Das Internet, so scheint es, hat die Götter in Weiß entthront. Nie zuvor in der Geschichte hatten Patienten so leicht Zugang zu Informationen über Krankheiten und die zugehörigen Symptome. Warum tränen die Augen plötzlich? Was tun, wenn der Husten schon drei Wochen anhält? Gibt es eine Alternative zur Rückenoperation? Drei von vier Deutschen suchen die Antwort auf solche Fragen im Netz, ergab eine repräsentative Studie im Jahr 2012. Von dieser großen Gruppe wiederum nutzt fast die Hälfte Gesundheitsportale, also Internetseiten, die medizinische Informationen für Patienten und interessierte Laien aufbereiten. Allein die Portale onmeda.de, gesundheit.de und netdoktor.de verzeichneten im Oktober 2016 zusammengerechnet 33 Millionen Besuche von Menschen, die Rat in Gesundheitsfragen suchten.

Das Problem daran: Auf den ersten Blick ist kaum zu erkennen, ob so ein Gesundheitsportal seriös ist. Wem kann man trauen? Und wie unterscheidet man richtigen von falschem Rat?

Kai Helge Vogel ist beim Bundesverband der Verbraucherzentralen zuständig für den Bereich Gesundheit. Er hat eine Checkliste zusammengestellt, die bei der Einschätzung der Portale hilft. Der wichtigste Punkt: Man sollte sich klarmachen, wem die Seite gehört, und sich dann fragen, ob man diesem Anbieter vertraut. Manchmal genügt dafür schon der Blick ins Impressum. Dort erkennt man beispielsweise, dass der Pharmagroßhändler Alliance Healthcare das Portal gesundheit.de betreibt. Einige Gesundheitsseiten sind auch im Besitz von Verlagen: Das Portal onmeda.de zählt beispielsweise zur Axel-Springer-Gruppe, netdoktor.de gehört wie auch die ZEIT zum Holtzbrinck-Verlag. Genau wie Gesundheitsportale, die von reinen Internet-Unternehmen betrieben werden, finanzieren sich auch diese Verlagsseiten in erster Linie über Werbung. Die Webseite vitanet.de kooperiert zusätzlich mit einem Netzwerk aus Apotheken, die "ihre Leistungen und besonderen Schwerpunkte innerhalb des Portals darstellen" dürfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Als Nächstes sollte man sich als Nutzer fragen, wer genau die Artikel eines Gesundheitsportals verfasst hat und ob sie noch aktuell sind. Bei vitanet.de findet man am Ende der Texte den Verfasser, seine Qualifikation und das Datum. Bei onmeda.de hingegen bleiben die Angaben zur Autorenschaft allgemein, die Texte stammen von der "Onmeda-Redaktion", die aber zumindest auf einer eigenen Seite vorgestellt wird. Wenn die Beiträge gänzlich anonym sind, spricht das grundsätzlich gegen die Qualität eines Portals.

Vor allem um solche Transparenz geht es auch bei den beiden Qualitätssiegeln, mit denen sich einige Seiten schmücken. Den HON-Code vergibt die Schweizer Stiftung Health on the Net, das Afgis-Logo stammt vom deutschen Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem. Die Organisationen prüfen vor der Vergabe des Siegels unter anderem, ob eine Webseite ihre Finanzierung offenlegt und Werbung kenntlich macht, die Inhalte aktuell hält und Datenschutz gewährt. Wer das Afgis-Logo auf einem Gesundheitsportal anklickt, findet alle entsprechenden Informationen auf einen Blick. Das Ganze hat allerdings einen Haken, denn die Qualität und die Unabhängigkeit der medizinischen Informationen garantiert keines der beiden Siegel. "Auch von Pharmafirmen betriebene Seiten können diese Siegel tragen", sagt Kai Helge Vogel, "solange sie ihre Interessen nicht verheimlichen."

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Weil sich der Stand der Forschung genau wie der Inhalt der Webseiten ständig verändert, kann ein externer Begutachter auch gar nicht abschließend prüfen, ob die Aussagen auf einem Portal korrekt sind. Die Stiftung Warentest hat die Gesundheitswebseiten deshalb seit 2009 nicht mehr verglichen. Damals befand sie die inhaltliche Qualität nur bei zwei von zwölf getesteten Seiten für gut. Das Ergebnis war eine Momentaufnahme, die Sieger-Webseite von gestern kann heute viel schlechter sein – und die Verlierer-Webseite viel besser.

Für das ZDF-Magazin Wiso* hat Vogel im Jahr 2012 mehrere Internetportale getestet, auf denen die Nutzer Experten persönliche Fragen zu medizinischen Problemen stellen konnten. Das Resultat: Von 32 Antworten waren nur 11 gut, 12 dagegen mittelmäßig und 9 schlecht. Positiv fiel damals ein Service des Schweizer Portals sprechzimmer.ch auf. Dort antworten Fachärzte von der Uni-Klinik Zürich ausführlich auf die Fragen – das kostet allerdings 75 Schweizer Franken.

*Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Artikel hieß es, es handle sich um ein ARD-Magazin. Wir haben den Fehler korrigiert.