Die drei Freunde legen ihre Uniformen an und treten aus der Baracke in den angenehm warmen Morgen an der amerikanischen Ostküste. Sie ahnen nicht, dass sie noch an diesem Tag Nazis gegenüberstehen werden.

Als amerikanische Soldaten, die sie sind, würden sie sich freuen. Monatelang haben sie diesem Moment entgegentrainiert.

Als Flüchtlinge aus Europa, die sie sind, würden sie jubeln. Es waren die Nazis, die sie aus ihrer Heimat vertrieben.

Als deutsche Juden, die sie sind, wünschen sie sich nichts sehnlicher. Sie hassen die Nazis für ihren Antisemitismus, für ihre bestialische Brutalität. Ihr Hass wäre noch größer, wüssten sie, dass ihre Großeltern, Cousins, Onkel und Tanten, die in Lagern namens Auschwitz und Theresienstadt verschwanden, längst tot sind. Aber die Telegramme mit dieser Nachricht sind noch nicht eingetroffen.

Die drei jungen Männer waren begeistert, als die USA in den Krieg gegen das Deutsche Reich eintraten. Kaum volljährig, gingen sie zur U. S. Army, wo sie sich kennenlernten. Das Militär machte aus Peter, Arno und Heinz, der sich jetzt Henry nennt, eine band of brothers. Freunde wie Brüder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Peter Weiss, der Intellektuelle, der Kant las und Machiavelli.

Arno Mayer, der Provokateur, der immer eine Pointe wusste.

Henry Kolm, der Tüftler, der schon als Kind Wissenschaftszeitschriften gelesen hatte.

Jetzt, im Frühsommer 1945, sind sie in erster Linie Soldaten der U. S. Army, vereint in ihrem Hass auf das NS-Regime und in ihrem Durst nach Vergeltung. Und bald erfüllt vom dumpfen Gefühl, diesen Durst nicht stillen zu können. Nicht mehr.

Als die Army im vergangenen Jahr die Strände der Normandie eroberte, waren sie selbst noch in der Grundausbildung.

Als ihre Kameraden den Rhein überquerten, bekamen sie Spezialtraining vom Militärgeheimdienst.

Als Hitler sich erschoss, übten sie Verhöre.

Und dann, sie kampierten in den Wäldern des US-Bundesstaates Maryland, Abschlussmanöver, erreichte sie die Nachricht von der Kapitulation. Der Krieg in Europa war vorbei, und sie, die drei Freunde, hatten ihn verpasst.

Als sie also am Morgen dieses 9. Juni 1945 in einen Armeebus steigen, froh über den Sieg, enttäuscht über das eigene Zuspätkommen, wissen sie nicht, dass sie dieses kriegerische Weltbeben, das seine Schockwellen in alle Winkel des Planeten geschickt hat, in dieser unwirklichen Ruhe danach doch noch einholen wird. Der Bus fährt in Richtung der Hauptstadt Washington, er hält vor einem Gebäude, das die jungen Soldaten mit Staunen erfüllt.

Ein fünfeckiger Betonklotz, das größte Gebäude der Welt, Hauptquartier der größten Streitmacht der Welt. Hier, im Pentagon, Kriegsministerium, Abteilung G-2, Militärgeheimdienst, wurde ein Plan geschmiedet, und die drei Freunde sind – ohne es zu wissen – Teil davon. Eine Stunde warten sie auf dem Parkplatz. Dann erhalten sie den Befehl, umzusteigen in einen zweiten Bus, der ganz anders aussieht als der erste.

Peter Weiss: Die Fenster waren mit Sperrholz verkleidet. Nur der Fahrer konnte vorne rausschauen. Wir hielten vor einem Camp. Da war kein Schild, nur ein Schlagbaum und ein Militärpolizist. Jemand fragte ihn: "Wie heißt dieser Ort?" Er sagte nur: "Nothing." Ein Ort ohne Namen. Ich dachte: "Was zur Hölle ist das hier?"