Die drei Freunde legen ihre Uniformen an und treten aus der Baracke in den angenehm warmen Morgen an der amerikanischen Ostküste. Sie ahnen nicht, dass sie noch an diesem Tag Nazis gegenüberstehen werden.

Als amerikanische Soldaten, die sie sind, würden sie sich freuen. Monatelang haben sie diesem Moment entgegentrainiert.

Als Flüchtlinge aus Europa, die sie sind, würden sie jubeln. Es waren die Nazis, die sie aus ihrer Heimat vertrieben.

Als deutsche Juden, die sie sind, wünschen sie sich nichts sehnlicher. Sie hassen die Nazis für ihren Antisemitismus, für ihre bestialische Brutalität. Ihr Hass wäre noch größer, wüssten sie, dass ihre Großeltern, Cousins, Onkel und Tanten, die in Lagern namens Auschwitz und Theresienstadt verschwanden, längst tot sind. Aber die Telegramme mit dieser Nachricht sind noch nicht eingetroffen.

Die drei jungen Männer waren begeistert, als die USA in den Krieg gegen das Deutsche Reich eintraten. Kaum volljährig, gingen sie zur U. S. Army, wo sie sich kennenlernten. Das Militär machte aus Peter, Arno und Heinz, der sich jetzt Henry nennt, eine band of brothers. Freunde wie Brüder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Peter Weiss, der Intellektuelle, der Kant las und Machiavelli.

Arno Mayer, der Provokateur, der immer eine Pointe wusste.

Henry Kolm, der Tüftler, der schon als Kind Wissenschaftszeitschriften gelesen hatte.

Jetzt, im Frühsommer 1945, sind sie in erster Linie Soldaten der U. S. Army, vereint in ihrem Hass auf das NS-Regime und in ihrem Durst nach Vergeltung. Und bald erfüllt vom dumpfen Gefühl, diesen Durst nicht stillen zu können. Nicht mehr.

Als die Army im vergangenen Jahr die Strände der Normandie eroberte, waren sie selbst noch in der Grundausbildung.

Als ihre Kameraden den Rhein überquerten, bekamen sie Spezialtraining vom Militärgeheimdienst.

Als Hitler sich erschoss, übten sie Verhöre.

Und dann, sie kampierten in den Wäldern des US-Bundesstaates Maryland, Abschlussmanöver, erreichte sie die Nachricht von der Kapitulation. Der Krieg in Europa war vorbei, und sie, die drei Freunde, hatten ihn verpasst.

Als sie also am Morgen dieses 9. Juni 1945 in einen Armeebus steigen, froh über den Sieg, enttäuscht über das eigene Zuspätkommen, wissen sie nicht, dass sie dieses kriegerische Weltbeben, das seine Schockwellen in alle Winkel des Planeten geschickt hat, in dieser unwirklichen Ruhe danach doch noch einholen wird. Der Bus fährt in Richtung der Hauptstadt Washington, er hält vor einem Gebäude, das die jungen Soldaten mit Staunen erfüllt.

Ein fünfeckiger Betonklotz, das größte Gebäude der Welt, Hauptquartier der größten Streitmacht der Welt. Hier, im Pentagon, Kriegsministerium, Abteilung G-2, Militärgeheimdienst, wurde ein Plan geschmiedet, und die drei Freunde sind – ohne es zu wissen – Teil davon. Eine Stunde warten sie auf dem Parkplatz. Dann erhalten sie den Befehl, umzusteigen in einen zweiten Bus, der ganz anders aussieht als der erste.

Peter Weiss: Die Fenster waren mit Sperrholz verkleidet. Nur der Fahrer konnte vorne rausschauen. Wir hielten vor einem Camp. Da war kein Schild, nur ein Schlagbaum und ein Militärpolizist. Jemand fragte ihn: "Wie heißt dieser Ort?" Er sagte nur: "Nothing." Ein Ort ohne Namen. Ich dachte: "Was zur Hölle ist das hier?"

Das Camp geriet in Vergessenheit

Henry Kolm: Sie sagten uns: Dieses Camp ist streng geheim, redet mit niemandem darüber.

Arno Mayer: Es war völlig verrückt. Ihre Leser denken wahrscheinlich: Der Mayer hat sie nicht mehr alle, aber so etwas kann man sich nicht ausdenken.

Arno Mayer, 90 Jahre alt, sitzt in seinem Apartment in Princeton, einer Kleinstadt südlich von New York. Um ihn herum Regale voller Bücher, nicht wenige davon hat er selbst geschrieben. Zwei Fußminuten entfernt liegt der Campus der Universität, an der er lange lehrte. Das war in seinem Leben als Historiker, und dieses Leben kam nach dem kurzen, aber intensiven Leben beim amerikanischen Militär, als er, Mayer, und seine Freunde an einem der geheimsten Projekte des Zweiten Weltkriegs mitwirkten.

Jahrzehntelang lag ihre Geschichte verborgen in staubigen Kisten im amerikanischen Nationalarchiv. 100.000 Seiten Akten, einige mit der Maschine beschrieben, viele per Hand, in krakeliger Schrift, auf jeder einzelnen der Stempel Secret. Geheim. Erst vor ein paar Jahren gab die Armee die Dokumente frei, zunächst unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Jetzt kann man die Akten einsehen, in einer Stadt namens College Park im US-Bundesstaat Maryland. Dort, im zweiten Stock eines raumschiffartigen Gebäudes, bringen Archivare Kiste um Kiste mit Fotos, Karten, Protokollen.

