Auf der Straße erkennt ihn niemand mehr. Auf Titelseiten von Zeitschriften war sein Gesicht lange nicht mehr zu sehen. Auch sein Name sagt nur noch wenigen etwas: Carl Douglas. Carl, wer? Einen einzigen Hit hat der Soulsänger geschrieben, der heute in Hamburg lebt, in einer Einfamilienhausgegend mit gestutzten Hecken, spitzen Giebeln und weißen Markisen an den Fassaden. Mehr als 40 Jahre sind seit der Veröffentlichung dieses Hits vergangen.

Aber was für ein Hit das ist!

Er wird gespielt, immer wieder, überall: im Oldie-Radio und auf Abi-Partys. In der Werbung von Coca-Cola und Pepsi, von McDonald’s und Persil. Im Soundtrack von Ally McBeal und von den Simpsons. Gerade lief er weltweit in den Kinos, als Titelsong von Kung Fu Panda, einer Hollywood-Trilogie mit Milliardenumsatz. Der Hit geht so: "Everybody was kung fu fighting / those kicks were fast as lightning / in fact it was a little bit frightening / but they fought with expert timing."

Carl Douglas ist der Urheber eines der genialsten, nervigsten, penetrantesten Ohrwürmer der Popgeschichte. Dass er heute, im Alter von 74 Jahren, immer noch gut von diesem einen Hit leben kann, hat auch mit Hamburg zu tun. Und mit dem Verleger, der hier zu seinem wichtigen Verbündeten wurde.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Geschichte beginnt Mitte der sechziger Jahre. Britische Bands erobern die Welt, The Beatles, The Searchers, The Kinks. Auch Carl Douglas, ein junger Jamaikaner, der für ein Studium nach London gekommen war, will Popstar sein. Er tingelt durch die Clubs in London und im Umland, nimmt mehrere Singles auf, der Durchbruch bleibt aus. Das ändert sich erst 1974, als Douglas eingeladen wird, eine neue Soul-Nummer aufzunehmen. Ein britischer Produzent hat das Lied gekauft, einige Studiomusiker versammelt und Carl Douglas als Sänger ausgesucht. Der Song heißt I want to go give you my everything, hat einen treibenden Beat und viel Streicherpathos. "Oh Baby, yeah, yeah", schmachtet Carl Douglas. Ein Frauenchor antwortet: "Uh-hu-hu." Es ist eine schöne Nummer, wenn man Soul mag. Aber noch nicht genug für eine Veröffentlichung.

Es war das Zeitalter der Schallplatte, und wer damals eine Single verkaufen wollte, brauchte für die Rückseite der Platte einen zweiten Song, eine Gratis-Zugabe. Oft war das Füllmaterial: Stücke, von denen man nicht glaubte, dass sie das Zeug zum Hit hatten. Als der Produzent fragte, ob Carl Douglas etwas für die B-Seite habe, kam der Moment, der sein Leben verändern sollte.

Wer sich heute mit Carl Douglas im Haus seines Verlegers zum Interview verabredet, trifft ihn in Sweatpants und Seidenschal an, dem Look eines Mannes, der nie wieder arbeiten muss. Douglas erinnert sich noch sehr genau an die größte Songidee seines Lebens. "Ich hatte beobachtet, wie zwei Jungs die Bewegungen aus Kung-Fu-Filmen nachmachten", erzählt Douglas: "Und ich hatte diese Vision: Junge Leute in Stadien überall auf der Welt, die kämpfen und tanzen wie beim Kung Fu."

Das war es, was Douglas damals, 1974, seinem Produzenten vorschlug. Er wusste auch schon, wie der Song klingen sollte: wie Disco, der neue Sound aus Amerika. Aber mit asiatischem Einfluss, kleinen chinesischen Klangornamenten. "West und Ost", sagt Carl Douglas: "Ying und Yang."

