Dieser Text ist die Dankesrede, die Navid Kermani bei der Verleihung des Marion Dönhoff Preises am 4. Dezember im Hamburger Schauspielhaus gehalten hat. Im Anschluss an die Rede wurde das Lied "Girl From the North Country" von Bob Dylan gespielt.

Vor zwei Jahren habe ich einige Monate in den Vereinigten Staaten gelebt, genau gesagt in New Hampshire, ganz im Norden. Das Schönste in dieser Zeit waren die langen Autofahrten durch ein Amerika, von dem ich nicht gedacht hätte, dass es noch existiert, keine freeways, keine überall gleichen suburbs, keine Shoppingmalls und Riesensupermärkte, sondern nur die moosgrüne Natur, durch die schmale Straßen führen. Die Häuser entlang des Asphalts sieht man nicht, man sieht nur die Briefkästen, die alle paar Hundert Meter an einem Feldweg aufgestellt sind.

Aus der Alten Welt sind wir es gewohnt, dass Menschen zusammenrücken, in Dörfern, in Städten, dass sie Mauer an Mauer oder Zaun an Zaun leben, und ringsherum ist das freie Feld oder der Wald. In Amerika sind bewohntes und unbewohntes Gebiet nicht so streng geschieden, da nimmt sich jedes Haus so viel Boden, wie man ihn früher mit eigenen Händen bestellen konnte. Es ist eine Siedlernation, man merkt es erst, wenn man die langen Strecken abseits der Autobahnen fährt, einzelne Familien, die sich das Land aufteilten, als es noch keine Dörfer gab. Das heißt, die Dörfer sind nicht von innen nach außen gewachsen, sondern bildeten sich als Anlaufs- und Verkaufsstellen der Siedler erst nach und nach heraus, mehr Umschlagplätze als Wohnorte, deshalb gibt es auch selten einen Dorfkern.

Selbst heute wohnen nur einzelne Menschen in den Dörfern, die vor allem aus kleinen Läden für das Nötigste bestehen, Jägerbedarf, Anglerbedarf, eine Tankstelle, Lebensmittel und jedes Mal ein Deli, also eines dieser kioskartigen Cafés, meist geführt von einer älteren Dame oder einer Familie, die alles andere außer dem Jägerbedarf, dem Anglerbedarf und den Lebensmitteln bereithalten, Zeitungen zum Beispiel, Lottoscheine, die elementaren Haushaltswaren und vor allem frisch gebrühten Kaffee, dazu Backwaren, die wie von Muttern schmecken, weil sie tatsächlich noch von Muttern sind. Das Frühstück, man kann es sich vorstellen, ist natürlich viel zu deftig für einen Schreibtischmenschen wie mich, unglaubliche Portionen Rührei mit fingerdickem Speck und für die Kinder Pfannkuchen, die den Hunger für den Rest des Tages stillen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016. Lesen Sie weitere Artikel zur Frage "Was hilft gegen den Populismus?" in der aktuellen Ausgabe der ZEIT.

Man sitzt dann mit seiner Familie zwischen Theke und Zeitschriftenauslage an dem einzigen großen Tisch, und während man noch in seiner fremden Sprache tuschelt, ob man den Speck wirklich aufessen muss, damit die Ladenbesitzerin nicht enttäuscht ist, die für uns wie für ihre eigenen Kinder gekocht hat, tritt eine Nachbarin laut grüßend ins Deli, bestellt einen coffee to go, den sie jedoch nicht fortträgt, weil sie erst mit der Besitzerin einen Plausch hält und anschließend uns fragt, welche Sprache wir da sprächen. Oder vielleicht fragen wir auch die Nachbarin, wohin die stille Straße führt, wenn man am Ortseingang links abbiegt, Hauptsache, man kommt ins Gespräch, so selten, wie man in dieser Landschaft Menschen antrifft. Und kaum haben wir der Nachbarin erklärt, welche Sprache sie gerade gehört hat, o my God!, tritt schon der nächste Einheimische ins Deli, wieder großes Hallo, alle setzen sich zu uns an den Tisch, auch die Ladenbesitzerin schüttet sich einen Kaffee ein, und man redet und redet, wie schön Amerika noch sein kann. Am Ende haben wir tatsächlich das Riesenrührei verputzt und die Kinder so viel Pfannkuchen gegessen, dass es nicht bloß bis zum Abend, sondern bis zum nächsten Morgen reicht. Keine Hamburger mehr heute. Schade eigentlich, denn die Hamburger schmecken in diesem Amerika ebenfalls noch wie früher.

Vielleicht ist diese Schilderung etwas geschönt, ich gebe es zu. Aber ich habe diesen äußersten Nordosten der Neuen Welt geliebt, New Hampshire, Vermont, Maine, genauso wie Ontario in Kanada, das noch stillere Landstraßen hat, und das liebende Auge sieht sich die Dinge nun einmal schön. Schließlich bin ich auch geprägt worden von diesem ländlichen Amerika, obwohl ich es vor zwei Jahren erst zum ersten Mal richtig sah, bin im Westen Deutschlands aufgewachsen mit der amerikanischen Musik, mit Neil Young und Bob Dylan zumal, die ebenfalls von den Landstraßen im Norden Amerikas sangen, der Weite der Landschaften wie der Herzen. Ich kam mir vor wie das Kind, das plötzlich unter Rittern lebt oder seine Märchenfee trifft.

If you’re travelling in the north country fair,

Where the winds hit heavy on the borderline,

Remember me to the one who lives there

For she once was a true love of mine.

Nach dem Sieg Donald Trumps bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl habe ich mir im Internet die Ergebnisse im Nordosten angesehen, Stammland der demokratischen Partei eigentlich. Zunächst war ich erleichtert, weil New Hampshire, Vermont, Maine, The State of New York demokratisch geblieben sind, wenn auch denkbar knapp. Aber dann ging ich die Resultate in den ländlichen Wahlkreisen durch, genau in jenen Gegenden an der Grenze zu Kanada, durch die ich so gern gefahren war. Jenes Amerika, mein Amerika, es ist Trump-Land geworden. Und ich fragte mich, warum? Es sind die gleichen Menschen; sie sind nicht plötzlich fremdenfeindlich, aggressiv oder autoritätsgläubig geworden, ich glaube das einfach nicht. Von ihnen habe ich gelernt, warum Unabhängigkeit für Amerikaner ein viel konkreterer Begriff ist als in Europa. Noch im Zweiten Weltkrieg musste Roosevelt seine Landsleute geradezu überlisten, damit sie im Ausland intervenieren. Das eigentliche, das ländliche Amerika ist bis heute eine Nation, die mit der Welt nicht viel zu tun haben will – und zugleich von Herzen gastfreundlich ist, wenn ein Fremder sie besucht.

Wer in dieser Gegend wohnt, in "the north country fair", auf seinem großen Grundstück, das ringsherum keine Nachbarn hat, den Briefkasten dreihundert Yards entfernt an der Landstraße aufgestellt, ist selbst auf Gastfreundschaft angewiesen, wenn sein Auto eine Panne hat oder es zu spät geworden ist, um nach Hause zurückzukehren. Und vielleicht nimmt das "north country fair" den Fremden auch deshalb so freundlich auf, weil dort alle Mensch einmal fremd gewesen sind. Es mag ein paar Generationen her sein, aber jeder Mensch hat dort einmal ein Dach überm Kopf, eine warme Suppe gebraucht. Es sind keine Rednecks, dafür scheint die Sonne im Nordosten auch zu kurz. Es sind Bauern, Jäger, kleine Leute und in den Städten Arbeiter, in deren Mitte das Volkslied politisch geworden ist, Woody Guthrie, Cisco Houston, Pete Seeger, die großen weißen Sänger der dreißiger und vierziger Jahre, die mit dem vollen, geradezu religiösen Pathos der Bürgerrechtsbewegung für ein gerechtes Amerika eintraten, das Amerika der Gewerkschaften, das Amerika sozialer Reformen, das Amerika, das sich seiner Schuld an den Ureinwohnern bewusst wird, das Amerika, das sich am frühesten gegen die Rassengesetze gestellt hat. Es ist die Tradition der Singer-Songwriter, die in den sechziger Jahren Bob Dylan und Neil Young in die Rockmusik überführt haben. Woodstock im Bundesstaat New York war damals auch so ein kleines Nest. Everybody knows this is nowhere.

Die Westdeutschen haben die Freiheit von Amerika gelernt

Wer wie ich in den sechziger Jahren in Westdeutschland geboren wurde – ich selbst gegen Ende des Jahrzehnts, aber ich bin mit der Musik meiner drei älteren Brüder groß geworden –, der hat die Freiheit von Amerika gelernt. Die Lieder, mit denen wir aufwuchsen, das waren Lieder, die von der Gerechtigkeit handelten, von Liebe, die sich nicht an Konventionen hält, vom Kampf für eine bessere Welt. Wir haben nicht alles verstanden, so gut war unser Englisch nicht, dafür psalmodierten wir einzelne Zeilen, Strophen, Refrains, versenkten uns in die Booklets wie in heilige Schriften. So viel verstanden wir, dass man verantwortlich ist für die Welt, in der man lebt, die ganze Welt. Kommt Leute, versammelt euch, und seht ein, dass das Wasser ringsherum steigt.

Then you better start swimmin’ or you’ll sink like a stone

For the times they are a-changin’

Das haben uns nicht die Eltern, nicht die Lehrer, auch nicht die europäische Aufklärung gelehrt. Das haben wir von Amerika gelernt, dem Amerika der Folksänger, der Bürgerrechtsbewegung und später der Rockmusik. Selbst der Antiamerikanismus, der sich für meine Generation von selbst verstand, also dass man gegen den Vietnamkrieg, gegen den Imperialismus, den Kapitalismus, gegen Reagan und Bush ist – selbst unser Antiamerikanismus war durch und durch amerikanisch verfasst. Denn das genau war das Große und Vorbildhafte an Amerika – dass es sich selbst widersprechen konnte, dass es selbst seine entschiedensten Kritiker hervorgebracht hat, dass Amerika immer auch das Gegenteil von Amerika war und es mehr als jede andere Nation über Selbstheilungskräfte zu verfügen schien. Auf Bush folgte der erste farbige Präsident der westlichen Hemisphäre, und auch nach Trump kann Amerika wieder die Hoffnung einer gerechteren Welt sein.

Ich denke an die Landschaft zurück, durch die ich so gern fuhr, an das Deli, in dem wir frühstückten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Besitzerin und ihre Kunden, die so neugierig auf unsere fremde Kultur waren, begeistert von einem Präsidenten sind, der Amerika einmauern und Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft nicht mehr ins Land lassen will. Aber wieso hat der Nordosten dann, diese mythische Gegend der amerikanischen Folkmusik, durch die Bob Dylan mit seiner Gitarre zog, als er nach New York ging, und Neil Young im gebrauchten Leichenwagen nach Kalifornien fuhr – wieso hat selbst der Nordosten Donald Trump gewählt? Es hat vielleicht gar nicht so viel mit ihm zu tun, sondern mit der Alternative, die keine war. Die Deli-Besitzerin und ihre Kunden, sie dürften die gleichen geblieben sein. Verändert hat sich die westliche Demokratie, seit sie mit dem Sieg über den Kommunismus ihre soziale Balance verlor. Die freie Welt, von der Neil Young 1989 in seiner bitteren Hymne sang, sie ist auch eine Welt mit Reichtum, der nur noch pervers ist, und Kriegen, die immer näher an uns heranrücken, eine Welt mit immer mehr Obdachlosen, Drogenabhängigen, Abgehängten, Geringverdienern, Armutsflüchtlingen, Vertriebenen.

There’s a lot of people sayin’

We’d be better off dead.

Keep on rockin’ in the free world.

Es war Marion Gräfin Dönhoff, eine große Liberale und Verfechterin der Marktwirtschaft, die bereits in den neunziger Jahren ein ums andere Mal in der ZEIT gewarnt hat, dass der Reallohn in den höchsten Einkommensklassen immer mehr steigt, während er in der untersten Klasse kontinuierlich sinkt. "Wenn der Markt kritiklos idealisiert wird", sah die Gräfin die Verwerfungen eines entfesselten Profitstrebens voraus, der weltweit den traditionellen Mittelschichten den Boden entzieht, "wenn ihm keine ethischen Grenzen gesetzt werden, wenn er sozusagen als säkularisierte Eschatologie angesehen wird, dann entartet das Ganze mit der Zeit zum Catch-as-catch-can. Man kann sich leicht vorstellen, dass dann schließlich der Ruf nach dem starken Mann laut wird, der Ordnung und Gerechtigkeit schaffen soll."

Nicht nur die republikanische Partei konnte Trumps Verheißungen keine realistischen Lösungen entgegensetzen. Auch die Demokraten haben die Stimmung in der Gesellschaft verkannt. Selten waren die politischen und medialen Wortführer des liberalen Amerikas so selbstzufrieden, selbstgerecht, herablassend gewesen wie in diesem Wahlkampf, als sie die Graswurzelrevolution kleinredeten und nach Kräften behinderten, die sich bei den Vorwahlen Bahn zu brechen schien. Dabei ist der Idealismus gerade der jungen Menschen, den das Establishment als weltfremd abtat, viel tiefer in der amerikanischen Kultur verwurzelt als das Bündnis der demokratischen Partei mit dem großen Geld. Es ist der uramerikanische Idealismus der Bill of Rights und des New Deal, der Bürgerrechtsbewegung, des politischen Folksongs und der frühen Rockmusik.

Striking for the gentle, striking for the kind

Striking for the guardians and protectors of the mind

And the unpawned painter behind beyond his rightful time

And we gazed upon the chimes of freedom flashing.

In den vergangenen Wochen sind unzählige Artikel über die mutmaßlichen angry white men erschienen, über die Globalisierungsverlierer, die amerikanischen Wutbürger, die Waffennarren, Neuen Rechten und Fundamentalisten, die für Trump gestimmt hätten. Vieles davon leuchtete ein, die demoskopischen Befunde, die ökonomischen Analysen, die Milieuschilderungen. Aber die wichtigste Erklärung für seinen überraschenden Erfolg brachte der neue Präsident selbst vor, als er vor zwei Wochen die New York Times besuchte: Er, Trump, konnte seine Anhänger mobilisieren, Hillary Clinton konnte es nicht.

Ein einziges Meinungsforschungsinstitut, so erinnerte Trump die Redakteure, habe stets ihn vorn gesehen. Warum? "They had something that is, I guess, a modern-day technique in polling, it was called enthusiasm. They added an enthusiasm factor and my people had great enthusiasm, and Hillary’s people didn’t have enthusiasm. [...] So they didn’t necessarily vote for me, but they didn’t show up, which was a big problem that she had." ("Sie hatten, glaube ich, so etwas wie eine moderne Umfragetechnik, die nannte sich Enthusiasmus. Sie haben einen Enthusiasmus-Faktor mit einberechnet, und der Enthusiasmus meiner Wähler war sehr groß, während Hillarys Wähler keinen Enthusiasmus hatten. [...] Sie haben also nicht notwendigerweise mich gewählt, aber sie sind nicht aufgekreuzt, das war Hillarys großes Problem.") Das heißt, während die Kommentatoren weltweit sich den Kopf über das Trump-Amerika zerbrechen, das selbst einer New York Times fremd, rätselhaft, ja peinlich geblieben ist, verweist Trump selbst, der klüger zu sein scheint als unsere Thinktanks, auf die Schwäche des liberalen Amerikas hin: Er konnte seine Anhänger mobilisieren, Hillary Clinton konnte es nicht. They didnt show up.

Wenn der Enthusiasmus-Faktor bei Wahlen fehlt

War das nicht beim Brexit bereits ähnlich gewesen? So viele Menschen, vor allem junge Menschen, für die Europa eine Selbstverständlichkeit ist – sie waren schlicht nicht wählen gegangen. Oder wenn sie wählen gegangen waren, dann hatten sie nicht außerdem ihre Freunde, ihre Verwandten, ihre Kommilitonen zu den Wahlurnen bewegt. Deshalb hatten die Meinungsumfragen und Leitmedien mit ihren Prognosen falschgelegen, weil sie den Enthusiasmus-Faktor nicht berücksichtigt hatten. David Cameron war als Führer nun einmal denkbar ungeeignet, um für Europa einzutreten, ein erwiesener Opportunist, der zeit seines politischen Lebens gegen Europa gewettert hatte und wie kein anderer für die Interessen der Finanzwirtschaft stand. Auch in Polen war es mehr die Auszehrung, Korrumpiertheit und arrogante Siegesgewissheit des Regierungslagers gewesen, die zum Sieg der nationalreligiösen Opposition geführt hat. Die Polen sind nicht plötzlich nationalistisch geworden, im Gegenteil, Europa hat dort weiter die höchsten Zustimmungsraten. Und doch hat eine Ministerpräsidentin die Wahl gewonnen, die in ihrer ersten Amtshandlung die Europaflagge abgehängt hat. In Frankreich könnte es ähnlich geschehen, denn die angriffslustige Marine Le Pen wird sicher alle ihre Anhänger mobilisieren, während der Amtsinhaber schon von selbst aufgegeben hat. Selbst in Österreich, wo heute ein neuer Präsident gewählt wird, steht der junge, rechtspopulistische Kandidat für einen wie immer gearteten Aufbruch, während sich alle etablierten Parteien hinter einem Grünen versammeln, ausgerechnet ein Grüner also den Status quo vertritt.

Ich könnte die Liste der westlichen Staaten fortsetzen, in denen der Enthusiasmus-Faktor gegen die liberale Gesellschaft spricht. Ja, ich könnte auch von Deutschland sprechen, dessen Regierung fahrlässig die Flüchtlingsproblematik ignoriert und sich mit Verweis auf die Dublin-Regeln stets gegen eine gerechte Verteilung der Schutzsuchenden innerhalb der Europäischen Union gesperrt hat, nur um innerhalb eines Wochenendes mit einer dürren Erklärung eine Kehrtwende um 180 Grad zu vollziehen – wie hätte die Regierung da die Bürger mitziehen können oder die anderen EU-Länder? Und wie kann eine Kanzlerin von Europa überzeugen, die selbst über viele Jahre das europäische Projekt auf den ökonomischen Mehrwert reduziert, die europäischen Institutionen bewusst schwach gehalten und in ihrer Rhetorik bis weit über den Beginn der Finanzkrise hinaus stets die Nation starkgeredet hat.

Natürlich muss Politik flexibel reagieren, sie muss Fehleinschätzungen korrigieren. Aber wenn Politik allein aus der Gegenwart heraus gemacht wird, wenn sie ohne die Vorstellung auskommt, wie man in zwanzig, in fünfzig Jahren leben will, wenn sie nicht vom Willen beseelt ist, den eigenen Kindern und Enkeln eine bessere Welt zu hinterlassen, dann wird sie richtungslos. Dann entscheidet sie sich heute für dies, morgen für das Gegenteil, je nachdem, was die Umstände und Umfragen gerade nahelegen. Politik braucht die großen Vorhaben, die Visionen und Ziele, die nicht realistisch sein mögen, aber eine Perspektive aufzeigen. Einzig mit Pragmatismus wäre die Europäische Union niemals gegründet worden und wäre Deutschland nicht die Aussöhnung mit seinen östlichen Nachbarn gelungen. Um über sich selbst hinauszuwachsen, muss man nach oben streben, in den Himmel, der über allen Menschen derselbe ist. Wenn etwas aus den Wahlen in Amerika für Europa zu lernen ist, dann dies: Nur die Aussicht auf Veränderung erzeugt Begeisterung, niemals der Status quo, so kommod er auch sein mag.

Ich stelle mir dieses Deli vor, in dem wir frühstückten, die Nachbarn, die sich zu uns an den Tisch setzten, und wie der Vormittag lachend verging – ich sehe die hochgezogenen Augenbrauen, wenn während des Wahlkampfes der Name Clinton fiel, ich höre die Gespräche, die nicht um Freiheit und Toleranz gingen, sondern um Hedgefonds, die großen Firmen, die ihr so hohe Redehonorare zahlten, die Sprechblasen der PR-Agenturen, mit denen sie ihren Wahlkampf bestritt. Jedes Wort, jede kleine Geste, jedes Lächeln schien genauestens kalkuliert. Ich weiß natürlich nicht, wie die Ladenbesitzerin gewählt hat, die Nachbarn, die sich freuten, uns Fremde zu sehen. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir die Wähler Donald Trumps zu einer Art Dunkel-Amerika erklären, rassistisch, frauenfeindlich und neben allem anderen auch noch übergeschnappt. Eher sollten wir über uns selbst nachdenken, ja, auch über uns in Europa, die wir ebenfalls nach jedem Dammbruch fortfahren, als sei nichts geschehen. Aber immer nur weiter kann es in einem Europa doch wohl nicht gehen, an dessen östlichen Grenzen Krieg herrscht, dessen Innenstädte vom Terror erschüttert werden, vor dessen Meeren jeden Tag unzählige Menschen ertrinken, ein Europa, in dem die sozialen Gegensätze immer mehr zunehmen und dessen demokratische Legitimation unsicher ist, ein Europa, dem weder eine kohärente Außenpolitik noch eine gemeinsame Wirtschaftspolitik und schon gar keine realistische Flüchtlingspolitik gelingt. Ein Europa, das mit jeder neuen Herausforderung, der gescheiterten Verfassung, der Finanzkrise, dem Ukrainekonflikt, dem Brexit, der Rückkehr des Nationalismus, den Anschlägen auf den Rechtsstaat in Ungarn, Polen oder der Türkei, dem Desaster in Libyen und dem Inferno in Syrien noch mutloser wird. Ein Europa, das sich aus Angst vor seinen Gegnern nicht einmal mehr zu streiten traut, das zumal in Deutschland von links bis rechts die Reihen fest schließt, ohne zu merken, dass Demokratie von der harten, wohlgemerkt stets gewaltfreien Auseinandersetzung lebt.

Die Gesellschaften, in denen wir im Westen leben, ihre Freiheit, ihre Vielfalt, ihre Rechtsstaatlichkeit, ihre sozialen Errungenschaften – sie sind es wert, verteidigt zu werden. Aber sie zu verteidigen bedeutet auch stets, sie weiterzuentwickeln, nicht stillzustehen oder sich gar mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Mehr Demokratie wagen, hieß das einmal, und wenn wir sehen, wie Bernie Sanders in den Vereinigten Staaten die Jugend politisierte und im Nachbarland Kanada Justin Trudeau mit einem entschieden progressiven Programm triumphierte, wenn wir zuletzt bei den Vorwahlen der Konservativen in Frankreich auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums verfolgen konnten, wie der mutigste, von Überzeugungen beseelte und übrigens auch skandalfreie Bewerber gegen alle Prognosen gewann, dann sollte uns das ebenfalls Mut machen. Es ist möglich, Menschen für die Politik zu gewinnen, ob links oder rechts, wenn sie eine Alternative sehen. Und es ist unser eigenes Versagen, das Versagen der liberalen Öffentlichkeit, wenn die Alternativen derzeit, ob links oder rechts, nur national gedacht werden. Europa ist und bleibt die positive Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung, der Einwanderung, des religiösen und nationalen Extremismus. Eine politische Union, die nationale Unterschiede bewahrt, mehr noch: Unterschiede sogar fördert, die Verschiedenheit in unseren Ländern, Städten und Klassenzimmern als Reichtum begreift und zugleich durch gemeinsame Ideale, verbindliche Rechtsnormen, demokratische Institutionen und sozialen Ausgleich zusammengehalten wird – was könnte auch und besonders jungen Menschen heute mehr einleuchten, ja sie begeistern, was entspräche mehr ihrem Lebensgefühl?

Die Zeit, in der die Musik aufkam, die nicht nur mein Bild von Amerika, sondern zutiefst auch mein eigenes Leben, meine Gefühle und politischen Ansichten prägte, die frühen sechziger Jahre mit ihren Singer-Songwritern und dem Beginn der Rockmusik, das war ja ebenfalls keine gute Zeit, bestimmt nicht besser als heute. Allein der Sommer vierundsechzig, als Dylans Chimes of Freedom erschien, da wurden drei Bürgerrechtler in Mississippi ermordet, es begann die Eskalation des amerikanischen Engagements in Vietnam, es gab die ersten erfolgreichen Atomtests der Volksrepublik China, es deutete alles auf eine beängstigende Phase nationaler und internationaler Politik. Und doch folgte daraus Achtundsechzig, es folgte die Entspannungspolitik, die Gleichberechtigung der Geschlechter, die sexuelle Revolution, die Umweltbewegung. Damals haben die Menschen, vor allem die jungen Menschen, zu schwimmen gelernt. Sie müssen es auch heute wieder tun, wenn unsere Freiheit nicht wie ein Stein untergehen soll. For the times they are a-changin’.

Einmal kamen wir spät aus Kanada zurück und fanden nirgends ein Hotel. Wozu soll es Hotels geben, wo es kaum Fremde gibt, allenfalls mal im Sommer, an den Seen, in den Naturparks, aber es war nicht Sommer, es war noch Frühling, der im Norden wie der Winter bei uns ist. Die Kinder schliefen bereits auf der Rückbank, und meine Frau machte sich darauf gefasst, die ganze Nacht durchzufahren, denn stehen bleiben konnte man ja im Auto nicht, dazu war es draußen zu kalt. Endlich leuchtete in der Dunkelheit ein roter Schriftzug auf: "Motel", und in dem Haupthaus brannte noch Licht, ja, mehr als nur Licht, viele Autos auf dem Parkplatz, Pick-ups vor allem. Als wir näher heranfuhren, hörten wir sogar Musik. Die Wirtin führte uns in eine Holzhütte, die mit dem elektrischen Ofen rasch beheizt war. Die Kinder schliefen fest, meine Frau legte sich ebenfalls hin, da ging ich ins Haupthaus zurück, in der Hoffnung, dass noch das Konzert liefe. Leider bekam ich nur den Schlussapplaus mit.

Ich setzte mich an die Theke, bestellte einen Drink und sah, wenn ich mich auf dem Hocker umdrehte, der Band zu, die das Equipment abbaute und ins Auto trug. Es war eine junge Band, keine alte, so altmodisch ihre Holzfällerhemden anmuteten. Als alle Instrumente verstaut waren, trat die Band an die Theke, um vor der Heimfahrt ein letztes Bier zu trinken. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, Bob Dylan, Neil Young, o my God, was für eine großartige Musik. Ich war von so weit hergekommen, aus Iran, log ich halb, um mich noch ein bisschen interessanter zu machen, war den ganzen Tag gefahren und hatte nun leider so knapp das Konzert verpasst – da sagte der Sänger: "warte", ging nach draußen und kam mit der Gitarre zurück. Als er wieder auf dem Barhocker saß, gab er der Wirtin ein Zeichen, dass sie den Fernseher auf lautlos stellte, und sang für mich, für den Fremden, kein anderes Lied als das vom north country fair / Where the winds hit heavy on the borderline. Egal, wen es diesmal gewählt hat und ob überhaupt, es kann kein dunkles Amerika sein.


Marion-Dönhoff-Preis - "Nur die Aussicht auf Veränderung erzeugt Begeisterung" In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Dönhoff-Preises appellierte Navid Kermani an die liberalen Kräfte: Auch nach Trump könne Amerika wieder die Hoffnung einer gerechteren Welt sein. © Foto: Axel heimken/dpa