All das, was damals geschah, sagt Mayer in Princeton, hat sich in ihre Köpfe eingebrannt. Aber wie die Army es ihnen aufgetragen hatte, schwiegen sie, auch gegenüber ihren Frauen und Kindern. Sie schwiegen sogar noch lange, als sie es gar nicht mehr mussten.

Jetzt endlich sprechen die wenigen, die noch leben. Neben Arno Mayer auch Peter Weiss, ebenfalls 90 Jahre alt. Weiss lebt in New York, nur eine Autostunde entfernt von seinem alten Freund, Uptown Manhattan, 27. Stock, Blick über die Skyline. Das Wohnzimmer eine Galerie eines übervollen Lebens als Anwalt und Friedensaktivist, Foto mit Nelson Mandela auf dem Tresen, gerahmte Urkunde der chilenischen Präsidentin an der Wand.

Henry Kolm, der dritte Freund, starb 2010, er hinterließ autobiografische Notizen und ein sechsstündiges Interview mit einem Historiker, aus dem dieses Dossier zitiert.

Die ZEIT hat sechs Veteranen des Geheimprojekts ausfindig gemacht. Außerdem liegen diesem Artikel zwei Dutzend Gespräche zugrunde, die Wissenschaftler mit inzwischen verstorbenen Soldaten führten. Dazu ein Tagebuch und Archivdokumente. All das fügt sich zusammen zu einem bisher unbekannten Kapitel des Zweiten Weltkriegs – jenes Teils der deutschen Geschichte, von dem man dachte, Historiker hätten ihn bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Das Camp ohne Namen haben sie lange übersehen.

Oder wie es die Veteranen nennen: 1142, Eleven Forty-Two.

So lautete die offizielle Adresse des geheimen Camps, ein paar Meilen südlich von Washington gelegen: P.O. Box 1142, Postfach 1142.

Wenige Monate nach Kriegseintritt im Dezember 1941 bauten die Amerikaner dieses Vernehmungslager für Kriegsgefangene. In den ersten Jahren brachten sie vor allem deutsche U-Boot-Besatzungen hierher. Nach der Invasion in der Normandie folgten Soldaten aus allen Teilen der deutschen Streitkräfte. Je älter der Krieg, desto bedeutender die Gefangenen in Eleven Forty-Two. Da waren:

Reinhard Gehlen, Generalmajor der Wehrmacht, Chef von Hitlers Ost-Spionage.

Hasso von Manteuffel, Generalleutnant der Wehrmacht und einer der wichtigsten Offiziere in Hitlers Ardennenoffensive.

Gustav Hilger, ehemaliger deutscher Botschaftsrat in Moskau und Hitlers führender Russlandexperte.

Kurt Hesse, ehemaliger Leiter der Heerespropaganda beim Oberkommando der Wehrmacht.

Heinz Schlicke, Ingenieur und Radarexperte in Diensten der NS-Kriegsmarine.

Wer heute an den Ort fährt, wo damals dieses Camp stand, stößt auf einen Park mit sauber gemähtem Rasen. Der Potomac liegt wie ein graues Band hinter Bäumen. Davor, auf asphaltierten Wegen, Jogger in bunten Klamotten. 1946 hat das Militär alles eingeebnet, nichts sollte bleiben vom Geheimprojekt. Es funktionierte: Das Camp geriet in Vergessenheit.

Zwischen 1942 und 1946, das zeigen Fotos und Lagepläne, erstreckten sich Holzbaracken, wo heute ein Parkplatz ist. Zwei mit Stacheldraht umzäunte Zellentrakte, wo heute Jugendliche Softball spielen und Wanderer in einem Klohäuschen verschwinden. Verborgen in den Zimmerdecken der Zellen hatte das Militär damals Mikrofone installiert, groß wie Kirchenglocken, auch das zeigen Bilder. Das ganze Camp war verkabelt.

3.451 Gefangene, 3.451 Gelegenheiten

Man würde die Gefangenen nicht nur vernehmen, so die Idee. Man würde sie auch, wenn sie nach dem Verhör in der Zelle mit ihren Mitgefangenen redeten, abhören. Dafür brauchten die Amerikaner vor allem eines: viel Personal, das perfekt Deutsch sprach, Hochdeutsch, Berlinerisch, Sächsisch, Badisch, Bairisch, Österreichisch.

Peter Weiss: Während meines Artillerietrainings wurde ich zum Colonel gerufen. Er sagte: "Ich habe gehört, Sie sprechen Deutsch?" – "Ja, Sir." – "Sagen Sie mal was." – "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem ..." – "Okay, reicht, ich habe einen Job für Sie."

Die U. S. Army durchforstet damals alle ihre Einheiten nach Soldaten, die Deutsch sprechen. Sie findet Peter Weiss, geboren in Wien. Henry Kolm, ebenfalls geboren in Wien. Arno Mayer, geboren in Luxemburg. Und Dutzende weitere, aus allen Winkeln Großdeutschlands sind sie geflohen. Jetzt kämpfen sie für ihre neue Heimat gegen die alte. Seit Kurzem erst sind sie amerikanische Staatsbürger. Und fast alle sind sie: Juden.

