Vor fast einem Vierteljahrhundert, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, formulierte der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington eine irritierende These: Die Ost-West-Konfrontation werde künftig von einem globalen "Kampf der Kulturen" abgelöst. Zwischen dem Westen, der islamischen Welt, Russland, China, Indien, Lateinamerika und Schwarzafrika würden die kulturellen Muster der Völker in ihrer Unvereinbarkeit hervortreten und zur Quelle neuer, auch gewaltsamer Konflikte werden.

Huntingtons Idee wirkte zunächst unzeitgemäß. In der Globalisierungseuphorie der neunziger Jahre erschien Francis Fukuyamas Annahme eines Endes der Geschichte im Sinne eines ehernen Gesetzes globaler Verwestlichung plausibler. In den 2010er Jahren, nachdem die westliche Öffentlichkeit die Augen vor der monströsen Herrschaft des IS im Nahen Osten, den islamistischen Terroranschlägen in Frankreich und anderswo, aber auch der aggressiven Politik Russlands nicht mehr verschließen kann, dämmert manchen, dass Huntington recht gehabt haben könnte: Befinden wir uns nicht mitten in einem globalen Kulturkampf zwischen dem Westen, dem Islam, Russland und anderen Kulturkreisen?

Diese Diagnose ist verführerisch, aber sie zielt knapp – und entscheidend – an der Realität vorbei. Es trifft tatsächlich ins Schwarze, dass wir unsere spätmoderne Gegenwart nicht begreifen können ohne den überragenden Stellenwert, den "Kultur" in ihr einnimmt. Die Ökonomisten und Technizisten lagen falsch: Allein als Produkt technologischer Revolutionen und wirtschaftlicher Arbeitsteilung lässt sich die globale Gesellschaft nicht begreifen. It’s culture, stupid! Kultur, die Sphäre der Werte und Narrationen, der Identitäten und Emotionen – all das glaubte die Industriegesellschaft ins Gestern der Vormoderne abschieben zu können. Nun, in der Spätmoderne, hat es sich mehr und mehr ins gesellschaftliche Zentrum geschoben.

Aber: Was wir beobachten, ist kein simpler Kampf zwischen den Kulturen, sondern ein Kampf um die Kultur, ein Konflikt um den Stellenwert, den die Gesellschaft der Kultur zuschreibt, und die Frage, wie sie mit dem umgeht, was wir Kultur nennen. Hier stehen nicht unendlich viele, sondern genau zwei gegensätzliche Fassungen von Kultur miteinander im Widerstreit: die Hyperkultur und der Kulturessenzialismus.

Die Gesellschaften des Westens in Europa und Nordamerika, aber auch ihre Vorposten in den globalen Metropolen wie Mumbai, Shanghai oder Rio de Janeiro haben sich seit den 1980er Jahren radikal kulturalisiert. Die Träger dieser Kulturalisierung sind die gut ausgebildeten, kosmopolitischen Mittelschichten – ob in den USA oder in China, in Deutschland oder in Indien. Kultur ist in diesem Zusammenhang nicht die Hochkultur des Bildungsbürgertums oder die Massenkultur der Nachkriegszeit. Kultur meint nun vielmehr die Pluralität kultureller Güter, die auf den globalen Märkten zirkulieren und den Individuen Ressourcen für ihre besondere Selbstentfaltung zur Verfügung stellen. Ob es sich um die japanische Kampfkunst Aikido oder das indische Yoga handelt, ob skandinavisches Design, französische Kinofilme oder amerikanische Computerspiele, kreolische oder süddeutsche Küche, ob es um Reiseziele zwischen dem Städtetrip, dem Aktivurlaub oder der Themenreise, um Weltmusik oder Kunstmuseen geht – die globale Kultur existiert für die kosmopolitische Klasse in Form von vielfältigen Ressourcen, die sich das spätmoderne Individuum nach seinem Gusto und in besonderer Kombination aneignet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Kultur ist hier Hyperkultur, das heißt: Im Prinzip kann alles zum Träger von Kultur werden, als wertvoll und bedeutsam erscheinen, sofern nur seine Besonderheit erkannt ist. Diese spätmoderne Kultur wird in entscheidender Weise vom Kulturkapitalismus getragen, einer postindustriellen creative economy, in deren Zentrum kulturelle Güter, Dienste, Medien und Events stehen. Das Markt- und Selbstverwirklichungsmodell der Kultur umfasst auch den Wettbewerb der spirituellen Praktiken und Glaubensgemeinschaften um das religiös bedürftige Individuum, das temporäre Engagement in politischen Initiativen und die Auswahl zwischen Bildungsangeboten auf dem Markt der Schulen, die sich der globalen akademischen Mittelklasse darbieten. Diese Hyperkultur baut auf der Vorstellung der Diversität, der diversity, als Bereicherung auf – je vielfältiger, umso besser, steigert dies doch die Chancen der hybriden Kombination und individuellen Selbstentfaltung.

Die Hyperkultur hat sich mit der Globalisierung verbreitet, im alten Westen und anderswo. Es ist nun verblüffend, wie sämtliche Gegner, die sie mittlerweile versammelt, sich letztlich ebenfalls auf Kultur berufen, aber Kultur dabei ganz anders verstehen. Man kann hier die diversen religiösen fundamentalistischen Bewegungen einordnen, die Bewegungen eines erstarkten Nationalismus, etwa in Putins Russland, auch in Modis Indien oder in der Türkei Erdoğans, schließlich die rechtspopulistischen Bewegungen in ganz Europa. Auf den ersten Blick sind alle diese Tendenzen kaum auf einen Nenner zu bringen, ja ihre Anliegen scheinen diametral entgegengesetzt. Tatsächlich jedoch teilen sie alle die Gemeinsamkeit, Kultur im Sinne eines Kulturessenzialismus gegen die kosmopolitische Hyperkultur in Stellung zu bringen. Kultur ist hier kein dynamischer, hybrider Markt, sondern hantiert mit der großen Differenz zwischen Ingroup und Outgroup, mit dem Gegensatz zwischen dem Wertvollen des Eigenen – das als Grundlage kollektiver Identität taugt – und dem Fremden, das indifferent oder wertlos erscheint.