Wenn in Hamburger Medien der Name Rüdiger Kruse fällt, dann gibt es meistens etwas zu feiern: 120 Millionen Euro für ein neues Hafenmuseum, 30 Millionen Euro für die Sanierung des Alten Elbtunnels, 18,5 Millionen Euro für die Wiederbelebung des Fernsehturms, 10,75 Millionen für die Laeiszhalle und 7 Millionen Euro für die Nikolaikirche. Insgesamt 200 Millionen Euro hat der CDU-Bundestagsabgeordnete in den vergangenen sechs Jahren für Hamburg aus dem Bundeshaushalt geholt.

Wie macht er das? Und wie wurde aus einem Studienabbrecher Hamburgs effektivster CDU-Bundestagsabgeordneter?

"Musikstadt Hamburg" ist der Titel der Veranstaltung im Bunker in der Feldstraße. John Neumeier und Amelie Deuflhard sind sich einig: Musikstadt, das war früher einmal. In anderen Runden wäre nun der Politiker in der Rolle des Buhmanns, des Knausers. Nicht so Rüdiger Kruse. Er gehört für die Kulturleute dazu. Denn dieser Kruse aus dem Wahlkreis Eimsbüttel gilt unter ihnen als der Möglichmacher. Als einer, dem es tatsächlich um die Künste geht. Und der Geld besorgt: für das Bundesjugendballett John Neumeiers, fürs Thalia Theater, für Kampnagel.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Politiker sich ausgerechnet über das Thema Kultur profiliert. Bei Kruse liegt das vor allem daran, dass er sich nicht nur für die Künste interessiert, sondern auch für Finanzen. In Berlin ist er Mitglied im Haushaltsausschuss, er versteht also etwas vom öffentlichen Geld und seiner Verteilung. Das ist auch in Hamburg bekannt: Ende 2010, als es in der schwarz-grünen Koalition bereits kriselte, sollte er Finanzsenator werden. Nach kurzer Bedenkzeit sagte er zu, doch bevor er sein Amt antreten konnte, war das Bündnis schon zerbrochen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Schade", sagt Kruse heute, "eine Großstadt im Sinne der Nachhaltigkeit zu gestalten, und zwar ausdrücklich mithilfe der Wirtschaft, nicht gegen sie, das hätte mich damals gereizt." Und fügt dann mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Herbst hinzu: "Im Grunde ist Schwarz-Grün immer noch die spannendste politische Idee."

Rüdiger Kruse also, der Schwarz-Grüne? Es ist nicht so einfach, ihm einen festen Platz auf der politischen Skala zuzuweisen. Kruse, 1961 geboren, ist in Ottensen aufgewachsen, eher bildungsnah und ohne traditionelle Parteibindung. In der Schule interessierte er sich für Philosophie, für Natur, für das Ganze, auch für Gott. Bis heute geht er regelmäßig in die Kirche. Die Bereitschaft zum Engagement entwickelte sich früh, wie bei vielen seiner Generation. Mit 14 trat er in die Junge Union ein. Ausschlaggebend war keine große politische Entscheidung, sondern eher eine Sympathie, eine erste Selbstpositionierung in aufgewühlten Zeiten.

In Berlin gelten Kruse und Kahrs als die "Hamburg-Connection"

Das Unideologische prägt Kruse bis heute. Ihm ist der machbare Erfolg wichtiger als das Parteiprofil. Hamburgs Glück ist, dass er dabei in Berlin im Haushaltsausschuss einen starken Partner hat, der ebenfalls aus Hamburg kommt: seinen SPD-Kollegen Johannes Kahrs. Es ist das Gemeinschaftswerk ihrer kleinen großen Koalition, von dem Hamburg profitiert.

Im großen Orbit des Bundeshaushalts tauchen immer wieder freie Gelder, noch nicht festgezurrte Summen und Restbeträge auf. Diese Millionen können verwendet werden – warum nicht für Hamburg? Der Trick von Kruse und Kahrs ist einfach: Sie haben immer schon geeignete Projekte im Auge, die der Bund fördern kann – und die sie dann schnell vorschlagen können, sobald sich die Gelegenheit ergibt.

"Die Hamburg-Connection" werden sie in Berlin genannt. Nicht immer nur mit Anerkennung. Oft steckt auch Neid dahinter. Oder Missgunst.

Kahrs sagt über Kruse: "Was ihn auszeichnet, ist diese absolute Verlässlichkeit. Auf sein Wort kann ich mich verlassen, nicht weil wir beide in einer Koalition sind – sondern der ist so."

Und Kruse sagt über sich selbst: "Ich glaube, die Leute verstehen, dass ich niemand bin, der immer Versprechen macht. Aber wenn ich sage, ich kümmere mich, dann sind die Erfolgsaussichten nicht ganz schlecht."