In der Idylle der amerikanischen Ostküste, friedlich und grün, dem Getöse des Krieges entrückt, drehte sich das Verhältnis von Macht und Ohnmacht um. Die allmächtigen Nazis, Repräsentanten jenes Regimes, das Millionen von Juden ermordet hatte, waren ihnen, den jungen jüdischen Männern, auf einmal ausgeliefert. Irgendjemand schien hier die perfekte Rache-Geschichte zu schreiben.

3.451 Gefangene. 3.451 Gelegenheiten, zu schießen, zu prügeln, zu quälen.

Doch genau das haben die Ausbilder den jungen amerikanisch-deutschen Soldaten verboten. In den Wochen bevor Arno Mayer, Henry Kolm und Peter Weiss nach Eleven Forty-Two kommen, sind sie in Verhörtechniken gedrillt worden. Die Ausbilder haben ihnen beigebracht, wie man dem Feind Informationen entlockt: Nicht drohen! Nicht schlagen! Nicht foltern!

Den Rekruten erschien das seltsam. Angesichts der größten Menschheitsverbrechen sollten sie nett sein zu den Tätern?

Ihr wichtigster Ausbilder war ein Vernehmungsspezialist namens Sanford Griffith. Schon im Ersten Weltkrieg hatte er deutsche Gefangene verhört. Und so wie Scharfschützen Techniken entwickeln, um Menschen zu töten, die Hunderte Meter entfernt sind, hatte er Methoden ersonnen, um Menschen zum Reden zu bringen, die ihm gegenübersaßen. Wichtigste Regel: Freundlich sein. Nicht nur weil dies dem Völkerrecht entsprach, festgeschrieben in der Genfer Konvention von 1929 und Teil des militärischen Regelbuchs der U. S. Army, Seite 33, Punkt 45, sondern vor allem: weil es funktionierte.

Griffith hatte dazu einen Aufsatz verfasst, den er an die Soldaten verteilte. Menschen wollten immer zeigen, wie viel sie wüssten, schrieb Griffith. Für Deutsche gelte das besonders. Sie hätten einen schoolteacher urge, einen Lehrer-Impuls. "Deutsche Kriegsgefangene werden versuchen, uns zu belehren", so Griffith. Man solle beim Verhör die Rolle des dummen Schülers spielen.

Griffith verlangte von den drei Freunden, alle bisherigen Gedanken über die Nazis zu löschen. Kriegsgräuel, Konzentrationslager, Rassenhass. Ihre Aufgabe sei es, eine positive Beziehung zu dem jeweiligen Gefangenen aufzubauen. "Wir müssen ihm schmeicheln, ihn hofieren, irritieren, umgarnen und einlullen", schrieb Griffith in seinem Aufsatz.

Nazis schmeicheln, sie hofieren und umgarnen? So haben sich Mayer, Kolm und Weiss den Kontakt mit dem Feind nicht vorgestellt. Aber es sieht ja ohnehin nicht mehr danach aus, dass sie noch Vertreter des NS-Regimes zu Gesicht bekommen werden. Bis zu diesem 9. Juni, als sie morgens ahnungslos aufbrechen, zum Pentagon fahren und wenig später in Eleven Forty-Two ankommen. Noch am selben Tag erhalten sie ihre Einweisung.

Henry Kolm: Arno und ich wurden sogenannte Moraloffiziere. Unser Job war es, wichtige Gefangene zu verhören, ohne dass sie es merkten. Wir sollten mit ihnen Schach spielen oder Tischtennis.

Arno Mayer: Ich brachte ihnen Zeitungen, Whiskey, Sandwiches. Einmal sollte ich ihnen Frauen besorgen. Ich sprach mit Henry, ob man so was macht oder nicht. Es kam nicht dazu.

Henry Kolm: Einer meiner ersten "Kunden" war der Nazi-Propagandist Kurt Hesse. Einmal sagte er zu mir: "Dein Land, Österreich, ist wunderschön." Er hatte meinen Akzent erkannt. Er erzählte, er habe mal Urlaub an einem Bergsee auf der Turracher Höhe gemacht, ein Ort, so abgelegen, dass ich ihn auf keinen Fall kennen könne. Zufällig war ich aber mal dort gewesen, es gab nur zwei Hotels. Also fragte ich: "Oh, wohnten Sie im Sieglerhof oder im Seehotel?" Von da an dachte er, ich wüsste alles über ihn. Gott, habe ich das genossen.

Abends gehen sie ins Camp-Kino

Wichtige Gefangene wie Hesse wohnen nicht im Zellentrakt, sondern in Holzhäusern im Wald mit mehreren Zimmern, Küche, Bad. Die Amerikaner nennen sie "Villen". Auf der Veranda stehen Stühle, damit die Nazis in der Sonne sitzen können.

Die Strategie des Umschmeichelns, Hofierens, Umgarnens, sie bringt surreale Szenen hervor: jungenhafte jüdische Amerikaner, von denen sich viele noch als Deutsche fühlen, und Offiziere der Wehrmacht im angeregten Gespräch. An Sommertagen schwimmen sie im Pool. Abends gehen sie ins Camp-Kino. Wem die Amerikaner Bedeutung zumessen, der hat es hier in Gefangenschaft besser als im zerstörten Deutschland.

