Manchmal, wenn er nachts nicht schlafen kann, liegt Henning Taube wach im Ehebett, neben ihm seine schlafende Frau, er hört, wie sie atmet, ruhig und gleichmäßig, und denkt: "Wer sagt denn eigentlich, dass ich nicht Gott bin?"

Er grübelt eine Weile über die Antwort nach, es fällt ihm keine ein. Er schließt die Augen, und seine Gedanken beginnen zu wandern.

Er stellt sich vor, wie er den beiden Männern gegenübersitzt, die er die wichtigsten seines Lebens nennt: Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg, Marius und Udo, wie er sagt, als wären sie alte Freunde, dabei ist er ihnen nie begegnet.

Er stellt sich vor, wie sie Zigarre rauchen und er ihnen von seiner Autobiografie erzählt und von einem zweitem Buch, es heißt Weltbestseller und steht bei Amazon zum Download bereit, außer Taube hat es niemand gelesen. Marius und Udo schweigen, aber sie hören Taube zu, sie erkennen ihn.

Endlich.

Taube, 47 Jahre alt, ist ein großer Mann, 1,93 Meter, mit stechendem Blick und weichem Lächeln, er weiß, dass das alles verrückt klingt. "Aber ich bin ja auch verrückt", sagt er, und man weiß nicht, ob es Ernst ist oder Koketterie.

Henning Taube hat Schizophrenie. Jeder Hundertste erkrankt daran, in Deutschland circa 800.000 Menschen.

Es gab Zeiten, da hielt Taube sich abwechselnd für Jesus Christus und für den Satan. Er glaubte, er sei der Messias, auserwählt, die Welt zu retten. Er glaubte, Udo und Marius sängen nur für ihn, zum Beispiel Westernhagen, wenn er sang: "Jesus gibt mir dein Blut, ich gebe dir meines dafür" oder: "Es ist schwer, nicht durchzudrehen".

Mittlerweile geht es Taube besser, vielleicht so gut wie noch nie, sagt er. Jedenfalls solange er seine Medikamente nimmt: Morgens 30 Milligramm Paroxetin, ein Antidepressivum. Morgens und abends je 30 Milligramm Zeldox, ein Antipsychotikum gegen die Psychose, und je 100 Milligramm Lamotrigin, ein Antiepileptikum, das die Stimmung aufhellt.

Die Medikamente höhlen Taube aus, dämpfen seine Fantasie, machen ihn müde, jeden Tag hält er zwei Stunden Mittagsschlaf. Aber seitdem er sie nimmt, sind die Stimmen in seinem Kopf verstummt, die Halluzinationen, die sein Gehirn fluteten, verebbt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Nur ein Gedanke ist in seinem Kopf eingeschlossen wie ein Insekt in Bernstein. Er lässt ihn nicht los, seit 25 Jahren nicht, seitdem er begann, seine Autobiografie Im Wahn der Zeichen zu schreiben. Henning Taube will berühmt werden, der berühmteste Schriftsteller der Welt. Bis heute hat er vier Romane geschrieben, drei Drehbücher, dreißig Kurzgeschichten und tausend Gedichte.

Alle Menschen werden seine Gedichte und Geschichten lesen, glaubt er, vor allem den Weltbestseller, das "Buch der Bücher", wie er sagt, die "Fortsetzung der Bibel". Alle werden ihn dafür bewundern.

Taube ist zu klug, um nicht zu wissen, dass das größenwahnsinnig ist. Dennoch glaubt er daran. "Es ist meine Bestimmung", sagt er. Diesmal ohne Koketterie. Alles, was er tun muss, ist, die Zeichen zu deuten.

Es war an einem Tag im März, als Henning Taube zum ersten Mal in seinem Leben die ZEIT las und diesen Satz entdeckte: "Haben auch Sie eine interessante Geschichte, die wir unbedingt erzählen sollten?"

Die Zeichen!, dachte Taube.