An einem Donnerstagabend im September sucht Stephan Kramer seine Bühne. Er ist nach Gotha gefahren, auf das Gelände eines früheren Schlachthofs. In einer Kneipe mit Kleinkunst-Saal, in dem sonst Coverbands auftreten oder "Deutschlands bekannteste Twitter-Oma" vorliest, ist diesmal er, Thüringens Verfassungsschutzchef, der Act des Abends.

Aber als Kramer eintrifft, erblickt er ein Malheur: viele Stühle, fast alle leer. Auf dem Podium baut schon jemand die Mikrofone ab, im Halbdunkel davor werden einige Tische und Stühle zusammengeschoben. Kramer stutzt, als er sieht, dass er keine Bühne mehr hat. Dann beginnt er, sie zurückzuerobern.

"Habt ihr noch Licht?", ruft er, zieht das Jackett aus und setzt sich an den Tisch, neben Gothas Landrat. Der hatte ihn hierher eingeladen, um vor Publikum über den Verfassungsschutz zu diskutieren, doch in den nächsten zwei Stunden kommt er kaum zu Wort. Das hier ist Kramers Vorstellung.

Kramer beginnt, von sich zu erzählen. Es sind Szenen wie aus einer Netflix-Serie. Wie er, Kramer, vor Jahren eines Sonntagabends daheim in Jogginghose saß, als ihn telefonisch das Jobangebot seines Lebens erreichte – vom Zentralrat der Juden, dessen Generalsekretär er später werden sollte. Wie er einmal einem Fremden, der ihn am Ku’damm belästigte, seine zum Selbstschutz mitgeführte Pistole zeigte. Nach 40 Minuten geht es erstmals um die Arbeit seiner Behörde. Da hat der Act des Abends die neun Zuhörer schon auf seiner Seite.

Es ist ein Jahr her, dass Stephan Kramer dort auftauchte, wo keiner ihn erwartet hatte. Thüringens rot-rot-grüne Regierung berief ihn damals an die Spitze ihres Verfassungsschutzes. Das ist ein Posten, den lange niemand hatte haben wollen. Seit 2011 die Mordserie des aus Jena stammenden NSU aufflog, ist dieses Amt blamiert. Es hatte sich als ahnungslos und arrogant erwiesen, teils geradezu als Komplize brauner Täter. Als Inbegriff staatlichen Versagens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 50 vom 1.12.2016.

Den Totalschaden, den der Staat im Kampf gegen Neonazis erlitten hatte, sollte nun ein deutscher Jude reparieren. Nicht nur deshalb zog Kramers Berufung bundesweit Blicke auf sich. Sie war auch ein paradoxes Experiment: Kramer soll, erstens, einer Behörde zu Schlagkraft verhelfen, die einige seiner Auftraggeber eigentlich abschaffen wollen – vor allem die Linken um Bodo Ramelow, den Regierungschef. Mit ebendieser Mission wurde, zweitens, ein Mann betraut, der nicht aus dem Sicherheitsapparat kommt, der nie in einer Behörde gearbeitet, geschweige denn eine geleitet hat. Einer, der in seinen Jahren beim Zentralrat der Juden als beherzter Unruhestifter aufgefallen war. Es sah aus, als sei ein bunter Hund zum Anführer einer Camouflage-Truppe bestimmt worden.

Wenn Kramer erzählt, wie er zum Amt kam, klingt das eher nach einem Witz. Zu Ramelow, den er gut kenne, habe er mal im Scherz gesagt: Mach mich doch zu deinem Verfassungsschutzchef! Etwas später habe ihm Innenminister Holger Poppenhäger (SPD) den Posten tatsächlich angeboten. Von Kramer erhoffe er sich "neuen Spirit", sagte Poppenhäger. Die Personalie galt als Coup: Die Führung eines Amtes, das viele für dubios halten, ging an den Ex-Manager einer Institution, die für höchste moralische Integrität steht.

Nur, was wurde aus dem Experiment? Es ist, so viel sei vorausgeschickt, für viele Beteiligte eine Grenzerfahrung, auch für Kramer selbst: Die Grenzen, an die er in Thüringen stößt, sind welche, von denen er vorher vielleicht nicht geahnt hätte, dass es sie gibt. Und man fragt sich, wer hier wen schneller verändert: Der Mann das Amt? Oder das Amt diesen Mann?