Peter Weiss: Es sah aus wie im Ferienlager.

Anders als seine beiden Freunde ist Weiss kein Moraloffizier, sein Arbeitsplatz ist eine zentral gelegene Baracke, in der unterirdisch die Abhörkabel aus dem Camp zusammenlaufen. Weiss sitzt an einem Tisch und horcht in seine Kopfhörer. Vor ihm steht ein Aufnahmegerät. Weiss kann von Zelle zu Zelle, von Hütte zu Hütte schalten. Hört er etwas Interessantes, drückt er auf "Aufnahme".

Peter Weiss: Einmal belauschte ich zwei Gefangene. Einer hatte in der deutschen Botschaft in Madrid gearbeitet. Der andere war kurzzeitig ebenfalls in Madrid gewesen und erzählte stolz davon, wie er dort eine Frau abgeschleppt hatte. Womit er nicht gerechnet hatte: Er sprach gerade mit dem Ehemann dieser Frau. Wir mussten Leute reinschicken, sonst hätten die sich umgebracht.

Die Abhörprotokolle, die Weiss und seine Kollegen anfertigen, werden 70 Jahre später einen Blick in den Alltag deutscher Frontsoldaten gewähren. Die Gefangenen sprechen über Saufnächte, Frauen, den Krieg und seine Verbrechen.

"S.: Das ist im Herbst 1941 gewesen. Die ganze jüdische Bevölkerung einer Stadt durch einen Massenmord erschossen.

P.: Haben Sie es gesehen?

S.: Ich nicht. Aber zwei Männer von meinem Zug. Die haben selber mit schießen helfen. Das ist einwandfrei. Da war auch kein Jude mehr mitanzutreffen. Das ist von der SS durchgeführt worden.

P.: Wie viele?

S.: Man redete damals von 800. Schätzungsweise. Das sagte mir ein Obergefreiter. Der sagte von sich aus: Ich hätte da gern mitgemacht. Ein alter Nazi. Während die andern alle sagten, es wäre eine Viecherei gewesen. Schon deswegen, da ist kein Schwindel dran."

Henry Kolm: Manchmal war ich bei den einfachen Gefangenen in einem der zwei Zellentrakte. Ich fühlte mich unwohl, als Jude, umgeben von 60 Deutschen. Die meisten waren freundlich, aber einige, da war ich mir sicher, hätten mich gern getötet. Zur Sicherheit hatte ich in meiner Socke immer eine 25er Beretta.

Peter Weiss: Wir ahnten nur, dass Teile unserer Familien in den Lagern gestorben waren. Hätte ich schon gewusst, dass mein Großvater vergast worden war, hätte ich diesen Job vielleicht nicht machen können.

Arno Mayer: Manchmal fühlte ich mich, als müsste ich kotzen, weil ich nett zu diesen Typen sein musste. Ich fragte mich: "Was haben die im Krieg gemacht?" Ich hasste die Deutschen mit jeder Faser meines Körpers.

Aber ihre Order lautet damals, den Hass zu unterdrücken. Heute sagen die Veteranen fast wortgleich: Als Soldat tust du, was dir befohlen wird. Soldatenpflicht.

Genauso rechtfertigten die deutschen Soldaten ihr Handeln. Der Befehl verlangt, Gefangene zu erschießen? Dann erschießt du Gefangene. Der Befehl verlangt, Juden zu vergasen? Dann vergast du Juden.

Befehl und Gehorsam – der Mechanismus funktionierte in beide Richtungen. In Deutschland unterdrückte er die Menschlichkeit zugunsten unvorstellbarer Barbarei. In Eleven Forty-Two unterdrückte er den Rache-Impuls zugunsten unerwarteter Menschlichkeit. Beschäftigt man sich mit dem geheimen Camp, stößt man nur auf einen Fall, in dem der Hass eines Soldaten stärker war als sein Gehorsam. Der Soldat heißt Werner Moritz. Auch er ist deutscher Jude, auch er flieht in die USA, geht zur Army und arbeitet in Eleven Forty-Two. Wie die anderen lernt er dort, seine Wut zu unterdrücken. Doch dann wird er kurz vor Kriegsende nach Deutschland geschickt. Von ihm gibt es eine historische Tonbandaufnahme.

"Er war einer der guten Nazis."

Werner Moritz: Ende Mai war ich mit Militärpolizisten in Bayern unterwegs. Da rannte ein Kind auf uns zu und schrie: "Streicher! Streicher!" Es zeigte auf ein grünes Haus. Im ersten Stock fanden wir Julius Streicher. Ich kannte sein Gesicht aus meiner Kindheit in Deutschland, jeder kannte den Chefredakteur des Stürmers und seine Judenhetze.

Ich sperrte Streicher in eine Hütte, dann sagte ich zu den Wachen: "Ich werde Dinge mit diesem Kerl machen, ihr werdet denken, ich sei verrückt. Er ist ein Nazi von unglaublicher Bosheit. Er hat es nicht verdient zu leben. Ich würde ihn sofort erschießen, aber dann käme ich vor ein Militärgericht." Ich ging rein und befahl Streicher, sich auszuziehen. Ich sagte: "Ab jetzt schläfst du nackt auf dem kalten Boden. Du sprichst nicht, es sei denn, ich frage dich etwas. Du bewegst dich nicht, es sei denn, ich erlaube es."

