Sind die Linken am Vormarsch der Rechten schuld? Das ist eine Frage, die immer wieder einmal, aber seit den Wahlen in den USA mit neuer Bestürzung und Naivität gestellt wird. Die klassische Antwort lautete stets: Die Lager schaukeln sich nun einmal gegenseitig hoch. Aktuelles Beispiel könnte der besondere Hass sein, mit dem Trump-Anhänger in den USA, die AfD in Deutschland und der Front National in Frankreich auf Schwulenehe, Gendertheorie und Flüchtlingshilfe reagiert haben. Da hätten, könnte man sagen, die Linken überzogen und dürften sich über die Gegenbewegung nicht wundern.

Eine andere, schon anspruchsvollere Antwort lautet: Die Linke habe ihre emanzipatorischen und humanitären Projekte zulasten der klassischen Sozialpolitik vorangetrieben. Anstatt Arbeiter und Arbeitslose vor den ruinösen Folgen der Globalisierung zu bewahren, habe sie sich in den Mittelstandssorgen um Gleichstellungspolitik, Geschlechtergerechtigkeit und karitative Akte vertüddelt. Die verelendenden Massen seien nach rechts abgerutscht, weil sie auf der Linken keinen Schutz mehr gegen das Kapital gefunden hätten. Das ist die Denkzetteltheorie, und für sie spricht, dass sie auch von manchen Wählern, in Kentucky ebenso wie in Sachsen-Anhalt, formuliert wird.

Eine ganz neue Theorie hat Alard von Kittlitz an dieser Stelle aufgestellt. Die Linke sei gescheitert, weil sie nicht reinen Herzens sei. Sie werde auch weiterhin daran scheitern, die Massen vom rechten Rand auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, weil sie sich über ihre eigenen finsteren Seelenanteile nicht aufkläre. Wir alle, die wir uns über Homophobie, Sexismus und Rassismus bei Trump oder im AfD-Milieu aufregten, seien in Wahrheit in einer dunklen Ecke unseres Herzens ebenfalls ein bisschen schwulen-, frauen- und fremdenfeindlich. Nur könnten wir diese Erkenntnis nicht zulassen und hegten deshalb gegen die populistischen Bewegungen, die sich zu ihren Phobien bekennen, einen Hass, der uns gesprächsunfähig mache.

Die zugrunde liegende Gedankenfigur hat Kittlitz von der Psychoanalyse, die von einer "Abspaltung" der unerwünschten Neigungen spricht – sie werden auf einen äußeren Gegner verschoben und dort stellvertretend gehasst. Kittlitz schreibt: "Wir verachten die anderen so wahnsinnig, wir sind so entsetzt über ihre Siege, weil uns in ihnen unsere eigenen Dämonen im Triumph begegnen." Er schreibt: "Wir sagen, Trump ist xenophob – und haben Angst, wenn ein arabisch aussehender Mann mit Rucksack zu uns in die U-Bahn steigt." Er schreibt, "dass sich manch einer von uns klammheimlich über unsere Niederlage freut", und nennt als Beispiel "Clinton-Wähler, die still hoffen, dass nun vielleicht wirklich weniger Mexikaner in ihre Stadt kommen".

An dieser Stelle empfiehlt es sich, für einen Moment innezuhalten, um diese Selbstanklage auf sich wirken zu lassen. Kittlitz glaubt offenbar keine Sekunde lang, dass in seinem ominösen Wir irgendeine spontane Empathie für andere Menschen wirksam sei, spontanes Mitgefühl für Schwule, die gedemütigt werden, spontane Solidarität mit Frauen, die beleidigt und belästigt werden, Trauer um Schwarze, die erschossen werden, Sorge um Flüchtlinge, die bei uns stranden. Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Anteilnahme erscheinen hier nur als Ideale eines intellektuell "aufgeklärten" Milieus, die hochgehalten werden müssen, die aber von niemandem wahrhaft gefühlt und gelebt werden können. Alle "Aufgeklärten" – also weit über das linke Milieu im engeren Sinne hinaus – scheitern an ihren Idealen und sollten sich daher einfühlsam und ohne Hochmut mit Anhängern von AfD und Trump verständigen, deren Schicksal es ja auch nur ist, an den Idealen zu scheitern. "Man muss in denen, die scheitern, die Brüder und Schwestern erkennen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Müssen "wir" das wirklich? Vollendet sich die Aufgeklärtheit erst, wenn wir die Hand verständnisinnig drücken, die morgen vielleicht einen Molotowcocktail wirft oder heute schon den Satz twittert, der die Tat von morgen rechtfertigt? Ich jedenfalls möchte das nicht. Ich glaube nicht einmal, dass sich die Mehrzahl meiner Zeitgenossen in dem scheiternden Wir wiedererkennt. Wer fürchtet sich wirklich, und nicht nur aus eingeredeter Hysterie, wenn ein Araber mit Rucksack in die U-Bahn steigt? Ich bin wie viele andere Menschen auch mit Arabern morgens und abends in der Bahn gefahren, weil an der Endstation, die auch meine Station ist, ein Flüchtlingslager lag. Manchmal habe ich mich mit diesen Arabern unterhalten, manchmal ihre Rucksäcke getragen, viele Menschen haben auch die Kinderwagen getragen, in denen einiges hätte verborgen gewesen sein können. Es waren aber immer nur Kinder. Und selbst wenn ich an die Möglichkeit eines Bombengepäcks gedacht hätte (was ich nicht tat), hätte ich mich an die Engländer oder Franzosen erinnert, die den Terror der achtziger Jahre schließlich auch durchgestanden haben, ohne an ihrer Hilfsbereitschaft irre zu werden.