In wenigen Stunden werde ich Elyes heißen. Ein Name, der mich meiner großen Liebe Nedia näher bringen soll. Es ist acht Uhr, ein Frühlingsmorgen in Tunis. Neben mir schieben Männer Karren mit Säcken voller Gewürze durch die staubigen Gassen der Altstadt, Jungs spielen Fußball. Für einen Moment stehe ich regungslos vor der Ez-Zitouna-Moschee mit ihren antiken Säulen. Noch könnte ich alles abbrechen. Gleich habe ich in der Nähe einen Termin beim Mufti von Tunis. Er soll mich zum Muslim machen. Mich, einen deutschen Atheisten mit christlichen und jüdischen Wurzeln.

Zwei Jahre zuvor warte ich nervös in einem indischen Restaurant in meinem Heimatort, einer kleinen deutschen Stadt nahe der französischen Grenze. Ich bin verabredet. Mit einer Frankotunesierin, die ich auf Tinder kennengelernt habe. Ich bin 32 Jahre alt, und mit den Frauen hat es bisher nicht geklappt in meinem Leben. Alle meine Beziehungen scheiterten. Dann steht sie vor mir: Nedia, 27, ein wunderschönes Lächeln, schwarze Locken, braune Augen. Muslimin. Sie ist schüchtern. Das bin ich auch. Aufgewachsen ist sie in Tunesien, erzählt sie mir. Jetzt arbeitet sie als Wissenschaftlerin in Frankreich. Zum Essen trinke ich ein Bier, sie Wasser. Wir verstehen uns sofort, sprechen über die tunesische Revolution, über Literatur und Kino. Wir spüren, dass es passt. Alles an ihr beeindruckt mich. Aber vom ersten Moment an frage ich mich: Wie denkt sie als Muslimin über Juden? Selbst bei aufgeschlossenen Muslimen hatte ich häufig das Gefühl, doch irgendwann auf Antisemitismus zu stoßen.

Aschhadu an la ilaha ill’llah. Aschhadu anna Muhammadan rasūlu’llāh. Ich bezeuge, es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet. Innerlich sage ich mir die Schahada auf, das islamische Glaubensbekenntnis. Es beruhigt mich, dass ich im Internet Videos gesehen habe, in denen im Rekordtempo konvertiert wird. Man muss die Schahada vor zwei Zeugen nachsprechen – fertig. Besonders schwierig kann es also nicht werden, hoffe ich.

Der Großvater meiner Mutter war Jude, Religion spielte bei mir zu Hause aber keine Rolle. Atheist bin ich seit meiner Kindheit. Und jetzt trete ich ausgerechnet zum Islam über. Einer Religion, die mir nie sympathisch war.

Das zweite Mal treffe ich Nedia bei ihr zu Hause. Ich bin aufgeregt. Sie müsse kurz noch mit ihren Eltern in Tunis sprechen, sagt sie, nachdem sie mir die Tür aufgemacht hat. "Dann haben wir das Wochenende für uns."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Schon bei unserem ersten Treffen hat mir Nedia erklärt, dass ihre Eltern nichts von mir wissen dürfen. Sie wünschen sich für ihre Tochter einen Tunesier, einen Muslim. Nach islamischer Tradition sind Muslime angehalten, unter sich zu heiraten. Die Zahl der Ehen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ist daher verschwindend gering. Diese auf Abschottung ausgelegte Heiratsordnung nennt sich Endogamie.

Nedia bedeutet mir ernst, dass ich mich jetzt mucksmäuschenstill zu verhalten habe. Ich setze mich auf einen Hocker in einer Ecke ihrer Einzimmerwohnung. Sie telefoniert. Zehn Minuten, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde. Nach 35 Minuten legt sie auf. Nedia merkt, dass ich genervt bin. "Danke", sagt sie und verspricht, für den Rest des Wochenendes ihr Handy auszustellen. Wir machen, was frisch Verliebte so tun: essen gehen, Spaziergänge, Kino, Sex. Ich werde nie vergessen, wie Nedia mich angesehen hat. So verliebt und glücklich. Es ist ihre zweite Beziehung, die erste ist nicht zuletzt an ihren Eltern gescheitert. Hier in Europa, wo sie hingezogen ist, um zu promovieren, soll alles anders werden.

