DIE ZEIT: Professor Wineburg, "düster" seien die Erkenntnisse Ihrer neuen Studie, schreiben Sie in deren Einleitung. Was haben Sie herausgefunden?

Sam Wineburg: Dass die große Mehrheit junger Menschen, von zwölfjährigen Schülern bis zu Studenten am College, beklagenswert schlecht unterscheiden kann, ob Informationen im Internet wahr oder unwahr sind. Es gibt diesen Mythos, dass die Jugend eine Art "digitale Intelligenz" besitzt, weil sie so mühelos mit digitalen Geräten umgeht. Das stimmt aber nicht.

ZEIT: Welche Erkenntnisse machen Ihnen Sorgen?

Wineburg: Bei den 12- und 13-Jährigen konnten 80 Prozent nicht zwischen Nachrichten und Werbung unterscheiden. Der Journalismus in den USA finanziert sich inzwischen stark durch gesponserte Inhalte, sogenanntes native advertising. Also Werbung, die sich als journalistischer Text tarnt. Über den Artikeln steht zwar "sponsored content" – aber wir haben herausgefunden, dass die große Mehrheit der jungen Menschen, die ja den ganzen Tag online verbringen, keine Ahnung hat, was das bedeutet.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Wineburg: Wir haben Highschool-Schülern zwei Artikel über den Klimawandel vorgelegt. Einen verfasst von einem Wissenschaftsjournalisten, einen zweiten auf derselben Website – gesponsert vom Mineralölkonzern Shell. Fast 70 Prozent der Schüler empfand den PR-Beitrag als glaubwürdiger.

ZEIT: Können Sie das erklären?

Wineburg: Menschen waren schon immer leichtgläubig. Neu ist, dass wir im Internet von allen Seiten mit Informationen bombardiert werden. Um mit diesem Überangebot klarzukommen, greifen wir auf ein paar einfache Regeln zurück, um die Informationen zu bewerten. Eine davon ist: Daten und Statistiken sind gut. Im Shell-Artikel sind ein paar Tabellen und Grafiken enthalten, die offensichtlich überzeugen – unabhängig davon, wer sie zusammengestellt hat und welches Interesse derjenige hat.

ZEIT: Welche Faktoren beeinflussen die Glaubwürdigkeit einer Information noch?

Wineburg: In anderen Beispielen unserer Studie haben sich Schüler von Fotos täuschen lassen, die das Geschriebene vermeintlich veranschaulichen, aber aus anderen Kontexten stammten. Wie lebendig eine Information präsentiert wird, spielt also ebenfalls eine Rolle.

ZEIT: Das gilt doch auch außerhalb des Internets!

Wineburg: Ja, aber wir leben in einer komplett neuen Realität. Bevor es das Internet gab, haben Experten über ihr Fachgebiet gesprochen, Journalisten Informationen geprüft und aufbereitet. Die Verantwortung, die sie für uns übernommen haben, fällt im Internet nun jedem Einzelnen zu. Das hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben.

ZEIT: Viele sagen, das Internet demokratisiere die Informationsvermittlung ...

Wineburg: Vor einigen Wochen wurde über einen Typen berichtet, der von seinem Wohnzimmer in einem Vorort von Los Angeles über Facebook Fake News verbreitet hat. Er hatte teilweise mehr Zugriffe auf seine Geschichten als USA Today, eine der größten Tageszeitungen des Landes. Ein normaler Bürger kann mit ganz bescheidenen Mitteln durch Cleverness, Täuschung und Gerissenheit Millionen Menschen beeinflussen. Die Pressefreiheit wurde auf den kleinen Mann ausgedehnt. Zu jeder politischen Angelegenheit entstehen Websites, die vorgeben, unabhängig zu sein, aber eigentlich Interessen vertreten. Das ist gefährlich.

ZEIT: In der entscheidenden Phase des US-Wahlkampfs haben Fake News über Facebook mehr Menschen erreicht als echte Nachrichten. Was schließen Sie daraus?

Wineburg: Heute entscheiden die Launen des digitalen Mobs darüber, ob etwas viele Menschen erreicht oder nicht. Die Lüge, dass der Papst Donald Trump unterstützt, wurde etwa eine Million Mal geteilt. Was wir im Internet beobachten – übrigens selbst beim neu gewählten Präsidenten –, ist, dass Informationen von ihrer Quelle losgelöst verbreitet werden. Dabei weiß jeder kritisch denkende Mensch: Information und Quelle sind immer stark miteinander verbunden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

ZEIT: Es gibt auch die "Lügenpresse"-Rufer, die das Vertrauen in etablierte Medien verloren haben.