Es war eine exzentrische Idee: Auf der einen Seite ein Liebeslied und auf der anderen etwas über Kampfsport? Hier eine opulente Ballade, da eine Spaßnummer mit Geklimper wie im China-Imbiss? Andererseits: Irgendwas musste ja auf die B-Seite. Der Produzent stimmte zu. Mit den Musikern, die noch im Studio standen, nahm er Kung Fu Fighting auf. Und weil das ein Song mit Augenzwinkern war, streute der Produzent nachträglich Soundeffekte ein: "Huh!"- und "Hah!"-Schreie, wie in den Bruce-Lee-Filmen, die damals im Kino liefen. "Ich habe damit voll übertrieben", sagte er später: "Es war ein Song für die B-Seite. Wer würde sich das schon anhören?" Als Erstes hörte es sich ein Manager der Plattenfirma an. Und der entschied: Dieser Song müsse auf Seite A. Kung Fu Fighting: Das würde der Hit werden. Er sollte recht behalten.

1974 war Douglas zur besten Sendezeit im ZDF

Im Abstand weniger Wochen stand Kung Fu Fighting auf Platz 1 in England, in Deutschland, in Frankreich, in den USA, in Australien. Amerikanische Verwandte hätten angerufen und gratuliert, erzählt Carl Douglas. "Sie sagten: ›Carl, du musst nie wieder arbeiten! Überall, wo man hingeht, läuft Kung Fu Fighting!‹"

Kurz vor Weihnachten 1974 trat Carl Douglas zur besten Sendezeit im ZDF auf. Man kann das heute noch auf YouTube sehen: ein Jamaikaner im Kimono, der singt, tanzt und Handkantenschläge andeutet, umgeben von Deutschen mit Dauerwellen und Schnurrbärten, die diszipliniert mitklatschen.

Jahrelang hatte sich Carl Douglas auf den Bühnen kleiner Clubs abgequält. Jetzt war er ein Star. Aber zufrieden war er nicht. "Alle, die an dem Song beteiligt waren, fingen an, sich Rolls-Royce zu kaufen, nur ich konnte mir keinen leisten", sagt er. "Ich habe zwar Prozente abbekommen, aber nicht meinen fairen Anteil. Dabei hätte ich auch gerne einen Rolls-Royce gehabt!" Douglas beschwerte sich bei seiner Plattenfirma, doch die ließ ihn abblitzen, sagt er. Er schrieb weiter Songs, aber keinen großen Hit mehr. Das hätte das Ende der Geschichte sein können. Doch dann kam die Hamburger Verlegerfamilie Schacht ins Spiel.

"Das ist ja häufig so", sagt Benjamin Schacht, "man ist junger Künstler, unterschreibt irgendwo, hat noch keinen Namen, der Hit kommt, die Verkaufszahlen gehen hoch – und dann sieht man erst, wie viel man abgibt." Schacht ist Musikverleger in zweiter Generation. Er spricht druckreife Sätze mit ruhiger, tiefer Stimme. Ein verbindlicher Kaufmann. Aber einer mit Punkrock-Vergangenheit: An der rechten Hand trägt er seinen Ehering, an der linken einen Ring mit fettem Totenkopf. Carl Douglas nennt ihn: "mein Boss und Freund".

Für Konsumenten bleiben Musikverlage wie der von Benjamin Schacht oft unsichtbar. Für Künstler sind sie die ersten Ansprechpartner.

Wer einen Song schreibt, ob für die eigene Band oder als Komponist oder Texter für einen anderen Interpreten, der kann sich von einem Musikverlag vertreten lassen. Dieser Verlag hält dann zwar nicht die Rechte an der Aufnahme des Songs, die liegen bei der Plattenfirma. Aber er vertritt die Interessen des Musikkomponisten und Textdichters gegenüber dritten Parteien. Wenn etwa jemand einen Songtext übersetzen will, braucht er dafür die Erlaubnis des Verlags. Auch wer einen Song musikalisch bearbeitet, muss mit dem Verlag sprechen. Gleich zwei Genehmigungen braucht, wer ein Musikstück in einem Film oder in einem Werbespot verwenden will. Das gilt als Bearbeitung, erfordert also die Erlaubnis von Verlag. Zusätzlich muss die Plattenfirma erlauben, dass ihre Aufnahme verwendet werden darf. Dieses Detail wird noch wichtig in der Geschichte von Carl Douglas.