Werner Moritz erzählt diese Foltergeschichte nicht als Heldenepos, nicht stolz, schon gar nicht belustigt. Er erzählt sie langsam, jedes Wort scheint ihm Schmerzen zu bereiten. Seine Stimme zittert, brüchig vor Scham, die sich mit in die Tonbandaufnahme frisst, als Moritz diese Sätze spricht.

Werner Moritz: Als Streicher nackt vor mir lag, öffnete ich meine Hose. Furchtbar, das zu erzählen. Ich habe ihn vollgepisst. Von oben bis unten. Auch auf den Kopf. Er neigte den Kopf, und ich sagte: "Beweg dich nicht! Sonst schieß ich dir in den Arsch." Ich war so wütend. Er sagte: "Handtuch!" Ich sagte: "Hör auf zu sprechen! Dieser deutsche Jude wird dir ein Gefühl dafür geben, was ihr Nazis uns Juden angetan habt. Wir werden dich nicht in einem Ofen kochen. Aber wenigstens ein bisschen sollst du es fühlen." Am zweiten Tag brachte ich ihm Kartoffelschalen. Als er zu essen begann, pisste ich über die Schalen.

Nicht nur in Deutschland, auch in Eleven Forty-Two widersetzen sich Soldaten manchmal dem, was ihnen ihre Ausbilder beigebracht haben. Allerdings ist es nicht Hass oder Rache, was sie Grenzen überschreiten lässt, sondern der Versuch, an wichtige Informationen zu kommen. Einmal wollen Offiziere einen Gefangenen zum Reden bringen, indem sie ihm Kokain spritzen. Ein anderes Mal probieren sie es mit Hypnose. Beides scheitert. Der Versuch, einen Gefangenen abzufüllen, endet damit, dass die Vernehmungsoffiziere so betrunken sind, dass das Verhör abgebrochen werden muss. Etwas anderes aber klappt.

Henry Kolm: Wir hatten diesen SS-Typen, der trotz aller Freundlichkeit nicht reden wollte. Irgendwann hatten wir genug und sagten ihm: Dann geben wir dich den Russen. Wir brachten ihn in einen Raum, wo einer unserer Kameraden wartete, Alex. So wie wir Deutsch sprachen, sprach er Russisch. Er trug eine sowjetische Uniform. Alex sagte: "Okay, du willst nicht reden, dann vergasen wir dich." Er schloss die Tür und wirbelte mit einem Ventilator Staub durch den Lüftungsschlitz. Da begann der Nazi zu reden.

Diese Versuche, Aussagen zu erzwingen, sind Einzelfälle, die wortkargen Gefangenen sind es auch. Das belegen die Akten. Das bestätigen die Abhörprotokolle aus den Zellen und Holzhäusern, in denen die deutschen Gefangenen untereinander von den netten Vernehmungsbeamten schwärmen. Die Strategie der gespielten Freundlichkeit funktioniert. Die Deutschen liefern den Amerikanern die gewünschten Informationen.

Der Zweite Weltkrieg wurde an vielen Orten gewonnen. Eleven Forty-Two, das weiß man heute, war einer davon. Während des Krieges zeichnen deutsche Gefangene für ihre Verhörer freimütig Karten von Rüstungsfabriken, skizzieren Konstruktionspläne von Waffensystemen. Die Amerikaner erhalten Auskunft über die Tauchtiefe deutscher U-Boote, über die genaue Lage einer Hamburger Werft, die sie daraufhin zerstören.

In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 bombardieren britische Kampfflugzeuge die Ostseeinsel Usedom. In einem militärischen Sperrgebiet verbirgt sich dort die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, in der die Nazis unter der Leitung des Ingenieurs Wernher von Braun die Großrakete V2 entwickeln, Hitlers "Wunderwaffe". Die Briten zerstören Fabrikhallen und Arbeiterbaracken und werfen dadurch das Projekt um Monate zurück. Die Koordinaten für den Luftangriff stammen aus dem Camp ohne Namen – so hören es Kolm, Mayer und Weiss, als sie knapp zwei Jahre später im Lager ankommen.

Jetzt, im Juni 1945, geht es nicht mehr um militärische Geheimnisse; die Wehrmacht ist besiegt. Jetzt geht es um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen.

Peter Weiss: Jeder versuchte uns weiszumachen, er sei kein richtiger Nazi. Einigen glaubte ich, dann lag ich nachts wach und zermarterte mir das Hirn: "Bin ich ihm auf den Leim gegangen?"

Und dann, nach mehreren Stunden Gespräch, sagt Peter Weiss mit leiser Stimme einen Satz, der so ungeheuerlich ist, dass man ihn zunächst nicht glauben mag.

Peter Weiss: Manchmal, da hat sich Sympathie entwickelt zwischen einigen von ihnen und einigen von uns.

Sympathie mit den Mördern? Ein anderer Veteran aus Eleven Forty-Two, der zwei Jahre lang in dem Lager diente, sagt über einen der inhaftierten Deutschen allen Ernstes: "Er war einer der guten Nazis."

