Dieser Text ist die Dankesrede, die Navid Kermani bei der Verleihung des Marion Dönhoff Preises am 4. Dezember im Hamburger Schauspielhaus gehalten hat. Im Anschluss an die Rede wurde das Lied "Girl From the North Country" von Bob Dylan gespielt.

Vor zwei Jahren habe ich einige Monate in den Vereinigten Staaten gelebt, genau gesagt in New Hampshire, ganz im Norden. Das Schönste in dieser Zeit waren die langen Autofahrten durch ein Amerika, von dem ich nicht gedacht hätte, dass es noch existiert, keine freeways, keine überall gleichen suburbs, keine Shoppingmalls und Riesensupermärkte, sondern nur die moosgrüne Natur, durch die schmale Straßen führen. Die Häuser entlang des Asphalts sieht man nicht, man sieht nur die Briefkästen, die alle paar Hundert Meter an einem Feldweg aufgestellt sind.

Aus der Alten Welt sind wir es gewohnt, dass Menschen zusammenrücken, in Dörfern, in Städten, dass sie Mauer an Mauer oder Zaun an Zaun leben, und ringsherum ist das freie Feld oder der Wald. In Amerika sind bewohntes und unbewohntes Gebiet nicht so streng geschieden, da nimmt sich jedes Haus so viel Boden, wie man ihn früher mit eigenen Händen bestellen konnte. Es ist eine Siedlernation, man merkt es erst, wenn man die langen Strecken abseits der Autobahnen fährt, einzelne Familien, die sich das Land aufteilten, als es noch keine Dörfer gab. Das heißt, die Dörfer sind nicht von innen nach außen gewachsen, sondern bildeten sich als Anlaufs- und Verkaufsstellen der Siedler erst nach und nach heraus, mehr Umschlagplätze als Wohnorte, deshalb gibt es auch selten einen Dorfkern.

Selbst heute wohnen nur einzelne Menschen in den Dörfern, die vor allem aus kleinen Läden für das Nötigste bestehen, Jägerbedarf, Anglerbedarf, eine Tankstelle, Lebensmittel und jedes Mal ein Deli, also eines dieser kioskartigen Cafés, meist geführt von einer älteren Dame oder einer Familie, die alles andere außer dem Jägerbedarf, dem Anglerbedarf und den Lebensmitteln bereithalten, Zeitungen zum Beispiel, Lottoscheine, die elementaren Haushaltswaren und vor allem frisch gebrühten Kaffee, dazu Backwaren, die wie von Muttern schmecken, weil sie tatsächlich noch von Muttern sind. Das Frühstück, man kann es sich vorstellen, ist natürlich viel zu deftig für einen Schreibtischmenschen wie mich, unglaubliche Portionen Rührei mit fingerdickem Speck und für die Kinder Pfannkuchen, die den Hunger für den Rest des Tages stillen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016. Lesen Sie weitere Artikel zur Frage "Was hilft gegen den Populismus?" in der aktuellen Ausgabe der ZEIT.

Man sitzt dann mit seiner Familie zwischen Theke und Zeitschriftenauslage an dem einzigen großen Tisch, und während man noch in seiner fremden Sprache tuschelt, ob man den Speck wirklich aufessen muss, damit die Ladenbesitzerin nicht enttäuscht ist, die für uns wie für ihre eigenen Kinder gekocht hat, tritt eine Nachbarin laut grüßend ins Deli, bestellt einen coffee to go, den sie jedoch nicht fortträgt, weil sie erst mit der Besitzerin einen Plausch hält und anschließend uns fragt, welche Sprache wir da sprächen. Oder vielleicht fragen wir auch die Nachbarin, wohin die stille Straße führt, wenn man am Ortseingang links abbiegt, Hauptsache, man kommt ins Gespräch, so selten, wie man in dieser Landschaft Menschen antrifft. Und kaum haben wir der Nachbarin erklärt, welche Sprache sie gerade gehört hat, o my God!, tritt schon der nächste Einheimische ins Deli, wieder großes Hallo, alle setzen sich zu uns an den Tisch, auch die Ladenbesitzerin schüttet sich einen Kaffee ein, und man redet und redet, wie schön Amerika noch sein kann. Am Ende haben wir tatsächlich das Riesenrührei verputzt und die Kinder so viel Pfannkuchen gegessen, dass es nicht bloß bis zum Abend, sondern bis zum nächsten Morgen reicht. Keine Hamburger mehr heute. Schade eigentlich, denn die Hamburger schmecken in diesem Amerika ebenfalls noch wie früher.