Wineburg: Faktenresistente Ideologen wird es immer geben, das können wir nicht ändern. Obwohl Zeitungen schon immer einen bias hatten, die einen eher linksliberal, die anderen eher konservativ berichtet haben, wurde von ihnen eine Grundfairness gegenüber denjenigen erwartet, die anders denken. Gute Zeitungen haben immer versucht, verschiedene Meinungen abzubilden. Im Internet kann sich dagegen jeder seine eigene Echokammer erschaffen, in der er nur in seiner eigenen Meinung bestätigt wird. Facebook schneidet unseren feed auf unsere Haltungen und Interessen zu und sorgt so dafür, dass wir uns immer tiefer in unseren eigenen Vorurteilen und unserer Voreingenommenheit vergraben.

ZEIT: Mark Zuckerberg hat jede Verantwortung für die Verbreitung von Fake News von sich und Facebook gewiesen.

Wineburg: Zuckerbergs Erklärung war zutiefst unehrlich und unaufrichtig. Er muss anerkennen – so wie es Robert Oppenheimer nach der Entwicklung der Atombombe im Manhattan-Projekt getan hat –, dass er mit Facebook ein Instrument mit verheerender Kraft in die Welt gesetzt hat. Er muss sich dafür einsetzen, dass dieses Instrument dem Frieden und nicht der Zerstörung dient. Auch Zuckerberg hat eine Art Bombe erschaffen, dieser Verantwortung muss er sich stellen. Er muss erwachsen werden.

ZEIT: Was muss Facebook Ihrer Meinung nach tun?

Wineburg: Facebook könnte Fake News als solche kennzeichnen oder eliminieren. Ihr Crowdsourcing und ihre Algorithmen funktionieren bei pornografischem Material schließlich auch. Geschäftstüchtige Betrüger werden allerdings immer einen Weg finden, die Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen. Daher reicht es nicht, wenn Facebook sich ändert. Die Verantwortung liegt auch in den Schulen. Wir müssen grundlegend neu darüber nachdenken, welche Kompetenzen man braucht, um sich im Internet über die Welt zu informieren. Wir brauchen eine Art Führerschein für das Internet.

ZEIT: Was machen Schulen falsch?

Wineburg: In dem Moment, in dem Schüler aus ihrer Schule treten, sind sie bei Twitter oder Facebook online. Der Ansatz vieler weiterführender Schulen in den USA aber ist der des Vogel Strauß: Anstatt anzuerkennen, dass sich diese Generation ganz anders informiert, verbieten sie in der Schule das Internet. Auf diese Weise entsteht eine verletzliche Generation, die gegen das Gift, das im Internet zu finden ist, nicht immun ist.

ZEIT: Was müssen Schüler lernen?

Wineburg: Es geht darum, ein Bewusstsein für das Potenzial und die Gefahren des Internets zu schaffen. Der Philosoph Michael Lynch hat es perfekt ausgedrückt: Das Internet ist das beste Fact-Checking-Instrument aller Zeiten – und gleichzeitig das beste Instrument, um die eigenen Vorurteile zu bestätigen. Was entscheidet nun, ob das Internet uns umsichtiger und informierter macht oder vorurteilsbeladener? Die einzige Antwort, die mir dazu einfällt, ist: Bildung.

ZEIT: Wie soll die aussehen?

Wineburg: Uns sollte es darum gehen, jungen Menschen beizubringen, sich der Genauigkeit und Sorgfalt verpflichtet zu fühlen. Zunächst einmal müssen falsche Gewissheiten durchbrochen werden: Nur weil man mühelos im Internet surft, versteht man noch nicht seine Mechanismen. Angelehnt an Heidegger kann man sagen: Wir werden uns unserer Schwächen erst bewusst, wenn etwas passiert. Als Erstes müssen wir Schülern also zeigen, wie einfach sie im Internet überlistet werden können. Sie brauchen eine Grundskepsis, sobald sie beginnen, das Internet zu nutzen. Aber: Oft genug lassen sich Lehrer genauso täuschen, auch sie brauchen Hilfe. Wir entwickeln gerade ein Curriculum.

ZEIT: Also nutzen nicht nur junge Menschen zu leichtgläubig das Internet?

Wineburg: Ich würde es gern so sagen: All of us suck – wir versagen alle. Wir sprechen hier über ein globales Problem, unabhängig von Status oder Bildung. Eine weitere Studie von uns, die wir 2017 publizieren, zeigt ähnliche Ergebnisse für Akademiker mit Doktortitel. Mit Bildung kommt Arroganz. Wir alle halten uns für viel schlauer, als wir sind, wenn es ums Internet geht.