Wenn das europäische Autorenkino der siebziger Jahre keine so elitäre Angelegenheit wäre, könnten all diejenigen, die die Eliten für ihren Genderwahn und ihre Political Correctness hassen, sich durch die derzeitige Aufregung um Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris bestätigt fühlen.

Der Film aus dem Jahr 1972 wurde berühmt auch wegen einer Szene, in der die männliche Hauptfigur, gespielt von Marlon Brando, die weibliche Hauptfigur, die 19-jährige Maria Schneider, unter Zuhilfenahme eines Pfunds Butter anal vergewaltigt. Es ist eine explizite Szene, zumindest für damalige Verhältnisse, weil Sex und die für manche dazugehörige Lust am Brutalen noch etwas sehr Privates waren. Jetzt hat eine kleine spanische Non-Profit-Organisation, die sich nach eigenen Angaben für die Schwachen und Entrechteten einsetzt, auf ihrem YouTube-Kanal darauf hingewiesen, dass die Szene nicht im Drehbuch gestanden habe und also Maria Schneiders Zorn, ihre Tränen und verzweifelten Versuche, sich zu wehren, echt gewesen seien.

Es sei keine Vergewaltigung gewesen, aber so habe es sich angefühlt, hat die Schauspielerin später einmal gesagt. Bertolucci selbst hat in einem Interview zugegeben, er und sein Star Marlon Brando hätten es tatsächlich so gewollt: Die junge Frau sollte die Entwürdigung nicht spielen, sondern spüren.

All das ist schon länger bekannt. Bertolucci hat besagtes Interview vor drei Jahren gegeben. Aber jetzt hat die Hollywood-Schauspielerin Jessica Chastain die Sache zugespitzt: "Ihr seht hier, wie ein 48-jähriger Mann eine 19-Jährige vergewaltigt." Was so nicht ganz stimmt, denn die Vergewaltigung war ja eben gespielt.

Die Aufregung scheint doch sehr herbeigewünscht. Aber es klappt, und schon fordert eine Online-Petition, Bertolucci den Oscar abzuerkennen. Die Regisseurin Lena Dunham, für jeden feministischen Skandal zu haben, äußert ihre Empörung. Zu glaubwürdig ist die Geschichte von den selbstsüchtigen alten Männern, die eine junge Frau benutzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Das liegt daran, dass sie stimmt.

Auch ein progressiver Künstler wie Bertolucci ließ seine Hauptdarstellerin nicht spielen, sondern machte sie zum Objekt seiner Kunst – da konnte sie noch so charismatisch, erotisch, begabt sein.

Für die kunstinteressierte Frau ist das nichts Neues. Jeder Besuch im Museum bestätigt, was sie längst weiß: Der Kanon der abendländischen Kunst ist eine Aneinanderreihung von Männerfantasien. Frauen treten darin auf, aber sie machen nicht mit.