Erst mal aber zurück in die Siebziger, zu einem anderen Schacht, zu Alfred, dem Vater von Benjamin. Der war zu dieser Zeit einer der gefragtesten deutschen Musikverleger. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er in England und den USA Urheberrecht studiert und in Hamburg seinen Verlag gegründet. Er schloss den ersten Vertrag mit den Beatles, als die noch kein Mensch kannte, und vertrat Bert Kaempfert, der Hits für Frank Sinatra und Elvis Presley schrieb. 1974, im Jahr des Kung Fu Fighting, gewann eine von Alfred Schachts Bands den Eurovision Song Contest: Abba. Auch der Sänger, der Carl Douglas auf Platz 1 der deutschen Charts ablöste, war bei Schacht unter Vertrag: Michael Holm. Er sang Tränen lügen nicht .

Carl Douglas kannte Alfred Schacht, sie lebten beide in Hamburg. Denn einige Jahre nach dem Erfolg von Kung Fu Fighting war der Sänger nach Deutschland gezogen. In London sei ihm alles zu viel geworden, so erzählt er es heute, außerdem hatte er sich in England in eine Frau aus Wandsbek verliebt. Warum nicht mit ihr in ihre Heimat gehen? Da liebten sie doch seinen Song! "200 von 400 Fanbriefen kommen aus Deutschland", erzählte Carl Douglas damals der Bild.

Eine Kopie des Originals mit dem Original-Sänger

In Alfred Schacht fand er einen Lehrer und einen Vertrauten. "Ich lernte Dinge über das Musikgeschäft, die mir in England niemand beigebracht hatte", sagt Douglas. Er hatte viel vom Kämpfen gesungen, jetzt kämpfte er selbst. Zusammen mit dem Juristen Schacht gelang es Douglas, den Autorenvertrag in London aufzulösen. Das Geld mit der Aufnahme verdiente zwar noch die Londoner Plattenfirma. Aber zumindest gehörten Carl Douglas nun wieder die Rechte an seiner Songidee.

Das war der erste Schritt. Der eigentliche Coup aber gelang Benjamin, dem Sohn von Alfred Schacht, der Anfang der Neunziger den Musikverlag von seinem Vater übernahm.

Sein Gedanke: Wer die Rechte an einem Song hat, kann ihn noch einmal neu aufnehmen. Und wer einen Song neu einsingt, hat die Rechte an dieser Aufnahme. "Wenn Carl singt, hat der immer noch so eine Energie in der Stimme", sagt Benjamin Schacht. Also beschloss er, Kung Fu Fighting in einer zweiten Version zu produzieren. "Wir haben Hamburger Musiker, einen super Gitarristen, super Keyboarder und top Arrangeur da rangesetzt und haben gesagt: Das soll genauso klingen wie damals", sagt er. "Wenn Sie die Neueinspielung im Radio hören, denken Sie: ›Ah, super, das ist die alte Aufnahme.‹"

Eine Kopie des Originals mit dem Original-Sänger: eine einfache Lösung, die garantierte, dass Carl Douglas an seinem Meisterwerk ab sofort besser verdiente. Zwar lagen die Rechte an der Originalaufnahme weiter bei der Londoner Plattenfirma und später bei einem Majorlabel, das diese Firma kaufte – doch der Hamburger Musikverleger konnten sie ab sofort mit einem Trick aus dem Spiel nehmen. Die Werber brauchen ja zwei Erlaubnisse: von der Plattenfirma und vom Verlag. Benjamin Schacht sagt: "Wenn eine Werbefirma bei uns anruft und sagt: ›Also, die Plattenfirma nimmt 80.000 Dollar, wir wollen das von Ihnen auch für 80.000 haben‹, dann sage ich: ›Nein, tut mir leid. Wir wollen 150.000‹." Und wenn das mit dem Budget der Werbefirma nicht möglich ist? Dann kann Schacht höflich anbieten, die Kosten für die Plattenfirma zu sparen und die Neueinspielung zu verwenden.

Carl Douglas war wieder im Geschäft mit seinem Hit. Fragt sich nur: Konnte er sein eigenes Lied überhaupt noch ertragen? Mehr als 40 Jahre lang immer nur Kung Fu Fighting, immer nur Beine hochreißen und Handkantenschläge, treibt einen das nicht in den Wahnsinn?

Nein, sagt Carl Douglas. Er redet zwar gerne auch über die vielen anderen Songs, die er im vergangenen halben Jahrhundert geschrieben hat. Aber sein einer großer Hit sei ihm nie langweilig geworden, sagt er: "Nicht, seit ich angefangen habe, Geld dafür zu sehen."