Das wird die Welt verändern.

Hamburg stellt sich an die Spitze des ökologischen Fortschritts.

Superlative dienen oft zur Übertreibung, hier sind sie angebracht. Was Hamburg plant, davon träumen Umweltschützer schon ewig.

Es geht darum, die Wärme des Sommers für den Winter aufzubewahren – nicht für ein Haus, das gibt es schon, wenn auch zu hohen Kosten. Auch nicht für eine kleine Siedlung, das wurde ebenfalls bereits versucht, sogar in Hamburg, leider mit mäßigem Erfolg. Sondern für eine Viertelmillion Haushalte auf einmal und ungefähr noch einmal so viel Gewerbefläche.

Das Hamburger Fernwärmenetz, eines der größten in Europa, wird umgebaut. Die Idee, marode Heizkraftwerke durch neue zu ersetzen, ist vom Tisch, vor allem weil neue Anlagen in Zeiten der Energiewende unwirtschaftlich sind. Stattdessen soll es eine Baukastenlösung werden: hier Wärme aus der Müllverbrennung, dort Abwärme aus der Industrie, da ein Gasheizwerk, vielleicht auch Biomasse oder Sonnenwärme. Die Details des Baukastens erarbeitet das Hamburg-Institut, ein kleiner Öko-Thinktank aus Altona.

Über einen der Bausteine, die es vorschlagen wird, haben die Fachleute des Instituts mit der ZEIT gesprochen: Sie wollen im Hamburger Westen einen gigantischen Aquiferwärmespeicher einrichten.

Aquifere sind wasserführende Schichten im Boden. Aus den oberen Lagen versorgt sich Hamburg mit Trinkwasser. Tiefer, unter dicken Tonschichten, verlaufen weitere Wasserleiter. Weil sie Kontakt mit Salzstöcken haben, sind sie als Quellen für Trinkwasser unbrauchbar. Aber man kann Wärme darin speichern. Hamburgs neuer Wärmespeicher muss also nicht mehr gebaut werden, er ist schon da.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Wie viel Wärme passt hinein? Praktisch unendlich viel, diese Schichten aus salzwasserdurchspültem Sand erstrecken sich unter dem ganzen Stadtgebiet.

An Wärme fehlt es auch nicht. Allein die Abwärme, die Hamburg in seinen Industrieanlagen, in Rechenzentren und Kühlhäusern erzeugt, könnte die ganze Stadt wahrscheinlich warm durchs Jahr bringen – das legt eine Berechnung für London nahe. Dazu kommen Sonnenwärme und die bis an die Grenze des ökologisch Verträglichen aufgeheizte Elbe, der man ebenfalls Wärme entziehen könnte.

Das Problem dieser unerschlossenen Wärmequellen: Die Sonne wärmt vor allem im Sommer, auch die Elbe ist nur im Sommer warm. Industrieabwärme fällt das ganze Jahr über an. Heizwärme aber wird fast nur im Winter benötigt. "Wir kaufen alle Wärme, die Sie liefern können, aber nur von Dezember bis Februar" – mit einem solchen Vorschlag ist das Land kein attraktiver Partner für Unternehmen wie den Kupferproduzenten Aurubis oder die Stahlhersteller von ArcelorMittal, weshalb industrielle Abwärme bislang zum Heizen kaum genutzt wird.

Ein großer Speicher könnte das ändern. Wärmerecycling statt ständiger Neuproduktion, Effizienz und Sparsamkeit statt Vergeudung und Klimaschädigung.