Die Verzweiflung steckt an. Wenn Pierre-André Schütz von seiner Arbeit als Bauernpfarrer erzählt, dann ist sein erster Laut ein tiefer Seufzer. Danach erst sagt er: "Oft weiß ich nicht mehr, wie ich noch etwas Hoffnung vermitteln soll."

Im ersten Halbjahr 2015 begingen vier junge Bauern in der Waadt Selbstmord. Die Serie sorgte für Schlagzeilen, die Politik war alarmiert – und reagierte. Denn so wörtlich war der Begriff "Bauernsterben" nie gedacht. Klar: Viele Bauernbetriebe sollen weg, so will es die Agrarpolitik des Bundes. Aber nach dem Leben trachtete den Bauern niemand.

Vor einem Jahr ernannte der Kanton Waadt deshalb Pierre-André Schütz zum Bauernseelsorger. Er sollte verhindern, dass sich noch mehr Landwirte in ihren Scheunen erhängen.

Der pensionierte 67-Jährige ist eine Idealbesetzung. Weil er die Bauern und ihre Sorgen versteht. Richtig gut versteht. Schütz selbst kam mit sechs Jahren als Verdingkind aus dem Waisenhaus auf einen Hof, war jahrzehntelang Bauer. Erst mit 52 Jahren – nach einer Depression – studierte er Theologie und arbeitete danach in einem ländlichen Bezirk als Pfarrer.

Heute wohnt Schütz in Autavaux, nahe dem Neuenburgersee. Rund um das Haus: Ackerland. In der Ferne ist der Mont Blanc zu sehen. Der Pfarrer öffnet die Haustür mit einer Kochschürze überm Bauch und dem Smartphone in der Hand: Noch kurz einen dringenden Rückruf erledigen, eben das Mittagessen in den Ofen schieben. Dann setzt er sich an den Küchentisch und erzählt.

"Was ich auf den Bauernhöfen sehe? Zunächst: menschliche Verzweiflung. Weil die Frau wegwill, weil jemand gestorben ist, weil der Bauer nicht mehr aufstehen mag und keine Ahnung hat, wie es weitergehen soll." Zusätzlich schnürten Geldsorgen den Betrieben die Luft ab.

Viele Bauern raffen sich nicht mehr selbst auf, scheuen sich, um Hilfe zu bitten. Aber wenn er sie besuche und ganz einfach sage: "Erzähl mal", dann breche ein Damm, und unvermittelt werde ihre Hilflosigkeit sichtbar.

"Es Heimet", der Romand Schütz verwendet den berndeutschen Begriff für einen Hof, "es Heimet", das sei heute ein Unternehmen. Vielen Bauern fehle aber das unternehmerische Denken. Eine Kuh müsse zum Beispiel zweieinhalb Jahre gefüttert werden, bevor sie erstmals Milch gebe. Wenn für den Liter dann weniger als 50 Rappen bezahlt werden, zahle der Bauer drauf. Die meisten Bauern würden heute für 6 bis 13 Franken die Stunde arbeiten, und davon könne man kaum mehr leben. "Das ist eine Schande, wenn die Gesellschaft jene, die sie ernährt, nicht mehr bezahlen kann!"

"Es Heimet" wird für die Bauern zur Falle, wenn sie weitermachen wie gewohnt. Wer sich dem Strukturwandel nicht anpasst, der geht Konkurs. Und so ein Konkurs bedeutet, dass die Äcker und Weiden, die Generationen gepflegt haben, plötzlich weg sind. Ein Bauer, der scheitert, der verliert den Boden unter den Füßen. "Für die Bauern ist das eine Schande, eine unerträgliche Demütigung", sagt Schütz.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Natürlich würden viele Bauern Fehler machen. Zum Beispiel brauchte längst nicht jeder Betrieb seinen eigenen teuren Traktor. Aber schlimmer noch sei die Globalisierung. Derzeit verhandelt der Bundesrat mit Malaysia über ein Freihandelsabkommen. Auf dem Tisch: die Forderung, dass die Schweiz ungehindert Palmöl ins Land lasse. Für die Bauern hieße das, dass die Hälfte der heimischen Produktion von Rapsöl durch Palmöl verdrängt würde, sagt Schütz. Nicht die Landwirtschaft, wie immer behauptet, sondern die Exportindustrie werde in der Schweiz gefördert. Der Bauernpfarrer hämmert die Zahlen mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte und sagt: "Ich bin wütend, und die Wut steigt."

Doch gegen die schwierigen Verhältnisse kommt auch der Seelsorger nicht an. Gegen die Verzweiflung auf den Bauernhöfen gebe es keine einfachen Ratschläge. Oft sei das Problem vielschichtig: Zum Streit zwischen den Generationen, den Eheproblemen und Krankheiten kämen Finanzsorgen dazu.