Peter Handke und ich arbeiten nach der gleichen Methode. Das Ergebnis unterscheidet sich natürlich gewaltig. Aber auf dem Weg dorthin gibt es Ähnlichkeiten. In einem Dokumentarfilm habe ich nämlich gesehen, womit sich der Dichter beschäftigt, wenn er gerade nicht schreibt. Handke säubert Pilze, fädelt Stickgarn durch ein Nadelöhr, sortiert Berge gesammelter Muscheln, beschneidet Bäume. Alles Tätigkeiten, bei denen eher die Hände beansprucht werden als die Hirnzellen, welche sich während der manuellen Entspannungsphasen prächtig regenerieren. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Ich habe es auch ohne Wissenschaftler festgestellt. Wenn ich merke, dass ich nur noch stumpfsinnig den Bildschirm anstarre, stehe ich auf und mache Haushalt. Das Schreiben dieser Kolumne beispielsweise wird demnächst durch Wäscheaufhängen und irgendwann später durch Kartoffelschälen unterbrochen werden. Das geistig sehr entlastende Stricken haben mir vor Jahren die Grünen verleidet, als sie, kaum in den Bundestag eingezogen, dort Topfpflanzen und Strickzeug aus ihren Jutetaschen packten, hauptsächlich, um Helmut Kohl zu ärgern. Mir kam das gewollt vor, zu weltanschaulich bezweckt. Demonstrative Entspannung ist keine. Für Buddhisten, die sich hier am besten auskennen, ist der wirklich gelöste ein ins Nichts versenkter Mensch.

Der neueste Schrei auf dem Entspannungsmarkt sind übrigens Malbücher für Erwachsene. Die Bilder darin bestehen aus Zahlen, die man verbinden muss. Man setzt also bei 1 den Stift an, zeichnet zur 2 und von da zur 3, bei der letzten Zahl ist das Bildmotiv fertig. Bis vor Kurzem gab es solche Malbücher nur für Kinder. Ich habe mir eines gekauft. Es heißt Entspannen mit Punkt-zu-Punkt und enthält 120 Bilder. Ich bin schon beim ersten gescheitert. Dem Abbildungsverzeichnis nach hätte eine Ballerina nach Degas herauskommen müssen. Die Ballerina setzt sich aus 356 Zahlen zusammen. Sie sind so winzig gedruckt, dass Menschen meines Alters eine Lupe benötigen.

Der eigentliche Stress aber entstand durch das Liniengewirr. Punkt 54 und Punkt 55 liegen nur einen Millimeter auseinander. Durch diesen Millimeter hindurch führen jedoch zwei weitere Linien, die von 257 nach 258 und die von 161 nach 162. Wie soll das gehen? Ich habe nur noch rumgeschmiert. Ich bin gut im Wäscheaufhängen und im Kartoffelschälen (beides erledigt), aber mit dieser Zahlenballerina wären auch Peter Handke und Edgar Degas nicht fertiggeworden. Offensichtlich bringt die Entspannungsindustrie neuerdings Produkte hervor, deren technische Ansprüche so wenig zu bewältigen sind, dass man auf schnellstem Weg zu der Arbeit, von der man sich entspannen wollte, zurückkehrt. Gegen dieses Malbuch ist jede Kolumne ein Kinderspiel.

David Woodroffe: Entspannen mit Punkt-zu-Punkt. Malbuch für Erwachsene; Ullmann Medien, Potsdam 2016; 128 S., 5,99 €