Ich bin ihre zweite Beziehung, die erste ist nicht zuletzt an ihren Eltern gescheitert

Als wir Sonntagabend von einem Ausflug zurück in ihrer Wohnung sind, klingelt es. Es ist der Nachbar von gegenüber. Tagsüber habe ein Mann nach Nedia gesucht. Er habe mit dem Hausmeister sogar ihre Wohnungstür aufgeschlossen. "Meine Eltern", stammelt Nedia nur, nachdem der Nachbar sich verabschiedet hat. Wieder muss ich in die Zimmerecke: Telefon – eine gefühlte Stunde. Ihre Eltern, sagt sie anschließend, hätten sich wegen ihres ausgeschalteten Handys um sie gesorgt. So sehr, dass sie einen entfernten Bekannten losschickten, sie zu suchen.

Schweigend sitzen wir auf ihrem Bett. "Ich kann verstehen, wenn du jetzt nicht mehr mit mir zusammen sein willst", sagt Nedia leise.

In den kommenden Wochen und Monaten erfindet sie immer neue Gründe, warum sie telefonisch nicht erreichbar ist. Ganze Wochen ist sie angeblich auf Konferenzen in Berlin, Mailand, Luxemburg oder Paris. In Wahrheit verbringen wir die Zeit zusammen. Auf Fragen, die ihre Eltern ihr über die angeblich besuchten Städte stellen könnten, bereitet sie sich akribisch vor. Im Internet liest sie Details über Sehenswürdigkeiten, die sie nie gesehen hat.

Es gibt Grenzen, die ich respektieren muss

Immer wieder dränge ich Nedia, es ihren Eltern endlich zu sagen. Es kränkt mich, verschwiegen zu werden. Besonders spüre ich das, wenn ich Freunden erklären muss, dass ihre Eltern immer noch nicht von mir wissen – während Nedia in meine Familie längst integriert ist.

Gleichzeitig merke ich, wie sehr mich ihr Glaube umtreibt. Auf Facebook sehe ich, dass Nedia die Gruppe "Jews & Arabs Refuse To Be Enemies" gelikt hat. Doch das allein beruhigt mich nicht. In Frankreich macht zu dieser Zeit gerade der Komiker Dieudonné mit seinem abgewandelten Hitlergruß von sich reden. Bei vielen Franzosen arabisch-muslimischer Herkunft ist er mit seiner Anti-Establishment-Pose beliebt. "Was hältst Du von Dieudonné?", frage ich Nedia per Chat. Bevor ich auf Enter drücke, zögere ich. Bei einer falschen Antwort wäre es aus zwischen uns. "Ein rechter Aktivist", schreibt sie. Ich bin erleichtert.

Es bleibt nicht die einzige Frage, mit der ich sie teste. Zeitweise vergeht keine Woche, in der ich Nedia nicht irgendeine gewaltverherrlichende Sure vorhalte. "Das hat heute keine Bedeutung mehr", sagt sie dann. Oder: "Man muss das im historischen Kontext sehen." – "War Mohammed nicht ein Kinderschänder? Immerhin hat er eine Neunjährige geheiratet", frage ich sie sogar einmal. Sie lässt sich nicht provozieren. Vielleicht auch, weil sie merkt, dass ich diese Frage nicht ganz ernst meine. Doch nicht immer kann sie mit solchen Provokationen umgehen. Es gibt Grenzen, die ich respektieren muss.

Überall stehen Wachmänner mit Maschinengewehren. Auch vor dem Amtssitz des Muftis. Am Eingang mit den Rundbögen gebe ich dem Wachmann ein wenig verängstigt zu verstehen, dass ich gleich einen Termin habe. "Mariage?", fragt er. "Oui", antworte ich. Er lächelt. Ich bin nicht der Einzige, der sich hier heute zur Konversion vorstellt. Im Fünfminutentakt treffen Pärchen ein: die Frauen Tunesierinnen, die Männer größtenteils Franzosen. Am Ende zähle ich zehn Pärchen und einen von einem schick gekleideten Tunesier begleiteten alten Spanier.

