Den heutigen Mittdreißigern wird nachgesagt, dass sie viel arbeiten aber politisch nicht aktiv sind. Was sie wirklich bewegt, erzählen vier Entscheider im Gespräch.

Wenn Fränzi Kühne ins Büro geht, kommt sie an einer Mauer vorbei, auf der gekritzelt steht: "We need help, gez. JvM". Jung von Matt, das ist eine der Top-Werbeagenturen des Landes. Oder soll man sagen "war"? Hier in Berlin-Kreuzberg lauert seit acht Jahren "Torben, Lucie und die gelbe Gefahr". TLGG berät Konzerne in Sachen Digitalisierung. Fränzi Kühne, 33 Jahre alt, hat die Agentur mit zwei Freunden gegründet.

DIE ZEIT: Hätten Sie gedacht, dass Sie mal für 150 Mitarbeiter verantwortlich sind?

Fränzi Kühne: Absolut nicht. Dass wir TLGG gegründet haben, kam aus einer Leidenschaft heraus. Es war ein Spaß! Ich steckte mitten im Jurastudium und dachte: Wenn dieses Agenturding nichts wird, studiere ich halt weiter.

ZEIT: Und wie geht es Ihnen nun als Chefin?

Kühne: Auf einen Schlag hätte ich niemals so eine Riesengruppe führen können. Ich bin da reingewachsen, habe Coachings besucht, Fehler gemacht, mir Mentoren gesucht – und mit der Zeit meinen eigenen Stil entwickelt.

ZEIT: Wie ist der?

Kühne: Mir ist wichtig, dass die Leute Verantwortung übernehmen. Dieses ganze hierarchiegetriebene Dasein, wie man es aus Konzernen kennt, gibt es bei TLGG nicht. Das heißt nicht, dass ich Hierarchien für überholt halte. Ich glaube nur, dass eine gewisse Öffnung in Richtung Selbstorganisation stattfinden muss, was Konzerne auch merken.

ZEIT: Wieso "muss"?

Kühne: Die Jüngeren wollen Verantwortung übernehmen. Ihnen geht es nicht mehr so sehr um Status, es zählt die Idee, die Meinung. Das fällt mir bei 21- bis 28-Jährigen auf. Etwas weniger stark sehe ich es auch bei meiner Generation.

ZEIT: Wirkt sich das auf die Arbeitskultur aus?

Kühne: Klar! Es geht nicht nur ums Geld verdienen, Arbeit muss Spaß machen, und sie darf nicht überhandnehmen. Überstunden und Wochenendarbeit, die in der klassischen Werbebranche enorm verbreitet waren, sind bei uns die totale Ausnahme, sonst steigen uns die Leute aufs Dach.

ZEIT: Gibt es sonst etwas, was Sie als typisch empfinden für Menschen zwischen 30 und 40?

Kühne: Schwierig. Viele meiner Freundinnen bekommen gerade das zweite oder dritte Kind. Bei ihnen ist völlig klar, dass der Mann arbeitet, sie mindestens ein Jahr zu Hause bleiben und danach allenfalls in Teilzeit arbeiten. Bei TLGG dagegen nehmen die Männer lange Elternzeit – ein halbes Jahr oder sogar ein Jahr ist absolut normal.

ZEIT: Wie ist das aus Perspektive der Leitung?

Kühne: Im Moment haben wir tatsächlich viele Schwangere und werdende Väter. Unsere Angestellten sind halt im Schnitt 31 Jahre alt. Man kann bei so vielen Mitarbeitern aber gut um die einzelnen Personen drumherum planen

ZEIT: Sie selbst haben eine acht Monate alte Tochter. Wie schaffen Sie das mit Arbeit und Kind?

Kühne: Ich arbeite voll, einen Tag davon im Homeoffice. Für mich fühlt sich das richtig an. Mein Freund und ich haben uns vorher genau überlegt, wie wir das organisieren. Richtig zurück im Büro war ich nach drei Monaten. Im Freundeskreis rede ich wenig darüber, sonst gäbe es Konflikte. Der Subtext, der bei mir ankommt, ist schon: "Fränzi, die Rabenmutter". Auch im geschäftlichen Umfeld bin ich belächelt worden für meine Rückkehrpläne. Das war bitter.

ZEIT: Gibt es etwas, worin sich Menschen Ihres Alters stark von den Babyboomern unterscheiden?

Kühne: Wir haben eine Grundpositivität und Grundsicherheit mitgekriegt, die es so vorher nicht gab. Selbst bei Ereignissen wie 9/11 hielt dieses Gefühl, dass am Ende alles gut wird. Bis vor ein paar Wochen, als Trump gewählt wurde.

ZEIT: Wird Ihre Generation etwas verändern?

