DIE ZEIT: Herr Lang, passiert das eigentlich oft – dass Leute Chef einer Behörde werden, mit der sie vorher nicht viel zu tun hatten?

Fritz Lang: Das passiert selten. Die Verwaltungen sind straff durchorganisiert. Vieles läuft über den klassischen Karriereweg. In den Wendejahren war das noch anders. Da kamen auch mal Persönlichkeiten mit ganz außergewöhnlichen Biografien in solche Ämter. Heute passiert es nur noch in wenigen Behörden hin und wieder, dass Leute zum Chef werden, die aus einem anderen Bereich kommen, wenn beispielsweise spezielle Fähigkeiten gefragt sind.

ZEIT: Was muss ein guter Behördenleiter denn können? Braucht er überhaupt Charisma?

Lang: Viele Menschen in dieser Position haben eine enorme Ausstrahlung! Das sind oft Kollegen, die schon viele Dienststellen hinter sich haben, die schon manches erlebt haben.

ZEIT: Und wieso braucht es nun Charisma?

Lang: Ein Behördenchef sollte wie jeder Manager bei seinen Mitarbeitern anerkannt sein. Und er sollte Menschen führen können. Das muss einem im Blut liegen. Fast jeder sächsische Behördenleiter sollte im Laufe seines Werdegangs auch bei uns im Fortbildungszentrum gewesen sein, etwa zum Soft-Skill-Training: Rhetorik, bürgernahes Verhalten, Motivation, Umgang mit Krankheiten und Mobbing. Und dann steht der Behördenleiter ja auch noch im Spannungsfeld der Behörden.

ZEIT: Was soll das denn heißen?

Lang: Wir leben in Zeiten von Personalknappheit! Behörden konkurrieren um Stellen. Der Leiter einer Behörde muss der übergeordneten Behörde ständig zeigen, welche Ressourcen er braucht. Da muss man sich positionieren. So ist das Geschäft.

ZEIT: Wie wird man denn klassischerweise Chef eines Amtes?

Lang: Die Verwaltung ist hierarchisch organisiert, wir haben verschiedene Laufbahngruppen. Behördenleiter, das ist eine Aufgabe des höheren Dienstes, wie wir das umgangssprachlich nennen. Man kann im klassischen Fall mit abgeschlossenem Studium, häufig Jura, in den höheren Dienst eintreten. Dann sammelt man Erfahrungen. Und unterliegt der dienstlichen Beurteilung.

ZEIT: Und wer immer gute Zeugnisse hat ...

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 50 vom 1.12.2016.

Lang: ... der kann Behördenleiter werden. Aber ich sage Ihnen, die Konkurrenz ist groß. Sie müssen besser sein als Hunderte andere.

ZEIT: Werben Behörden manchmal auch einen Kollegen aus der freien Wirtschaft ab?

Lang: Das kann passieren, aber in der freien Wirtschaft sind Gehaltswünsche doch ab einer gewissen Position frei verhandelbar. Im Staatsdienst haben wir unsere Besoldungsregeln.

ZEIT: In der Wendezeit, sagten Sie, lief es anders.

Lang: Oh ja, da gab es einen bunten Strauß von Kollegen, die ohne Jurastudium oder Verwaltungsausbildung zu uns kamen, weil einfach so viele offene Stellen da waren. Als ich 1991 nach Sachsen kam …

ZEIT: ... Sie stammen aus Baden-Württemberg, waren dort bis 1991 in der Steuerverwaltung.

Lang: Genau. Ich kam als Aufbauhelfer. Wir waren immer zu Teams von vier, fünf Leuten abgeordnet, um vor Ort die Finanzämter aufzubauen. Ich wurde nach Löbau geschickt. Wir Betreuungskollegen waren die einzigen Westdeutschen und hatten die Aufgabe, die sächsischen Mitarbeiter beim Aufbau und bei der Organisation der Finanzämter zu unterstützen.

ZEIT: Die anderen Kollegen waren ausschließlich Quereinsteiger aus dem Osten?

Lang: Ja. Gut, einige waren schon zu DDR-Zeiten in der Verwaltung tätig gewesen. Aber viele fanden wir auf dem Arbeitsmarkt. Das waren teilweise Fachleute aus anderen Bereichen, die in ihrem eigentlichen Beruf keine Stelle mehr bekamen. Viele suchten einen sicheren Hafen in diesen unruhigen Jahren. Da war auch mal ein Ingenieur oder ein Mathelehrer dabei. Es wurde genau geschaut: Was kann der Einzelne? Erscheint er geeignet? Die neuen Kollegen wurden dann geschult.

ZEIT: Wurden die westdeutschen Aufbauhelfer eigentlich alle übernommen?

Lang: Nein. Bevor der Freistaat Sachsen einen Aufbauhelfer komplett übernahm, schaute er sich diesen genau an. Ich etwa sollte 1992 hier an der Fachhochschule der Sächsischen Verwaltung als hauptamtlicher Dozent übernommen werden und wurde zu Recht intensiv geprüft. Im Februar 1993 wurde ich sächsischer Landesbeamter. Der Freistaat achtete genau darauf, wen er fest zu sich holte.

ZEIT: Erinnern Sie sich an schillernde, außergewöhnliche Aufbauhelfer?

Lang: Es gab die verschiedensten Fälle, es gab tolle Besetzungen und, wie Sie sich vorstellen können, auch Entscheidungen, bei denen die Erwartungen nicht erfüllt wurden.