Gute Nazis.

Der Hitler war’s, ich konnte nichts dafür

Es sind zwei Wörter, die sich abzustoßen scheinen wie zwei gleiche Pole. Wörter, die beweisen, dass die Strategie der Freundlichkeit nicht nur die deutschen Gefangenen veränderte, die immer redseliger wurden. Sie veränderte auch die amerikanischen Soldaten, die durch all ihre Abscheu, ihren Hass hindurch auf einmal nicht nur Monster vor sich sahen, sondern Menschen, in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit.

Und noch etwas ändert sich in Eleven Forty-Two. Das Interesse der Amerikaner an der deutschen Schuld währt nicht sehr lange. Oder genauer: Es wird, erst nur ein wenig, dann immer stärker, überlagert vom Interesse an deutschem Wissen, deutscher Technik, die nützlich sein könnte für den nächsten Konflikt, den nächsten großen Krieg.

Technik, wie die Amerikaner sie auf U-234 finden.

Vom Ende des Krieges hat die Besatzung dieses deutschen U-Boots nichts mitbekommen. Als das Deutsche Reich kapituliert, durchquert das U-Boot gerade den Atlantik auf dem Weg nach Japan, abgeschnitten von allen Nachrichten. Der "Führer" persönlich hat U-234 losgeschickt, vollgepackt mit deutscher Kriegstechnik für die verbündeten Japaner. Auch einer von Hitlers besten Wissenschaftlern ist an Bord, der Ingenieur Heinz Schlicke. Dazu der Luftwaffengeneral Ulrich Kessler, designierter Militärattaché an der deutschen Botschaft in Tokio.

Als der Kapitän von U-234 von der Kapitulation erfährt, ändert er den Kurs. Er steuert auf die amerikanische Ostküste zu und ergibt sich einem Schiff der U. S. Navy. Die beiden japanischen Offiziere an Bord des U-Boots spritzen sich lieber eine tödliche Dosis Schlafmittel, als dem Feind in die Hände zu fallen. Die Amerikaner schleppen U-234 in den Hafen von Portsmouth in Neuengland.

Henry Kolm: Die brauchten jemanden, der sich mit Technik auskannte. Also fuhr ich hin. U-234 lag am Dock. Unsere Leute luden mit einem Kran die Fracht aus. Es war unglaublich, V2-Motoren, Kisten voller Zeichnungen und Dokumente, ein Kampfflugzeug vom Typ Messerschmitt 262 in Einzelteilen und eine Palette mit einer Art Tank drauf. Später habe ich erfahren, dass darin 560 Kilogramm Uranoxid waren, das Grundmaterial für eine Atombombe. Die deutsche Wissenschaft war der amerikanischen damals Jahre, teilweise Jahrzehnte voraus. Unser Glück war, dass sogar jemand an Bord war, der die Technik verstand, Dr. Heinz Schlicke. Wir brachten die Crew nach Eleven Forty-Two.

General Ulrich Kessler bezieht Quartier in der Holzvilla mit dem Kürzel T-250. Sein Mitbewohner ist ein ehemaliger Untergebener, der Luftwaffenoffizier Heinrich Aschenbrenner. Die beiden Häftlinge lesen Zeitung, spielen Tischtennis. Bevor sie zu Bett gehen, singen sie manchmal deutsche Lieder. Oft sprechen sie vom Krieg. Die Protokolle füllen ganze Archivboxen.

"K: (Jemand) sagte mir, er wäre mit der Panzerarmee Kleist nach Mariupol gekommen, und die Leute hätten sie gegrüßt mit Obst und Blumen usw. und 2 Tage später kam eine SS Einheit und hat 60.000 Leute in 3 Tagen erschossen, mit Panzern. Weil sie Juden waren, oder weiß der Teufel was.

A.: Also, Herr Kessler ...

K.: Warum sagen Sie immer Herr Kessler?

A.: Also, Herr von Kessler. Also, diese Judensache ist doch, etwas dümmeres konnte dieses Schwein, dieser Hitler oder dieser Himmler nun wirklich nicht ...

K.: der Hitler war das!

A.: Sie meinen das hat der Hitler gemacht?

K.: Aber nur."

Offenbar vermutete kaum ein Gefangener, dass er abgehört wird. Die meisten Äußerungen in den Protokollen wirken unverstellt. Nicht selten fragen sich Häftlinge, anscheinend zum ersten Mal, wie ihr Land in diesen moralischen Abgrund rutschen konnte – und wie sie selbst mitrutschen konnten. Liest man diese Sätze 70 Jahre später, sieht man die Gefangenen in ihren Zellen ungläubig den Kopf schütteln. Vorgegaukelt oder aufrichtig, fast alle flüchten sich in dieselbe Erklärung: persönliche Distanzierung. Der Hitler war’s, ich konnte nichts dafür.

Henry Kolm: Viele Gefangene sagten: Wir Deutschen und ihr Amerikaner sollten uns nicht bekämpfen, wir sollten uns für den nächsten Kampf rüsten, den gegen die Russen.

Arno Mayer: Mir war klar: Wir holten diese Leute nicht nach Amerika, um sie zu bestrafen, sondern weil sie Informationen über die Russen hatten. Ich schrieb meinen Eltern damals: Ich bereite hier den dritten Weltkrieg vor.

