Ich möchte etwas zum Zustand des Journalismus sagen und zur großen Kraft, die dieser Beruf hat. Am Ende dieses Textes wird eine Geschichte stehen, die mir mein Vater erzählt hat, kurz vor seinem Tod.

Es muss irgendwann Anfang der neunziger Jahre gewesen sein, lange her, als eine Freundin mich fragte, wer denn alles komme auf das Fest, das am Abend stattfand. Als sie die Namen hörte, sagte sie, nee, dann gehe sie da nicht hin, alles nur Journalisten, das sei ihr zu langweilig. Journalisten, die würden immer nur darüber reden, welche Zeitung nun besser als die andere sei, welcher Autor wieder einen besonders schwachen Text geschrieben habe. Eine einzige Nabelschau, damit könne sie nichts anfangen, da fühle sie sich ausgeschlossen. So sah es die Freundin, eine angehende Ärztin.

Ich erinnere mich gut an diese Äußerung, weil ich noch weiß, wie ich mich darüber geärgert habe. Journalisten Langweiler? Wie bitte? Wenn bei meinen Eltern früher Journalistenkollegen zu Besuch kamen, war das in der Regel eine große Freude, sie waren oft gar nicht besonders sympathisch, aber sie waren immer große Geschichtenerzähler. Das hatte einen einfachen Grund. Sie hatten einen spannenden Beruf, und Erzählen war ihr Geschäft. Da war zum Beispiel ein Polizeireporter, dessen Lieblingsthema Prostituierte waren, die irgendwann ihren Job aufgaben und sich verbürgerlichten, aber gelegentlich an ihr altes Leben erinnert wurden, etwa durch eine Begegnung mit einem früheren Kunden. Solche Geschichten erzählte er und erzählte er, und irgendwie war wohl auch sein Unterbewusstsein so gefangen davon, dass er später eine Frau heiratete, von deren Vergangenheit auf dem Straßenstrich er keinerlei Ahnung hatte.

Noch eine andere Geschichte. Einmal, es war in der Süddeutschen Zeitung, kam dort in die Konferenz unangekündigt eine wunderbare alte Dame, die lange als Kulturkorrespondentin für die Zeitung gearbeitet hatte. Der Chefredakteur führte sie ein mit den Worten: Die Kollegin bittet um Aufmerksamkeit, sie möchte eine Geschichte erzählen. Und das tat sie: Sie war ein junges Mädchen, vielleicht 16, 17 Jahre alt, und sie schrieb Gedichte – und wurde in einer Art Wettbewerb dafür ausgezeichnet. Ihre Gedichte wurden in einer Kulturzeitschrift abgedruckt, und sie wurde zu einem Kulturfest nach Berlin eingeladen. Das Problem: Die Geschichte spielt Anfang der vierziger Jahre, der Schirmherr des Festes war Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Um es kurz zu machen: Goebbels belästigte sie, sie entzog sich ihm, doch er ließ sich nicht abbringen und stellte ein grausames Ultimatum – entweder sie werde ihm gefügig, oder er sorge dafür, dass ihre beiden älteren Brüder an die hochgefährliche Ostfront versetzt würden. Die alte Dame sagte, sie habe sich damals mit ihren Eltern und den Brüdern beraten und Goebbels’ Ansinnen zurückgewiesen. Die Brüder kamen an die Ostfront. Die alte Dame saß neben dem Chefredakteur und sagte, sie sei schon sehr alt und habe eine schwere Operation vor sich, sie sei gekommen, um diese Geschichte zu erzählen, die sie lebenslang begleitete, weil sie der Ansicht sei, der Journalismus sterbe, wenn man sich nicht die wirklich wichtigen Dinge des Lebens erzähle.

Journalisten Langweiler? Ich ärgerte mich auch deshalb über diese Freundin, weil ich ahnte, dass sie recht haben könnte. War die Beobachtung nicht vielleicht richtig, hatte sich da nicht etwas verändert? Wenn jüngere Journalisten zusammenkamen, wurden plötzlich weniger Storys erzählt, weniger Anekdoten, stattdessen tauschte man Befindlichkeiten einer zunehmend hermetischen Branche aus. Wohlgemerkt, das war in den Neunzigern, da war von einer grundsätzlichen Medienkrise noch gar keine Rede. Und das öffentliche Ansehen eines Reporters eines einigermaßen seriös wirkenden Blattes war glänzend. Anfeindungen, Beschimpfungen, weil man seine Arbeit macht? Ich kann mich an keine erinnern. Das hat erst vor wenigen Jahren richtig angefangen. Das Wort Lügenpresse wartete damals noch auf seine Karriere.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Im Rückblick lässt sich festhalten, die Bedingungen eines Journalisten waren lange wunderbar, die Lage war bestens. Und doch war frühzeitig etwas angelegt, was die Partystory zu verdeutlichen sucht: Eine gewisse Blutleere machte sich breit. Im Zentrum stand plötzlich oft nur noch die Frage, wer zu Recht oder zu Unrecht gelobt oder kritisiert wurde, von den Chefs oder anderen wichtigen Leuten.

Ich muss betonen, dass mir jegliche Autorität fehlt, um über den Journalismus objektiv zu berichten, aus einer fernen, kühlen Distanz. Mein Ansatz ist auch nicht, die Bedeutung der Pressefreiheit für eine funktionierende Demokratie herauszustellen, so richtig das auch ist. Für mich ist Journalismus eine Lebensform. Ich kann mir keine andere vorstellen. Man erzählt Geschichten, um das Leben zu verstehen. Und manchmal erzählt man Geschichten, weil man das Leben anders nicht aushalten kann.