Vielleicht ist diese Schilderung etwas geschönt, ich gebe es zu. Aber ich habe diesen äußersten Nordosten der Neuen Welt geliebt, New Hampshire, Vermont, Maine, genauso wie Ontario in Kanada, das noch stillere Landstraßen hat, und das liebende Auge sieht sich die Dinge nun einmal schön. Schließlich bin ich auch geprägt worden von diesem ländlichen Amerika, obwohl ich es vor zwei Jahren erst zum ersten Mal richtig sah, bin im Westen Deutschlands aufgewachsen mit der amerikanischen Musik, mit Neil Young und Bob Dylan zumal, die ebenfalls von den Landstraßen im Norden Amerikas sangen, der Weite der Landschaften wie der Herzen. Ich kam mir vor wie das Kind, das plötzlich unter Rittern lebt oder seine Märchenfee trifft.

If you’re travelling in the north country fair,

Where the winds hit heavy on the borderline,

Remember me to the one who lives there

For she once was a true love of mine.

Nach dem Sieg Donald Trumps bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl habe ich mir im Internet die Ergebnisse im Nordosten angesehen, Stammland der demokratischen Partei eigentlich. Zunächst war ich erleichtert, weil New Hampshire, Vermont, Maine, The State of New York demokratisch geblieben sind, wenn auch denkbar knapp. Aber dann ging ich die Resultate in den ländlichen Wahlkreisen durch, genau in jenen Gegenden an der Grenze zu Kanada, durch die ich so gern gefahren war. Jenes Amerika, mein Amerika, es ist Trump-Land geworden. Und ich fragte mich, warum? Es sind die gleichen Menschen; sie sind nicht plötzlich fremdenfeindlich, aggressiv oder autoritätsgläubig geworden, ich glaube das einfach nicht. Von ihnen habe ich gelernt, warum Unabhängigkeit für Amerikaner ein viel konkreterer Begriff ist als in Europa. Noch im Zweiten Weltkrieg musste Roosevelt seine Landsleute geradezu überlisten, damit sie im Ausland intervenieren. Das eigentliche, das ländliche Amerika ist bis heute eine Nation, die mit der Welt nicht viel zu tun haben will – und zugleich von Herzen gastfreundlich ist, wenn ein Fremder sie besucht.

Wer in dieser Gegend wohnt, in "the north country fair", auf seinem großen Grundstück, das ringsherum keine Nachbarn hat, den Briefkasten dreihundert Yards entfernt an der Landstraße aufgestellt, ist selbst auf Gastfreundschaft angewiesen, wenn sein Auto eine Panne hat oder es zu spät geworden ist, um nach Hause zurückzukehren. Und vielleicht nimmt das "north country fair" den Fremden auch deshalb so freundlich auf, weil dort alle Mensch einmal fremd gewesen sind. Es mag ein paar Generationen her sein, aber jeder Mensch hat dort einmal ein Dach überm Kopf, eine warme Suppe gebraucht. Es sind keine Rednecks, dafür scheint die Sonne im Nordosten auch zu kurz. Es sind Bauern, Jäger, kleine Leute und in den Städten Arbeiter, in deren Mitte das Volkslied politisch geworden ist, Woody Guthrie, Cisco Houston, Pete Seeger, die großen weißen Sänger der dreißiger und vierziger Jahre, die mit dem vollen, geradezu religiösen Pathos der Bürgerrechtsbewegung für ein gerechtes Amerika eintraten, das Amerika der Gewerkschaften, das Amerika sozialer Reformen, das Amerika, das sich seiner Schuld an den Ureinwohnern bewusst wird, das Amerika, das sich am frühesten gegen die Rassengesetze gestellt hat. Es ist die Tradition der Singer-Songwriter, die in den sechziger Jahren Bob Dylan und Neil Young in die Rockmusik überführt haben. Woodstock im Bundesstaat New York war damals auch so ein kleines Nest. Everybody knows this is nowhere.