Dass hier nur Männer konvertieren, ist kein Zufall. Die Endogamie im Islam ist asymmetrisch: Das Heiratsverbot mit Andersgläubigen gilt nur für muslimische Frauen. Männer dürfen zumindest theoretisch christliche und jüdische Frauen heiraten – Angehörige der sogenannten Buchreligionen. Nichtmuslimische Frauen, die einen muslimischen Partner heiraten wollen, müssen daher nicht unbedingt konvertieren. Männer schon. Denn die Religion des Mannes entscheidet im Islam über die Religion der Kinder.

Ich bin der Einzige, der an diesem Morgen ohne Begleitung gekommen ist. Nedia ist auf einer Konferenz in Paris – diesmal wirklich. "Kriege ich schon alleine hin", habe ich getönt.

"Ich suche Schutz beim Herrn der Menschheit / vor dem Unheil des Einflüsterers, der kommt und geht, / der Böses in die Herzen der Menschen flüstert." Wenn Nedia Angst hat, sagt sie Koransuren auf. Sie lebt einen spirituellen Islam. Viele der strengen Regeln, wie fünfmal täglich beten, ignoriert sie. In Tunesien war das lange normal. Der Koran galt nicht als buchstäblich zu befolgende Handlungsanweisung für unsere moderne Welt. Unter dem langjährigen Präsidenten Habib Bourguiba setzte Ende der fünfziger Jahre eine breite Säkularisierung ein, das Kopftuch nannte er ein "Leichentuch". Erst seit den späten neunziger Jahren werden Kopftücher wieder stolz getragen, auch wegen des wachsenden Einflusses saudi-arabischer Fernsehsender und Prediger. An manchen Stränden, an denen sich Frauen seit Jahrzehnten im Bikini sonnten, ohne dass es jemanden gestört hätte, sieht man nun vor allem Burkinis. Wer sich dieser Mode verweigert, wird von Sittenwächtern zurechtgewiesen. Nedia steht in diesem Kulturkampf klar aufseiten der Säkularen.

Mittwoch, 7. Januar 2015. Seit einer Stunde sitze ich vor dem Fernseher. Es sind die ersten Augenzeugenberichte von dem Attentat auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo zu sehen. Früher habe ich nach islamistischen Attentaten nicht groß nachgedacht, was das für Muslime in Deutschland oder Frankreich bedeuten könnte. Mir war nur wichtig, dass sie sich von diesen Gewaltakten distanzierten. Diesmal ist es anders. Ich merke, wie verstört Nedia ist. "Das darf nicht sein", wiederholt sie am Telefon immer wieder. Ich versuche, sie zu trösten, die Attentäter hätten doch mit der Religion, wie sie sie lebt, nichts zu tun. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie sich persönlich für den Anschlag schämt. In der Bäckerei, in der sie heute Mittag war, hätten die Leute komisch geguckt, sagt sie. "Vielleicht hast du dir das nur eingebildet", erwidere ich.

Am späten Abend fahre ich zu ihr. Als sie mir die Tür aufmacht, sehe ich, dass sie geweint hat. "Sie zerstören alles, was mir heilig ist", sagt Nedia. Allahu Akbar, Gott ist groß. Diese Worte hat sie früher leise gebetet. Heute sind sie der Schlachtruf feiger Mörder. Sie weiß nicht, wie sie reagieren soll, wenn sie bei der Arbeit auf das Attentat angesprochen wird. "Sag einfach das, was du über den Anschlag denkst", rate ich ihr.

"Ich will nicht, dass das zwischen uns steht"

In den folgenden Nächten werden in Frankreich ein gutes Dutzend Moscheen attackiert. Muslime werden auf den Straßen verprügelt. Ich poste auf Facebook einen Artikel, der auf diese Gewalt aufmerksam macht. Ein Bekannter kommentiert, die Muslime sollten lieber gegen die Radikalen in ihren Reihen vorgehen, statt einen auf Opfer zu machen. Das hätte von mir sein können. Früher. Ich muss mich daran erinnern, als wir einige Tage später an einer Gedenkveranstaltung teilnehmen. Mir fällt auf, wie wenige Muslime dabei sind. Ich spreche Nedia darauf an. Sie sagt nichts.

