Wir fürchten uns, anzuecken!

Protestanten gelten Beobachtern als Langweiler und Angsthasen. Sie sollten häufiger Nein sagen

von Friederike Gräff

Kürzlich las ich "Ungläubiges Staunen" von Navid Kermani, es geht dort um christliche Kunst, um Maler wie Caravaggio, um Bilder wie das von Judith und Holofernes, berstend vor Leben, voller Blut und voller Kampf. Es geht um Märtyrer, um Gequälte und Verzückte, kein Wunder, dass der Protestant von heute nur in zwei kurzen Sätzen auftaucht. Kermani erinnert sich da an die Christen in seiner Geburtsstadt Siegen, er hat "gute Menschen vor Augen, aber nicht schöne; vernünftige Predigten, aber sterbenslangweilige; Nächstenliebe, aber nicht Sex". Das macht gar nichts, könnte man sagen, hässlich und gut ist besser als hässlich und schlecht, und Sex regnet es heutzutage auch bei der Vermarktung von Staubsaugern, da ist der Bedarf an Nächstenliebe insgesamt höher.

Hätte es nicht der schlaue und zugleich elegante Kermani geschrieben, hätte es mich vermutlich nicht weiter beschäftigt; es ist vorsichtig formuliert nicht das erste Mal, dass man als Protestant phänotypisch zu den Schafen gezählt wird: harmlos, gleichförmig, in Gruppen verschwindend und ohne wahrnehmbares Temperament. Kermani rudert später noch ein bisschen zurück, die Steifheit der Christen in Bundfalten ist ihm zumindest lieber als die Formlosigkeit der Kirchentagsfunktionshosenchristen, so schreibt er. Sei’s drum, könnte der Bundfaltenfunktionshosenchrist sagen, ich bin nicht McDonald’s und muss meine Außenwirkung mit einer Ökokampagne aufpolieren.

Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Es ist kränkend, wie der Falke Kermani die Protestanten betrachtet, zumal gesättigt von eigener Anschauung, es ist kränkend bereits auf einer ästhetischen Ebene. Ich glaube, dass mir die Sätze so nachhingen, weil die Diskrepanz so groß ist zwischen einem Text, der in jedem Satz von der Begeisterungsfähigkeit des Autors zeugt, und dem freundlichen Abwinken in Richtung des protestantischen Biedervolks.

Ich glaube, dass der Kern der Verachtung, die ihm entgegenschlägt, die dem Protestanten zugeschriebene Furchtsamkeit ist. Ein Eifer, es sowohl nach oben als auch zur Seite hin allen recht zu machen, Gott nicht zu erzürnen, aber auch dem Nächsten nicht auf die Füße zu treten. Die evangelische Nächstenliebe wirkt da weniger wie eine souveräne Gabe als ein kleinmütiges Rauchopfer, das möglichst viele gleichzeitig gnädig stimmen soll. Das heißt nicht, dass es so ist, es ist bloße Unterstellung, wer sieht schon in das Herz des Protestanten, wo sich Ängste aller Art mit durchaus warmen Gefühlen für den Nächsten mischen mögen. Aber interessant ist sie doch, diese zarte Herablassung der anderen, und man kann sie betrachten wie der Botaniker die Zeigerpflanze, die ihm verrät, auf was für einem Gelände er unterwegs ist.

Ich glaube, dass das, was für den Protestanten Offenheit ist, gelegentlich auch das, was er dafür halten will, für jene Außenwelt vor allem eines ist: die Unfähigkeit, Nein zu sagen, eine Beißhemmung, die für die Nichtprotestanten nicht barmherzig, sondern zahnlos ist. In der Pädagogik erfährt das Nein gerade eine bemerkenswerte Renaissance. Jesper Juul, dessen Texte zum heiligen Gral moderner Eltern geworden sind, hat ein Buch über die Schönheit des Neins geschrieben. Laut Juul war das Nein früher die Reaktion angepasster Eltern auf unangepasstes Verhalten ihrer Kinder, freudlos, duckmäuserisch. Das richtige, heutige Nein dagegen soll ein Akt der Selbstabgrenzung sein, die nicht nur gesund, sondern geradezu Grundlage jeder funktionierenden Beziehung ist. Das Nein als Voraussetzung dafür, in der Familie mehr als der nützliche Depp, nämlich ein respektiertes Gegenüber zu sein.

Das Buhei um Juul ist enervierend, und wenn man vom Nein als Liebesgabe für sich und den anderen liest, ist das ein bisschen viel des Guten, aber sei’s drum: Dass das Neinsagenkönnen Respekt nach sich zieht, ist ziemlich naheliegend und dennoch richtig. Wer Nein sagt, ist unabhängig von der Zustimmung der anderen. Es gab eine Zeit, die heute unfassbar weit weg scheint, als Dorothee Sölle politische Nachtgebete initiierte, wo die Aktion Teil des Gottesdienstes sein sollte, als man als kirchliche Versammlung sagte: Wählt diese Partei. Das war Abgrenzung, das war Wegbeißen. Nicht zu verschweigen ist, dass die Gebete endeten, weil politische Gruppen sie für sich vereinnahmen wollten.

Man muss nicht finden, dass es Aufgabe der Kirche ist, Wahlempfehlungen zu geben, aber es darf und muss einem auffallen, dass Sölle zu ihren Lebzeiten wenig Freunde in der Kirchenleitung hatte und heute eine ihrer Säulenheiligen ist. Sie hatte keine Furcht, sich abzugrenzen, und das findet man vor allem im Nachhinein gut.

