammelt, zwei Flüchtlinge vorm Penny. Und Fürchtegott Gellert flüstert: "Ein Tier folgt den Fesseln der Natur, ein Mensch dem Licht der Seelen."

Und an Hubert Witt muss ich denken, bei meinem Gang durchs nächtliche Hainichen. Am Vormittag zu Grabe getragen im Norden von L., der Lektor Hilbigs, der Nachdichter, der Reclam-Mann, wacher Geist und waches Herz der Stadt L., die die Geister und Herzen so dringend braucht! Wie Heiduczek, wie Reimann, "doch abschied nahm ich, odysseen / erwarten mich. Fällt stein auf stein / und nennt sichs welt? Werds überstehn, / nehm abschied ich, um hierzusein."