Es sind nicht nur die großen kollektiven Schockmomente, die unsere Beziehung überschatten. "Lies dir mal die Kommentare durch!", diesen Satz höre ich mindestens einmal pro Woche. Diskussionen über die Hetze im Netz, über den Aufstieg des Front National und der AfD sind bei uns Alltag. Jeder Tabubruch, jeder Wahlerfolg der Rechtspopulisten beschäftigt uns. Nedia belastet vor allem, dass die Grenze zwischen Islam und Islamismus verwischt. Dass die AfD den Islam grundsätzlich als verfassungsfeindliche Ideologie definiert, kommt für alle Muslime – ganz gleich, wie sie ihre Religion leben – einer Ausbürgerung gleich.

Einmal, spätabends, sitze ich vorm Computer und gebe bei Google "deutscher Vater" und "arabische Mutter" ein. Nedia wünscht sich ein Kind. Ich bin überfordert. Nicht nur, dass ich eigentlich nie Kinder haben wollte, jetzt muss ich schon vor ihrer Geburt Angst davor haben, dass sie womöglich Opfer von Rassisten werden. Wie würden sie aussehen? Google zeigt mir Fußballspieler. Sie wirken arabisch. Kann ich mir vorstellen, dass unsere Kinder in Deutschland aufwachsen, wenn sich die Stimmung weiter verschlechtert? Eher nicht. Aber welche Wahl habe ich schon? Lange traue ich mich nicht, mit Nedia über meine Ängste zu sprechen. Erst als ich merke, dass sie sich ähnliche Gedanken macht. Sie hoffe, sagt sie einmal, dass unsere Kinder mir ähneln werden – nicht ihr.

Vor dem Amtssitz des Muftis hält jetzt neben mir eine junge Tunesierin – geglättete, lange schwarze Haare und Sonnenbrille – ihrem Verlobten einen Zettel unter die Nase. "Konzentrier dich bitte", sagt sie auf Französisch. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass auf dem Blatt das Glaubensbekenntnis und die fünf Säulen des Islams stehen – auch auf Arabisch. Wenn man die fünf Säulen tatsächlich auf Arabisch aufsagen muss, kann ich einpacken. Nach einer halben Stunde tritt ein dicker, älterer Mann aus dem Gebäude, offenbar der Assistent des Muftis. Mit einer Handbewegung signalisiert er uns, dass es losgeht. Wir durchqueren einen Innenhof, um dann in einem schmalen Flur Platz zu nehmen. Die Türen zu den Büros sind gepolstert. Wieder müssen wir warten. Neben mir hat ein junger Franzose Platz genommen – begleitet von seiner Verlobten und deren Familie. Ich beneide die beiden. Sie haben ihr Coming-out schon hinter sich.

Diverse Internetforen sind voll von Hilferufen, die sich alle in drei Sätzen zusammenfassen lassen: "Ich liebe meinen Freund. Ich will aber meine Familie nicht verlieren. Was soll ich tun?" Wieder und wieder habe ich diese Berichte gelesen. Das Ausmaß hatte ich unterschätzt: Zehntausende junge Frauen dürfen in Deutschland ihren Partner nicht selbstständig wählen. Widersetzt sich eine Muslimin hier dem Willen ihrer Familie, riskiert sie, verstoßen zu werden. Im schlimmsten Fall ist ihr Leben in Gefahr. Und die Gefahr geht nicht immer von der Familie aus: Ich kontaktiere einen Mann, der auf Facebook frustriert einen Zeitungsartikel zum Thema kommentiert. Er erzählt mir, wie Mitglieder der Moscheegemeinde seiner Frau sie drangsalierten, weil er Christ ist. Zuerst gab es Drohanrufe. Dann wurden Farbbeutel auf ihr Haus geworfen, Autoreifen zerstochen. Selbst die Polizei konnte nicht helfen. Der Terror ging weiter, über Monate. Bis sie keine andere Möglichkeit sahen, als die Stadt zu verlassen.

