Als Matteo Renzi vor mehr als zwei Jahren Ministerpräsident wurde, versprach er, Italien aus seiner dauerhaften Krise zu führen. Alles, was dem im Weg stand, wollte der damals 39-jährige Sozialdemokrat hinwegfegen. Er wusste die Mehrheit der Italiener hinter sich. Sie hatten genug von einer politischen Kaste, die ihnen unfähig, ja parasitär erschien. Renzi sollte sie zertrümmern, "verschrotten", wie er es nennt.

Er hatte begriffen: Dazu brauchte es einen Umbau der Institutionen, namentlich des umständlichen Zweikammersystems. Daraus war im Laufe der Jahrzehnte eine Festung geworden, in der sich die Parteien gegen jeden Veränderungswillen verschanzten. Diese Festung wollte Renzi schleifen. Deshalb hat er eine Verfassungsreform auf den Weg gebracht. Am Sonntag, den 4. Dezember stimmen die Italiener in einem Referendum über sie ab, diese "Mutter aller Reformen", wie Renzi sie nennt. Mehr noch: Der Ministerpräsident hat seine politische Zukunft damit verbunden. Wer wird am Sonntag gewinnen?

Gegenfrage: Was kann man noch vorhersagen? Jedenfalls liefert Renzi sich mit dem Nein-Lager ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Aber ein Drittel der Wähler ist immer noch unentschieden. Renzi hofft auf dieses Drittel. Unterdessen hat sich der Wetteinsatz erhöht. Mittlerweile geht es nicht nur um Italien, es geht um die Zukunft der EU. Denn wenn Renzi fallen sollte, könnte über Italien eine Krise hereinbrechen, an deren Ende, selbst das ist nicht ausgeschlossen, die Gegner der EU irgendwann die Macht in Rom übernehmen. In einem der Gründungsländer des Vereinigten Europas. Das jedenfalls wäre der Worst Case.

Es wäre falsch zu glauben, Renzi riskiere das alles aus einer Laune heraus. Er handelt vielmehr aus bitterer Erfahrung. Versuche einer Verfassungsreform wurden schon unternommen, als er noch ein Halbwüchsiger war. Sie verliefen im Sande: Der Wille der Beteiligten reichte nicht, die Parteien blockierten sich gegenseitig. Deshalb entschied sich Renzi für eine andere Strategie. Er mobilisierte das Volk gegen die Bremser, überzog sie mit Spott, sogar vor der eigenen Partito Democratico (PD) machte er nicht halt und gewann Sympathien: Im Mai 2014 heimste Renzis PD über 40 Prozent der Stimmen ein; es waren zwar nur Europawahlen, aber keine andere Partei Europas konnte so viele Wähler auf sich vereinen. Renzi fühlte sich damals unangreifbar.

Und sah die Gelegenheit, seinem Amt zusätzliche Legitimation zu verschaffen. Er selbst ist nie vom Volk gewählt worden, vielmehr hatte er sich als Parteichef der PD ins Amt gehievt, indem er den bisherigen Ministerpräsidenten, seinen Parteifreund Gianni Letta, hinausdrängte. Ein erfolgreiches Manöver, aber eben keine Wahl. Um dieses Manko zu beheben, drohte Renzi für den Fall eines Scheiterns des Verfassungsreferendums mit Rücktritt – was im Umkehrschluss bedeutet: Gewinnt er, ist er stärker als je zuvor. Das war wagemutig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Und hochriskant. Wer Renzi stürzen möchte, der braucht am 4. Dezember bloß mit Nein zu stimmen. Die Reihen seiner Gegner sind seit Renzis Amtsantritt gewachsen, auch in seiner eigenen PD. Allzu viele Parteifreunde hat er vor den Kopf gestoßen.

Und wie das so ist in öffentlichen Ämtern: Der Schwung der Erneuerung hat nachgelassen. Die Gegenwart ist eine härtere Realität als die versprochene Zukunft, die sich noch nicht abzeichnen will. Zehn Millionen Italiener leben unterhalb der offiziellen Armutsgrenze (780 Euro monatlich), Millionen sind arbeitslos (über 12 Prozent), die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 30 Prozent, die Banken wackeln. Betriebe, einst der Stolz der Industrienation Italien, sind entweder abgewandert (Fiat), es gibt sie schon lange nicht mehr (der Industriezusammenschluss IRI), oder sie sind zum Großteil in ausländischer Hand (Stahlindustrie). Renzi verweist zwar auf ein Wirtschaftswachstum, das dank seiner Arbeitsmarktreformen zustande gekommen sei, doch die Botschaft kommt nicht an. Schwer zu sagen, was schwieriger ist: binnen zweier Jahre eine darniederliegende Wirtschaft aufzumöbeln oder das Bewusstsein derer, die alle Lasten tragen.

Junge, gebildete Menschen verlassen in Scharen das Land, allein im vergangenen Jahr kehrten 107.000 junge Italiener dem Süden den Rücken, dem Mezzogiorno. Dort leben an die 23 Millionen Bürger, die sich ökonomisch alleingelassen fühlen. Hinzu kommt das im Süden verbreitete Gefühl, mit der Migration über das Mittelmeer von den EU-Mitgliedsstaaten im Stich gelassen zu werden.