Es darf einem auch auffallen, wie gut sich heutzutage die protestantische Kirche und die Parteiprominenz der Grünen verstehen. So gut, dass Kirchentage eine Art inoffizieller Parteitag sind, wobei die Grünen, angekommen in der Mitregierungsära, den Wettbewerb um das biederste Erscheinungsbild getrost aufnehmen können. Na und, kann man sagen, wer Verantwortung übernimmt, macht Kompromisse, begibt sich in eher starre Strukturen, hat und verkörpert Macht. Opposition mag mehr Sex-Appeal haben, aber man stolpert gerade jetzt europaweit über allzu viele Leute mit Appeal, die der Allgemeinheit wenig dienen.

Mehr Nein, das wirkt verlockend, mehr Nein und der Protestant wird unwiderstehlich, flüstern der hippe Pädagoge und die Hardliner in unfreiwilliger Einigkeit, aber selbst wenn die Rechnung aufginge – was unwägbar bleibt –, wäre das vereinbar mit dem Grund, auf dem der Protestant steht? Ausgrenzung statt Akzeptanz oder zumindest der Versuch, zu verstehen? Dann rettet man sich gern in das gleichermaßen kluge und richtige wie unbestimmte Ja zum Einzelnen und Nein zu Strukturen. Man könnte die Bibel zu Hilfe nehmen, die hat alles im Angebot, könnte die Milde für Zöllner und Ehebrecherin einerseits und den Zorn gegenüber den Händlern andererseits ins Spiel bringen. Stimmt, stimmt und stimmt.

Man kann es noch einmal komplizierter machen und fragen, wie unschuldig dieser Sex-Appeal des Neins eigentlich ist. Nicht, dass ich ihn nicht selbst spürte, der Protestant als Cowboy statt als Allesversteher, aber das Nein ist ja nicht notwendigerweise die richtige Antwort auf komplexe Fragen, auch wenn es so schnittig klar daherkommt.

Und doch bleibt der Stachel im Fleisch der Biederen und somit auch in meinem Fleisch, vielleicht weil das Nein zu den Strukturen immer mal wieder so abstrakt bleibt wie die Strukturen selbst. Weil die Neins der Protestanten selten über das hinausgehen, was zumindest theoretisch ohnehin Konsens ist und was man als Blanko-Losung überallhin mitnehmen kann in seiner schönen Allgemeinheit: kein Rassismus, keine Diskriminierung, keine AfD. Kein Wunder, dass der Protestant sich gern im Mainstream aufhält in einer Zeit, in der er einerseits in Tausenden Polit-Gremien mit sitzen darf und zugleich sein bröckelndes Haus zurückbaut.

Ich beuge mich aus dem Fenster und merke, wie unbehaglich es da draußen im Wind ist, und sage: Warum nicht Nein zur Spätabtreibung in evangelischen Kliniken? Und denke sofort: Was ist denn mit Vergewaltigungen, was ist mit Erbkrankheiten, die die Kinder vorhersehbar dahinsiechen lassen werden? Und denke: Was ist mit den vielen Kindern mit Downsyndrom, die nicht geboren werden, und wie kann es sein, dass ich vor einiger Zeit las, dass eine evangelische Klinik in Niedersachsen Spitzenreiter bei Spätabtreibungen ist? Ich habe keine Antwort auf diese Frage, und ich kann nicht sagen, ob das der Komplexität der Frage geschuldet ist oder ob ich nur ein Prototyp der protestantischen Aneckungsfurcht bin.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Das wäre ein würdiger Schluss für eine protestantisch-vernünftige Predigt, die Kermani billigen, aber auch langweilen würde. Von daher wende ich den Blick noch einmal auf das Optische und merke an, dass das Problem des optischen Einerleis auch ein soziales ist, dass das zweimal geschlungene Halstuch und die Globetrotter-Sandalen zur Mittelschicht mittleren Alters gehören. Würde man die soziale Lücke, die nach oben und nach unten klafft, schließen, bekäme man plötzlich auch bundfalten- und halstuchlose Menschen zu Gesicht.

Eine Gruppe hat es gerade geschafft, aus der Ecke der freudlosen Dogmatiker zu den Hipstern überzuwechseln. Der Veganer war lange so angesagt, wie es heute der Protestant ist, früher weltfern, inzwischen stylisch und Weltretter in einem. Das hat zum einen damit zu tun, dass das vegane Leben nicht mehr primär mit Verzicht, sondern mit Gewinn verbunden wird: Veganes Essen ist gutes Essen, gut für den Körper, gut fürs Mitgeschöpf. Also hat es das Reformhaus verlassen und sich ein attraktiveres Umfeld gesucht, Burgerbuden, eigene Supermärkte, Szenecafés. Und obwohl ich dem Veganismus als Hipsterreligion kein langes Leben prophezeien würde, auch wenn Protestantismus mehr ist als die Frage, was man isst, eine Scheibe könnte man sich davon abschneiden: den Gedanken, dass es dabei um ein schönes Leben geht. Etwas, was weder den Protestanten noch den Nichtprotestanten unmittelbar zu ihnen einfallen würde. Also einmal, endlich einmal das Nicht-Erwartbare. Und dann könnte man über die Art dieser Schönheit diskutieren.