So liberal Nedia als Muslimin ist, den Fastenmonat Ramadan hält sie streng ein, den Monat, in dem der Koran angeblich auf den Propheten "herabgesandt" wurde. Sexuelle Kontakte, selbst sexuelle Gedanken und Fantasien sind bis Sonnenuntergang tabu, hat sie mir erklärt. Als ich trotzdem am helllichten Tag versuche, sie zur Begrüßung zu küssen, reagiert Nedia gereizt. Sie ist müde, hat nicht gegessen und getrunken. Sie muss sich erst mal hinlegen. Beim Abendessen – für Nedia ist das Fastenbrechen ein feierlicher Moment – kann ich es nicht lassen, ihr triumphierend Erkenntnisse meiner Internetrecherchen zum Ramadan zu präsentieren: Die wirtschaftliche Produktivität soll in muslimischen Ländern dann um bis zu 50 Prozent einbrechen. Die Dehydrierung birgt außerdem gesundheitliche Risiken: Migräneanfälle, Herzprobleme. Das alles kann wohl kaum im Sinne Allahs sein, meine ich. Nedia ist sauer. "Ich will nicht, dass das zwischen uns steht", sagt sie. Ich merke, dass ich mich zurückhalten muss, will ich unsere Beziehung nicht aufs Spiel setzen.

"Willst du mich heiraten?"

Die gepolsterte Tür öffnet sich, und ich werde aufgerufen. Der Assistent des Muftis mustert mich, dann geht er mit mir meine Daten durch: Wohnort, Geburtstag, Beruf – und meinen Namen. Wer konvertiert, muss sich einen neuen Vornamen aussuchen, einen muslimischen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, mich aus Protest Issa zu nennen, der muslimische Name für Jesus. Aber der Sinn für Provokation ist mir abhandengekommen. Ich wähle den Namen, den Nedia mir vorgeschlagen hat: Elyes.

Silvester 2015 feiere ich mit einem jüdischen Freund, Nedia ist bei ihren Eltern in Tunis. Wir essen Flammkuchen und trinken Sekt. "Du musst aufpassen", sagt der Freund irgendwann. "Sie wird sich auf jeden Fall nach ihren Eltern richten. Auch wenn sie gegen dich sind." Das kenne er aus jüdischen Familien. Der Abend ist für mich gelaufen.

Am nächsten Tag skype ich mit Nedia. "Ich kann so nicht weitermachen", sage ich. "Du musst mit deinen Eltern reden." Sie bittet um Geduld. Aber ich kann mich nicht mehr gedulden. Schweigen. Plötzlich sagt sie: "Willst du mich heiraten?" – "Ja", antworte ich.

Fast ein ganzes Jahr sträube ich mich dann gegen die Konsequenz dieses Jaworts: Nedia will eine muslimische Hochzeit. Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto besser verstehe ich sie. Meine Freundin möchte ihre Familie nicht verlieren. Und ich sie nicht.

Nedia versucht mir die Vorbereitungen für die Konversion, so gut es geht, abzunehmen. Der tunesische Staat akzeptiert Übertritte von Ausländern nur, wenn sie der Mufti von Tunis persönlich vornimmt.

"Übrigens, in zwei Wochen fliege ich nach Tunesien. Ich trete da zum Islam über. Wegen Nedia." Ich sitze mit meiner Mutter in ihrem Wohnzimmer. Es hat lange gedauert, bis ich den Mut hatte, sie einzuweihen. Sie reagiert mit einem lang gezogenen Stöhnen. Meine Mutter findet Nedia großartig, aber den Islam sieht sie als Bedrohung. Unseren jüdischen Nachnamen erwähnt sie ungern gegenüber Muslimen. Auch ich habe das aus Vorsicht immer vermieden. Jetzt ist es für sie, als würde ich mich unseren Feinden an den Hals werfen.

"Ich könnte das nicht", ist auch der fast einhellige Tenor bei meinen Bekannten und Freunden. Niemand sagt es offen, aber sie legen mir meine Entscheidung als Schwäche aus. Die Eltern eines Freundes sehen meine Konversion sogar als Zeichen einer schleichenden Islamisierung, als kulturelle Unterwerfungsgeste.