In diesen Sommertagen 1945 rollt fast täglich ein Wagen aus dem Lager, meistens um die Mittagszeit, Stunden später kehrt er zurück. Darin sitzt ein amerikanischer Offizier mit dem immer selben Gefangenen: Heinz Schlicke. 15 Kilometer weiter nördlich, im Pentagon, hält Schlicke Vorträge über Radar- oder Infrarottechnik und berät amerikanische Offiziere, zögerlich zunächst, dann immer freimütiger, bald entsteht daraus eine enge Zusammenarbeit.

"Zum Glück wusste ich nicht, was er im Krieg gemacht hatte"

So wird im Laufe des Jahres 1945 in Eleven Forty-Two aus dem Verhör- ein Anwerbeprogramm. Sein Ziel: neues Personal für das amerikanische Militär. Besonders begehrt sind deutsche Wissenschaftler, nicht selten sind sie weltweit führend in ihrer Disziplin.

Der Bedeutendste von ihnen ist Wernher von Braun.

Ein halbes Jahr zuvor, im Dezember 1944, sitzt der Ingenieur Wernher von Braun im Ballsaal eines Schlosses im Münsterland. An der Wand hängen Hakenkreuzfahnen im warmen Kerzenlicht. Für von Braun ist es ein großer Abend. Nachdem die britischen Bomber die Fabrik auf Usedom zerstört hatten, ließ Hitler die Produktionsanlagen für die V2-Rakete in einen Bergwerksstollen im Harz verlegen. Die Arbeiter sind Häftlinge aus den nahen Konzentrationslagern. Wernher von Braun, NSDAP-Mitglied, SS-Hauptsturmführer, fährt mindestens einmal persönlich in das KZ Buchenwald, um Arbeitssklaven auszuwählen. Tausende erfrieren und verhungern in der unterirdischen Fabrik. Dafür verlassen jeden Tag zwei bis drei fertige V2-Raketen die Produktionsstätte.

An jenem Abend im Münsterland würdigt der "Führer" die Leistung des Ingenieurs Wernher von Braun für das Deutsche Reich. Albert Speer, der Rüstungsminister, ist aus Berlin angereist. Feierlich überreicht er dem Raketenkonstrukteur das Ritterkreuz, einen der höchsten Orden des nationalsozialistischen Deutschlands.

Kurz vor der deutschen Kapitulation stellt sich Wernher von Braun im Allgäu den Amerikanern. Er tritt dabei mit großem Selbstvertrauen auf, ein amerikanischer Armeeangehöriger wird über ihn sagen: "Er behandelte unsere Soldaten mit der leutseligen Herablassung eines Kongressabgeordneten auf Informationsbesuch."

Von Braun weiß: Er hat etwas zu bieten. Er könne für die Amerikaner neue Raketen entwickeln, sagt er. Raketen, die, unvorstellbar damals, Kontinente und Meere überfliegen könnten. Wenn die Amerikaner ablehnten, hätten ja vielleicht die Sowjets Interesse.

Was tun, wenn der Feind von gestern helfen kann, den Feind von morgen zu besiegen?

In der US-Regierung entbrennt ein Streit. Der Militärgeheimdienst will von Braun und seine Wissenschaftler nach Amerika holen und von ihrem Wissen profitieren. Im Außenministerium heißt es: Niemals, man muss sie bestrafen.

Die Militärs warten keine Lösung dieses Streits ab. Im Juni geben sie Wernher von Braun einen Arbeitsvertrag, ohne das Wissen großer Teile der amerikanischen Regierung. Zusammen mit 115 weiteren Wissenschaftlern, unter ihnen seine engsten Mitarbeiter, besteigt von Braun ein Flugzeug.

Henry Kolm: Arno, Peter und ich bekamen den Befehl, nach Boston zu fahren und die Von-Braun-Truppe zu empfangen. Weil alles so geheim war, richteten wir auf einer verlassenen Insel im Hafen einen provisorischen Stützpunkt ein. Niemand durfte diese Leute sehen, es wäre ein Riesenskandal gewesen. Auf der Insel stand ein großes Haus, in dem wir mit den Wissenschaftlern wohnten. Wir nannten es "Haus der deutschen Wissenschaft". Sie hielten Vorlesungen, von Braun sprach über seinen Traum, zum Mond zu fliegen. Einmal sagten sie zu mir: "Wir haben so lange nicht mehr Mendelssohn gehört. Das war verboten." Also besorgte ich eine Schallplatte. Später brachten wir die Wissenschaftler nach Eleven Forty-Two.

Arno Mayer: Ich war von Brauns Moraloffizier. Zum Glück wusste ich nicht, was er im Krieg gemacht hatte. Aber auch so stank es mir gewaltig, diesen Typen zu hofieren. Hinter meinem Rücken nannten mich die Wissenschaftler "mein kleiner Judenbube". Einmal bin ich ausgerastet, als von Braun sagte: "Hitlers einziger Fehler war, die Juden umzubringen." Ich habe gesagt: "Wärst du in Russland, würdest du sagen: Sein einziger Fehler war, die Sowjetunion zu überfallen." Später rügte mich mein Vorgesetzter. Wenn ich das noch mal machen sollte, käme ich vor ein Militärgericht.