Kühne: Ich hoffe es. Uns wird ja nachgesagt, dass wir politisch nicht aktiv sind. Nächstes Jahr ist Bundestagswahl. Der Grusel, der da gerade in Amerika stattfindet, darf uns nicht passieren. Es ist Zeit, dass wir den Arsch hochkriegen und was tun.

"Eine neue Generation von Professoren"

Jahrelang pendeln, mehrmals umziehen – die Wissenschaftskarriere verlangte Alexander Gröschner und seiner Familie viel ab. Heute lebt der 39-Jährige mit seiner Frau und zwei Kindern als Professor der Erziehungswissenschaft in Jena.

DIE ZEIT: Haben Sie die familienunfreundliche Wissenschaftskarriere bewusst in Kauf genommen?

Alexander Gröschner: Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Als ich das Angebot für eine Habilitation in München bekam, lebten wir in Jena, unser erster Sohn war gerade geboren, und ich war fertig mit der Promotion. Trotz erster Forschungserfolge war ich mir gar nicht unbedingt sicher, ob ich in der Wissenschaft bleiben wollte. Und sich dafür in ein Pendelleben begeben, während wir ein Baby haben? Wir haben sehr lange überlegt. Am Ende habe ich es gemacht, weil ich darin eine große Chance gesehen habe, mich weiterzuentwickeln und dazuzulernen. Meine Frau hat das mitgetragen.

ZEIT: Sie ist mit dem Baby in Jena geblieben?

Gröschner: Ja. Ich hatte damals mit der Uni die Vereinbarung, einen Tag im Homeoffice zu arbeiten. Ich war also von Montag bis Donnerstag in München. Später, als unser zweiter Sohn kam, habe ich meine Stelle reduzieren können.

ZEIT: Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Gröschner: Es war schwierig. Ich habe versucht, meine 42 Wochenstunden an vier Tagen abzurocken, bis in die Nacht hinein gepowert, damit ich freitags, zu Hause in Jena, etwas mehr Luft hatte. Ganz frei bekommt man den Kopf in so einer Zeit nie. Wenn die Kinder krank waren, musste meist meine Frau übernehmen.

ZEIT: Musste Ihre Frau für Sie auf ihre Karriere verzichten?

Gröschner: Zu dem Zeitpunkt schon. Sie war damals in ihrer psychotherapeutischen Ausbildung, die hat sich dadurch in die Länge gezogen. Sie hatte dafür aber häufig Seminare am Freitag und Samstag, wenn ich zu Hause war, so konnten wir uns abwechseln. Heute hat meine Frau als Kinderpsychotherapeutin eine eigene Praxis. Als mein erster Ruf auf eine Professur kam, wusste ich, dass es nun einfacher für uns werden würde.

ZEIT: Als Professor haben Sie jetzt selbst junge Wissenschaftler als Mitarbeiter. Haben die es einfacher?

Gröschner: Ich will familienfreundlich sein. Ich habe einige Doktoranden und Postdocs mit Kindern, die mal im Homeoffice arbeiten oder ihre Kinder ins Büro mitbringen können. Vor allem ist es mir aber sehr wichtig, meinen Mitarbeitern schon sehr früh die Logiken und Tücken des Wissenschaftssystems klarzumachen. Damit die Unsicherheit, die viele spüren, kleiner wird.

ZEIT: Glauben Sie, dass Ihre Generation für eine familienfreundlichere Wissenschaft sorgen wird?

Gröschner: Ja, zumindest bekomme ich mit, dass junge Professoren sich oft besser um ihre Mitarbeiter kümmern und sie auf verschiedene Karrieren vorbereiten. Es wird auch in Zukunft nicht genügend Professuren für junge Wissenschaftler geben und weiter vieles vom Zufall abhängen, wer am Ende wo landet. So wie bei mir: Es war Glück, dass in Jena die Professur neu besetzt wurde.

ZEIT: Was verbindet die Generation, die nun nachrückt?

Gröschner: Ich bin mir nicht sicher, ob man so etwas verallgemeinern kann. Ich hatte neulich ein Abitreffen, und da dachte ich wieder, dass wir, im selben Jahr geboren, in manchen Dingen doch ziemlich unterschiedlich auf die Welt blicken. In meinem wissenschaftlichen Umfeld aber fällt mir auf, dass eine neue Generation von Professoren kommt. Da wollen die Väter genauso für die Kinder da sein, zugleich schaffen sie es, international zu arbeiten.

ZEIT: Als Professor für Unterrichtsforschung bilden Sie zukünftige Lehrer aus, als Doktorvater leiten Sie zukünftige Wissenschaftler an. Was versuchen Sie denen mitzugeben?

Gröschner: Ich versuche meinen Studierenden zu erklären, dass sie nicht nur für ihr Fach brennen müssen, sondern auch für gesellschaftliche Mitbestimmung und Wertevermittlung. Gerade in Zeiten wie diesen.