Fliegen ist schön und einfach. Sobald ein motorisiertes Fluggerät genug dynamischen Auftrieb entwickelt, hält es sich problemlos in der Luft. Schwierig wird es, wenn die Motoren komplett ausfallen. Dann verliert die Maschine rasch an Höhe und verlangt dringend nach einer Rollbahn. Eine Landung auf dem Wasser ist unbedingt zu vermeiden, erst recht bei Maschinen, deren Triebwerke unter den Flügeln montiert sind. Beim Aufprall reißen sie asymmetrisch ab und werfen das Flugzeug aus der Bahn.

Captain Chesley B. Sullenberger und seinem Co-Piloten Jeff Skiles ist genau dies am 15. Januar 2009 passiert. Kurz nach dem Start kollidierte ihre Maschine in tausend Meter Höhe mit einem Schwarm Wildgänse, beide Triebwerke fielen aus. Da eine Rückkehr zum Flughafen LaGuardia unmöglich schien, entschloss sich Sullivan, seinen Airbus 320 im Hudson River zu landen. Obwohl ein Triebwerk abriss, gelang es ihm, die Maschine unter Kontrolle zu halten. Alle Passagiere überlebten nahezu unverletzt.

Die Bilder der einschwebenden Unglücksmaschine sind längst ikonografisch geworden, man kennt sie zur Genüge. Warum, so fragt man sich, hat der Regisseur und Schauspieler Clint Eastwood dann das "Wunder vom Hudson" noch einmal als Action-Thriller verfilmt? Weil Risikogesellschaften verrückt danach sind, ihre Beinahe-Katastrophen mit wohliger Angstlust ungefährdet nachzuschmecken? Oder weil sich, zumal mit so einem großartigen Schauspieler wie Tom Hanks, aus der Geschichte ein wasserdichter patriotischer Mythos basteln lässt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Ein Thriller, bei dem der Zuschauer das Ende bereits kennt, ist natürlich keiner. Deshalb sah sich Clint Eastwood genötigt, eine Nebengeschichte dramaturgisch aufzupumpen, nämlich einen handfesten Konflikt zwischen den Piloten und der NTSB, der Nationalen Behörde für Transportsicherheit. Während alle Welt ihren "Sully" feiert, kommen seinem grandios unsympathischen Gegenspieler Charles Porter (Mike O’Malley) Zweifel. Der NTSB-Ermittler will herausgefunden haben, dass das zweite Triebwerk durchaus noch funktionierte und ein Rückflug problemlos möglich gewesen wäre. Selbst Anfänger könnten damit eine Maschine sicher landen. Ist Sullenberger ein Wichtigtuer? Warum brachte er Menschenleben in Gefahr und ruinierte das schöne Fluggerät?

Sully wurde ausschließlich mit Imax-Kameras gedreht und ist, auf den ersten Blick, erst einmal ein spannendes visuelles Spektakel. Auffällig sind allerdings die vielen Loops, es gibt Rückblenden, irritierende Wiederholungen und Traumsequenzen. Doch erst diese Traumsequenzen öffnen den Zugang zur politischen Tiefenschicht des Films. Schweißgebadet wacht Sullenberger nachts auf, weil er geträumt hat, dass ihm die Notwasserung misslingt und seine Maschine im Süden Manhattans einschlägt – ungefähr dort, wo einst die Spiegeltürme des World Trade Center gestanden hatten. Zunächst weiß der Zuschauer gar nicht, dass er im Albtraum des Kapitäns gefangen ist und mit ihm durch die Hölle rast. Wie ein Geschoss jagt die Maschine durchs Hochhausmeer und schlägt schließlich im kollektiven Unbewussten auf: im Horror des 11. September 2001.