Den Jeep von rechts sehen die beiden Fahrer nicht kommen, sie sind zu schnell. Leicht versetzt schießen sie auf die Kreuzung, links der weiße Mercedes CLA 45 AMG, 381 PS, rechts der weiße Audi A6 3.0 TDI quattro, 225 PS. Der Audi versucht noch, nach links zu ziehen, als der kleine pinkfarbene Jeep vor ihm auftaucht, dann trifft er ihn mit mindestens 160 km/h in die Seite. Der Jeep steigt nach oben, fliegt durch die Luft und bleibt 72 Meter weiter auf der Straße liegen.

Der Audi stößt beim Ausweichversuch gegen den Mercedes, beide Wagen jagen schräg nach links über die Kreuzung. Mit 139 km/h fällt der Mercedes eine Fußgängerampel, prallt auf die Granitbegrenzung der Mittelinsel, hebt ab, fliegt zehn Meter, schlägt gegen die gegenüberliegende Abgrenzung und schlittert über den Boden.

Nach der Kollision mit dem Jeep fährt der Audi noch immer mindestens 140 km/h, er trifft dieselbe Granitmauer wie der Mercedes, schleudert zurück auf die Straße, dreht sich gegen den Uhrzeigersinn, trifft die Begrenzung nach 25 Metern erneut mit dem Heck und bleibt 60 Meter hinter der Kreuzung entgegen der Fahrtrichtung stehen.

Es ist Sonntagnacht, 0.45 Uhr, der 1. Februar 2016 in Berlin, Tauentzienstraße, Ecke Nürnberger Straße, nur eine Querstraße entfernt vom KaDeWe.

Als die Polizisten an der Kreuzung ankommen, sehen sie qualmende Autos mit zerstörter Front, eine Auspuffanlage liegt auf der Straße, daneben eine Stoßstange, Glasscherben, Plastikteile, Blechfetzen, Nummernschilder, die abgerissene Fahrertür des Audi, ein Chaos aus Tausenden Teilen Schrott, verteilt auf der Fahrbahn, dem Bürgersteig, der Mittelinsel, dazwischen Schaulustige, Spaziergänger, Menschen, die helfen wollen. Neben dem Audi liegt ein orangefarbener Sportschuh, einige Meter weiter der zweite, daneben kauert ein dünner, blasser Mann in Socken auf dem Bürgersteig und starrt auf den Asphalt. Es ist Hamdi H., der Fahrer des Audi. Blut läuft ihm über das Gesicht und tropft auf den Boden. Er war nicht angeschnallt, der Aufprall warf ihn durch sein Auto.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Neben dem Mercedes läuft ein kräftiger Mann mit Bart herum und sucht nach seinem Handy. Es ist Marvin N., der Fahrer des Wagens. Auch er blutet am Kopf, neben ihm sitzt eine dunkelhaarige Frau gekrümmt auf der Mauer, Olesya K., seine Beifahrerin.

Am Jeep, der weiter hinten liegt, stehen einige Passanten und versuchen, den Fahrer aus dem Wagen zu bekommen. Michael W., 69, war auf dem Weg nach Hause, seine Wohnung liegt nur wenige Minuten vom Unfallort entfernt. Er ist eingeklemmt. Er stöhnt, röchelt beim Atmen, reagiert nicht auf die Fragen. Als die Feuerwehr ihn aus dem Auto schneiden kann, ist Michael W. bereits tot.

Sieben Monate nach dem Unfall, an einem sonnigen Donnerstagmorgen Anfang September, wird im Kriminalgericht Moabit in Berlin der Prozess gegen Hamdi H. und Marvin N. eröffnet. Vor dem Gebäude stehen Übertragungswagen, die Nachrichtensender N24 und n-tv berichten live. Vor dem Gerichtssaal warten die Reporter darauf, dass die Tür sich öffnet, dass der Prozess beginnt.

Der Unfall auf der Berliner Tauentzienstraße, der Fortsetzung des Kurfürstendamms, steht in einer Reihe mit anderen schweren Unfällen bei illegalen Autorennen in deutschen Städten. Kaum eine Woche vergeht ohne solche Geschwindigkeitswettkämpfe. Immer wieder sterben dabei Unbeteiligte. In Frankfurt kam im April 2015 ein Mann ums Leben, in Köln wurden im vergangenen Jahr drei Menschen getötet, zwei Fahrradfahrer und ein Taxigast. Im Saarland gab es im August einen Toten.

Es ist aber nicht einfach ein weiterer Todesfall, der in Berlin verhandelt wird. Die Reporter, die Kameras, die Übertragungswagen, sie sind aus einem anderem Grund hier: Bisher wurde den Fahrern eines tödlichen Autorennens vor Gericht meist fahrlässige Tötung vorgeworfen. Nun aber lautet die Anklage anders, zum ersten Mal. Mord. Den Angeklagten droht lebenslange Haft.

In ganz Deutschland schauen sie nun auf diesen Prozess, Richter und Staatsanwälte, Verteidiger und Angeklagte, Polizisten und Politiker, Raser und Hinterbliebene. Werden die Richter einen Präzedenzfall schaffen und Hamdi H. und Marvin N. tatsächlich wegen Mordes verurteilen? Gibt es dafür überhaupt eine gesetzliche Grundlage? Wie bestraft man Menschen, die ihre Autos zu Waffen machen: Sind sie wirklich Mörder, oder handeln sie lediglich fahrlässig?