Trisomie 21 also. Kein selbstverständliches Thema für ein Museum, das Gegenwartskunst zeigt. Die Gefahren waren wohl auch den Machern der "Touchdown"-Ausstellung in der Bonner Kunsthalle bewusst.

Die erste Gefahr ist Kitsch. Wenn Menschen mit Downsydrom ins Rampenlicht treten, werden sie meist verniedlicht. Die Sonne ist immer sehr strahlend und der Himmel sehr blau. Die Botschaft dahinter ist vielleicht gut gemeint, aber extrem flach.

Sie nimmt Menschen mit Downsyndrom nicht ernst. Denn es gibt keine idyllische Welt, für niemanden. Alles andere ist gelogen.

Die zweite Gefahr sind falsche Tränen. Wer Menschen mit Downsyndrom ausgiebig bedauert, ist in Wahrheit herablassend. Niemand möchte diese Art von Mitleid.

Wohl um diese Gefahren zu umgehen, haben die Macher von "Touchdown" Menschen mit Downsyndrom einfach selbst miteinbezogen in die Konzeption. Sie durften mitentscheiden, welche Exponate in der Ausstellung gezeigt werden, und kommen auch auf kleinen Texttafeln zu Wort.

Der Respekt davor, dass Menschen mit Downsyndrom handelnde Individuen sind, prägt die gesamte Ausstellung. Sie umfasst sieben Abteilungen und 100 Exponate. In ihrem Zentrum stehen Comics, die Außerirdische mit Downsyndrom zeigen.

Die Figuren erforschen selbstbewusst die Erde, sie sind die Aktiven, nicht die Passiven – auch wenn ihre Wahrnehmung sich von der der Erdenmenschen unterscheidet.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

"Menschen mit Downsyndrom blicken anders auf die Welt", sagt die Kuratorin Katja de Bragança. "Man kann sich das wie eine Kamera vorstellen, auf der ein Filter aufgesetzt ist. Es ist keine behinderte Weltsicht. Es ist einfach ein anderes Farbspektrum."

Menschen mit Downsyndrom haben sich für die Ausstellung etwa mit dem Thema Liebe befasst. Auf einer Tafel steht, wie sie dieses Gefühl erleben. "Liebhaben ist schön, aber auch anstrengend", heißt es bei Mirco Kuball. Und jemand, der anonym bleiben will, wird zitiert mit den Worten: "Liebe ist leichte Sache zu schreiben, aber sagen oft peinlich."

Ganz in der Nähe hängt das Bild von Clemens Martin Theo Baron. Es zeigt zwei homosexuelle Männer in der Badewanne. Der Blick wandert nach unten und man realisiert: Das Thema Liebe wird hier explizit dargestellt. Wirklich sehr explizit. Dazu die Sprechblase: "Ja ja ja ja ja ha ha ha ha ha oh oh oh oh." Betroffenheitsgefühle und Heile-Welt-Schmalz? In dieser Ausstellung ist kein Platz dafür, sie ist anders.

Liebe und Sexualität – das sind für manche Besucher vielleicht die provokantesten Teile der Ausstellung. Hier fühlen sich Menschen mit und ohne Downsyndrom gleichermaßen nackt.

Die Empfindungen, die Sehnsüchte, die Hoffnungen sind gleich, auch wenn es die Grammatik nicht ist. Diese innere Gefühlswelt bleibt denen meist verborgen, die Menschen mit Downsyndron nur aus der Ferne kennen.