Nur meine engsten Freunde und meine beiden Geschwister verstehen mich und die Zwangslage, in der sich Nedia und ich befinden. Das gibt mir Kraft. Auch wenn es paradox klingen mag: Was mir ebenfalls hilft, ist, dass ich nicht an Gott glaube. Als Atheist kann ich die bevorstehende Prozedur pragmatisch sehen, mit Distanz, ein bisschen, als würde ich mir von einer Behörde ein dringend benötigtes Dokument erschwindeln. Nedia weiß, dass ich niemals ein echter Muslim sein werde. Sie akzeptiert das.

Ihre Eltern sind deutlich konservativer als Nedia, gehen regelmäßig in die Moschee und waren auch schon auf Pilgerreise in Mekka. Trotzdem hoffe ich, dass ihnen nach der ersten Bestürzung die Konversion auf dem Papier genügt, dass sie nicht genauer nachfragen werden. Denn auf keinen Fall soll mein Übertritt einmal Folgen für unsere Kinder haben. Sie sollen selbst bestimmen, ob sie einer Religion angehören wollen. Das ist eine meiner roten Linien. Auch die akzeptiert Nedia.

Der Mufti sitzt an einem riesigen Holzschreibtisch. Er trägt eine traditionelle weiße Dschibba, eine Art Robe. Sein Gesichtsausdruck wirkt müde, er dürfte über 70 sein. Vor dem Schreibtisch sind u-förmig zwei Reihen Stühle angeordnet. Ich muss in die erste Reihe, in der zweiten ist kein Platz mehr frei.

Ich zwinge mich, mechanisch zu nicken

Nachdem er eine Weile in Akten geblättert hat, beginnt der Mufti zu sprechen – auf Arabisch. Die anderen haben ihre Frauen, die simultan für sie übersetzen. Ich verstehe gar nichts. Wenn alle nicken, schließe ich mich an und hoffe, nicht aufzufallen. Aber neben dem Mufti sitzt der dicke Assistent. Als sein Blick durch den Raum schweift, bleibt er an mir hängen. Er unterbricht seinen Chef. Mein Herz schlägt schneller. Sie besprechen sich. Dann wendet sich der Assistent mir zu, auf : "Sie sind hier, um zum Islam überzutreten. Stimmen Sie zu, dass es nur einen Gott gibt und Mohammed sein Prophet ist?" – "Ja", antworte ich und nicke übermotiviert. Ab jetzt wird er für mich übersetzen.

Ob ich verstehe, dass Jesus nicht der Sohn Gottes sein kann? Klar, das hielt ich schon immer für eine dumme Idee. Ob ich damit einverstanden bin, dass ich keinen Alkohol mehr trinken darf? "Natürlich." Dass ich die fünf Säulen des Islams kenne und befolgen werde? "Selbstverständlich." Die erste halbe Stunde klappt erstaunlich gut. Bis der Mufti zum Schweinefleisch kommt: "Wissenschaftliche Studien beweisen, dass das Schwein ein dreckiges Tier ist. Kein Muslim darf es essen", übersetzt mir der Assistent. "Sind Sie damit einverstanden?" Nein, bin ich nicht. Dass es mir ausgerechnet hier schwerfällt, meine Rolle weiterzuspielen, ist absurd. Ich esse nicht einmal gerne Schweinefleisch. Es ist das Wort "wissenschaftlich", was mich stört. Mufti und Assistent schauen mich fragend an. "Sind Sie einverstanden?", wiederholt der Assistent die Frage. Ich zwinge mich, mechanisch zu nicken. Der Assistent lächelt.

Die erste halbe Stunde klappt erstaunlich gut. Dann kommt der Mufti zum Schweinefleisch

Zum Schluss sprechen wir alle zusammen das Glaubensbekenntnis. Dann bekommen wir ein Dokument, das uns offiziell als Muslim ausweist. Alle sehen erleichtert aus. Ich selbst begreife noch nicht richtig, was ich gerade getan habe. Als ich durch einen der langen Gänge laufe, höre ich hinter mir ein "Monsieur, Monsieur". Es ist der tunesische Begleiter des Spaniers. Er strahlt. "Ich möchte Ihnen gratulieren", sagt er feierlich. "Wir alle haben gemerkt, wie sehr Sie vom Islam überzeugt sind."

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