Irgendwann gab mir der Commander ein paar Hundert Dollar und schickte mich mit vier Wissenschaftlern shoppen, von Braun war auch dabei. Sie wollten ihren Frauen Weihnachtspakete schicken. Das war ein Anblick: Wernher von Braun in seiner preußischen Pracht, groß, blond, blaue Augen. Die anderen waren kleiner, aber alle trugen diese Ledermäntel bis zu den Knöcheln. Mehrere hatten einen Tirolerhut auf, mit Feder.

"Ich begreife nicht, wie unser Wissen verloren gehen konnte"

Ich fuhr diese vier Nazi-Wissenschaftler in das größte jüdische Geschäft der Stadt, Lansburgh’s. Sie kauften Kakao, Zucker, Kaffee. Dann gingen sie in die Unterwäsche-Abteilung. Ich war 19 und hatte noch nie Dessous gekauft. Das Bild werde ich nie vergessen: diese vier Gestalten mit ihren Ledermänteln und Tirolerhüten in der Unterwäsche-Abteilung. Als die Verkäuferin Nylonhöschen brachte, warf von Braun die Hände in die Höhe und sagte: "Aber nein, Unterhosen aus Wolle und mit langen Beinen."

Henry Kolm: Einige waren katholisch und baten mich, einen Gottesdienst zu organisieren. Ich ließ einen Army-Kaplan kommen.

Arno Mayer: An Weihnachten übersetzte ich die Predigt. Man muss sich das vorstellen: Im Jahr 1945 übersetzt ein Jude die Weihnachtspredigt für Nazis.

Peter Weiss: Neulich sah ich einen Film über die V2-Angriffe auf London und dachte: Eigentlich waren wir zu nett zu denen. Das war der Anfang des totalen Krieges gegen die Zivilbevölkerung. Dresden, Hiroshima, Nagasaki. Mit der V2 hat das angefangen.

Wernher von Brauns Vertrag wird verlängert. Er arbeitet für die Army, dann für die neu gegründete Nasa. Er baut die Rakete für die Mondlandung und wird zum Freund John F. Kennedys. Er stirbt 1977 als amerikanischer Held. Insgesamt bringen die USA mehr als 1.600 deutsche Wissenschaftler ins Land, unter ihnen Kriegsverbrecher, Ärzte, die Menschenversuche machten, und Chemiker, die Giftgas für die Wehrmacht entwickelten. Sie alle beginnen in Amerika ein neues Leben.

Auch vielen Häftlingen, die nach ihrer Zeit in Eleven Forty-Two zurück nach Deutschland gehen, gelingt dort eine zweite Karriere. Sie alle sind Beispiele dafür, wie wenig sich das Personal der Bundesrepublik Deutschland mitunter von dem des "Dritten Reichs" unterschied.

Reinhard Gehlen, Generalmajor der Wehrmacht, wird Gründungspräsident des Bundesnachrichtendienstes.

Hasso von Manteuffel, Generalleutnant der Wehrmacht, zieht als Abgeordneter in den Bundestag ein, zunächst für die FPD, später für die rechtsgerichtete Deutsche Partei (DP).

Kurt Hesse, ehemaliger Leiter der Heerespropaganda beim Oberkommando der Wehrmacht, avanciert zum Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium.

In den USA scheiden die drei Freunde Henry Kolm, Arno Mayer und Peter Weiss im Jahr 1946 aus der Armee aus. Mayer arrangiert für Kolm später ein Blind Date. Die Ehe, die daraus entsteht, währt ein halbes Jahrhundert. Mit Peter Weiss reist Mayer 1947 nach Israel. Gemeinsam studieren sie in Yale. Weiss wird ein erfolgreicher Anwalt, Mayer Historiker, Kolm Physiker am Massachusetts Institute for Technology in Boston. Sie bleiben ein Leben lang Freunde.

Im Jahr 2007 treffen sich Veteranen von Eleven Forty-Two nach mehr als 60 Jahren erstmals an dem Ort, an dem sie damals dienten. Mayer, Weiss und Kolm sitzen vor einem eigens aufgebauten Podium im Park, auch Werner Moritz ist da. Ein Army-Offizier schlägt in einer Rede den Bogen vom Zweiten Weltkrieg zum Irak. Als er die Veteranen zur Ehrung auf die Bühne bittet, bleibt Arno Mayer sitzen. Aus Protest gegen die amerikanischen Verhörmethoden von heute. Kurz zuvor sind die Bilder aus dem Foltergefängnis Abu Ghraib veröffentlicht worden.

Mayer tat sich damals in Eleven Forty-Two schwer, nett zu den NS-Gefangenen zu sein. Jetzt, bei dem Veteranentreffen, blickt er zurück und ist stolz darauf. Peter Weiss geht auf die Bühne und sagt: "Ich fühle mich geehrt, aber ich will klarstellen, dass ich den Irakkrieg nicht unterstütze."

Arno Mayer: Mein Land foltert Gefangene im Irak und in Guantánamo, ohne Erfolg. Wir waren damals menschlich, benutzten unseren Verstand und bekamen die Informationen, die wir wollten. Ich begreife nicht, wie unser Wissen verloren gehen konnte.