Manche Ausstellungsstücke erscheinen auf den ersten Blick profan. Julia Bertmann erzählt ihre Geschichte anhand von frisch aufgeschnittenen Wurstscheiben. In einem kleinen Text schildert sie ihre Einkaufserlebnisse: "Zuerst gehe ich an die Wurst-Theke und hole Wurst-Aufschnitt. Die Verkäuferin sagt: ›Möchtest Du eine Scheibe Wurst?‹ Ich sage dann: ›Nein danke. Sie können mich siezen.‹ Sie ist dann perplex und sagt dann Entschuldigung." Ähnliches erlebt sie an der Brottheke, auch dort fordert sie das "Sie" ein und die Verkäuferin entschuldigt sich. "Als ich das nächste Mal in denselben Supermarkt kam, ist dasselbe wieder passiert. Dann habe ich gesagt: ›Ich möchte den Geschäftsführer sprechen.‹"

Es ist dieses Ringen um Selbstständigkeit, um Dazugehörigkeit, das sich in der Ausstellung zeigt. Es ist eine Geschichte des Kampfes.

Im 19. Jahrhundert wurden Menschen mit Downsyndrom verspottet, man dachte, man könnte ihnen nichts beibringen. Der englische Arzt John Langdon Down, nach dem das Syndrom benannt wurde, sah das anders. Er fertigte Fotos von diesen Menschen an. Nicht, um sie auszustellen, sondern um ihre Würde zu zeigen. Die Fotos sind noch heute erhalten. Manche Menschen mit Downsyndrom blicken erschrocken in die Kamera, andere voller Zuversicht.

Der Kampf war manchmal auch ein Kampf ums Leben. Während des Nationalsozialismus wurden Eltern gefragt, ob sie der Tötung ihres Kindes mit Downsyndrom zustimmen würden: "Was soll ich als alleinstehende Frau machen; stelle es zu Ihrer Verfügung", antwortete eine Mutter. "Machen Sie, was Sie für am besten halten! Richtiger hätten Sie mir das gar nicht gesagt und hätten das Kind einschlafen lassen."

Die Antworten, die in der Ausstellung gezeigt werden, klingen alle so. Es sind Briefe voller Andeutungen und schlechten Gewissens. Menschen mit Downsyndrom haben sich dafür ausgesprochen, auch solche harten Wahrheiten in der Ausstellung zu zeigen.

"Weil das Geschehen nicht mehr auftauchen sollte. Denn es ist wichtig, dass man sich das Geschehen ins Gedächtnis ruft", steht in dem kleinen Text von Johanna von Schönfeld. "Das Thema, das ist nicht einfach. Aber ich möchte weitermachen. Auch wenn es schmerzhaft ist", wird Marc Lohmann auf der Tafel zitiert.

Eine junge Frau schlendert durch die Ausstellung, liest schweigend die Zitate. Sie ist mit ihren Freundinnen dafür extra nach Bonn gefahren. Wieso wollten die Frauen ausgerechnet diese Ausstellung sehen? Gibt es einen privaten Bezug zu dem Thema? "Nein." Wieso sind Sie dann hierhergekommen? Auf der Stirn der jungen Frau zeichnet sich ein Fragezeichen ab. Sie weiß, dass sie sich für das Thema interessiert, aber sie kann nicht formulieren, warum.

Geht es hier vielleicht um die eigene Zukunft, um die Fragen, die sich eines Tages stellen könnten, bei einer Schwangerschaft? Was würde sie wohl tun? Hat die Ausstellung einen Einfluss darauf?

In der Ausstellung selbst wird das Thema Abtreibung nicht ausgespart. Eier sollen die Schwangerschaft symbolisieren: Es gibt ein heiles Ei, ein zugenähtes, in das man hineingeschaut hat, und ein zerbrochenes. Menschen mit Downsyndrom kamen selbst auf diese Idee. "Sie verurteilen niemanden", sagt die Kuratorin de Bragança. "Sie wollen zeigen, was in ihnen vorgeht."

Dafür erschaffen sie ihre eigenen Bilder, finden ihre eigenen Worte. Die Ausstellung handelt deshalb nicht nur vom Downsyndrom. Sie erzählt vom Menschsein, von dem, was den Menschen ausmacht, mit und ohne Filter.

Die Ausstellung "Touchdown" ist bis zum 12. März 2017 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen.