Da kommt was ins Rutschen zwischen Politik und Öffentlichkeit. Und das nicht nur wegen all des Hasses, der den Politikern aus dem Netz entgegenschlägt. Zunehmend lassen sich auch sonst besonnene Kollegen von dieser Tonlage anstecken, Wutjournalismus macht sich breit.

So wurde dem Präsidenten des EU-Parlaments, Martin Schulz, jüngst die charakterliche Eignung zum Kanzlerkandidaten abgesprochen, weil er einst Schulabbrecher und ein "Trinker" gewesen sei. Mal abgesehen davon, dass die Republik schon einen ziemlich guten Außenminister ohne Abitur hatte sowie den einen oder anderen Kanzler, den man nach heutigen Maßstäben als Trinker bezeichnen würde – was bringt solch vernichtende Charakterkritik? Sollen nur noch Menschen mit bruchloser Biografie in Spitzenämter gelangen dürfen? Zeugt das nicht einfach von moralischer Arroganz?

Manche Politikbeobachter verhalten sich so aggressiv gegenüber dem amtierenden Personal, als hätten sie noch eine zweite politische Klasse in petto. Haben sie aber nicht, im Gegenteil: Kaum je war der Qualitätsunterschied zwischen der ersten und der zweiten Reihe der Politik so groß wie heute. Das hat mit den seit Jahrzehnten gewachsenen Nachwuchsproblemen zu tun, mehr aber noch mit der zuletzt atemberaubenden Beschleunigung und Internationalisierung von Politik.

Machtphysik plus Küchenpsychologie – das reicht einfach nicht mehr

Viele kommen da nicht mehr mit, sogar viele Journalisten nicht. Denn sonst würden sie als Maßstab für die Bewertung deutscher Politiker nicht immerzu sich selbst, eine glorifizierte Vergangenheit oder ein ausgedachtes Idealbild hernehmen, sondern die politische Klasse etwa der USA, Frankreichs, Österreichs oder Großbritanniens. Das Ergebnis eines solchen Vergleichs bringt dann leider ein für leicht erregbare Beobachterseelen schockierendes Ergebnis: Das hiesige politische Spitzenpersonal mag nicht so toll sein – nur gibt es auf der ganzen Welt nichts Besseres.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Probleme gibt es aber nicht erst bei der Bewertung von Politik, sondern schon bei ihrer Beschreibung. In den seligen Zeiten der Bonner und in den frühen Jahren der Berliner Republik genügte es meist, Politiker in ihrer jeweiligen Machtkonstellation zu beschreiben und diese Beobachtungen mit biografischen Erkenntnissen zu verschränken. Ihr stetes Machtstreben bildete den Fluchtpunkt des Journalismus.

Nach dem Muster verfährt man oft auch heute, es vollzieht sich eine Verbonnung des Journalismus inmitten forcierter Globalisierung. Da wird Merkels Zaudern bei ihrer Kandidatur als machttaktisch geschickt hingestellt; Sigmar Gabriels Zögern wiederum habe irgendwas mit Kindern oder Kindheit zu tun; Horst Seehofers Verhalten gegenüber der Kanzlerin schließlich lasse sich nur mit den Bayernwahlen 2018 erklären.

Mag alles sein, doch wer sich heute mit Machtarithmetik plus Küchenpsychologie begnügt, der verpasst die – tief beunruhigende – Pointe: Die deutschen Spitzenpolitiker sind von Machtfluchtgedanken mindestens so geplagt wie von Machtwillen geprägt, die meisten von ihnen streben Posten zwar erneut an, sie fürchten sich jedoch auch davor. Und zwar bis ins Mark.

Wer fragt, erfährt dies: Seehofer handelte in der Flüchtlingsfrage vor allem aus Überzeugung, weswegen er auch so kompromisslos war. Er sorgte sich gewiss um sich selbst, mehr aber noch: um Deutschland. Angela Merkels Zögern war weniger taktisch als vielmehr existenziell, spätestens seit dem Sommer quälte sie sich mit der Frage, kann ich, darf ich, muss ich? "Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Weg." Und auch Gabriel wäre mit seiner Entscheidung in normalen Zeiten schon längst durch.

Das jedoch ist der springende Punkt: Die Zeiten sind nicht normal, sie werden von den Politikern als extreme Herausforderung wahrgenommen, als Ausnahmezustand ihrer politischen Biografie. US-Instabilität, Flüchtlinge, Digitalisierung und vor allem der Angriff des Autoritarismus – plötzlich scheint alles auf dem Spiel zu stehen, wofür sie ihr ganzes Leben lang gekämpft haben. Hätte man Merkel, Gabriel, von der Leyen, Schulz oder Seehofer vor ein paar Jahren gefragt, ob sie sich in der Lage sähen, im Existenzkampf der liberalen Demokratie und der EU an vorderster Front zu stehen, hätten sie wahrscheinlich abgewunken. Nun stehen sie, wo sie stehen, die Geschichte springt sie an, zum Wegducken ist es zu spät. Dafür kann man sie natürlich nicht von harter Kritik dispensieren.

Aber achten könnte man sie.

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