Wer wie ich in den sechziger Jahren in Westdeutschland geboren wurde – ich selbst gegen Ende des Jahrzehnts, aber ich bin mit der Musik meiner drei älteren Brüder groß geworden –, der hat die Freiheit von Amerika gelernt. Die Lieder, mit denen wir aufwuchsen, das waren Lieder, die von der Gerechtigkeit handelten, von Liebe, die sich nicht an Konventionen hält, vom Kampf für eine bessere Welt. Wir haben nicht alles verstanden, so gut war unser Englisch nicht, dafür psalmodierten wir einzelne Zeilen, Strophen, Refrains, versenkten uns in die Booklets wie in heilige Schriften. So viel verstanden wir, dass man verantwortlich ist für die Welt, in der man lebt, die ganze Welt. Kommt Leute, versammelt euch, und seht ein, dass das Wasser ringsherum steigt.

Then you better start swimmin’ or you’ll sink like a stone

For the times they are a-changin’

Das haben uns nicht die Eltern, nicht die Lehrer, auch nicht die europäische Aufklärung gelehrt. Das haben wir von Amerika gelernt, dem Amerika der Folksänger, der Bürgerrechtsbewegung und später der Rockmusik. Selbst der Antiamerikanismus, der sich für meine Generation von selbst verstand, also dass man gegen den Vietnamkrieg, gegen den Imperialismus, den Kapitalismus, gegen Reagan und Bush ist – selbst unser Antiamerikanismus war durch und durch amerikanisch verfasst. Denn das genau war das Große und Vorbildhafte an Amerika – dass es sich selbst widersprechen konnte, dass es selbst seine entschiedensten Kritiker hervorgebracht hat, dass Amerika immer auch das Gegenteil von Amerika war und es mehr als jede andere Nation über Selbstheilungskräfte zu verfügen schien. Auf Bush folgte der erste farbige Präsident der westlichen Hemisphäre, und auch nach Trump kann Amerika wieder die Hoffnung einer gerechteren Welt sein.

Ich denke an die Landschaft zurück, durch die ich so gern fuhr, an das Deli, in dem wir frühstückten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Besitzerin und ihre Kunden, die so neugierig auf unsere fremde Kultur waren, begeistert von einem Präsidenten sind, der Amerika einmauern und Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft nicht mehr ins Land lassen will. Aber wieso hat der Nordosten dann, diese mythische Gegend der amerikanischen Folkmusik, durch die Bob Dylan mit seiner Gitarre zog, als er nach New York ging, und Neil Young im gebrauchten Leichenwagen nach Kalifornien fuhr – wieso hat selbst der Nordosten Donald Trump gewählt? Es hat vielleicht gar nicht so viel mit ihm zu tun, sondern mit der Alternative, die keine war. Die Deli-Besitzerin und ihre Kunden, sie dürften die gleichen geblieben sein. Verändert hat sich die westliche Demokratie, seit sie mit dem Sieg über den Kommunismus ihre soziale Balance verlor. Die freie Welt, von der Neil Young 1989 in seiner bitteren Hymne sang, sie ist auch eine Welt mit Reichtum, der nur noch pervers ist, und Kriegen, die immer näher an uns heranrücken, eine Welt mit immer mehr Obdachlosen, Drogenabhängigen, Abgehängten, Geringverdienern, Armutsflüchtlingen, Vertriebenen.

There’s a lot of people sayin’

We’d be better off dead.

Keep on rockin’ in the free world.

Es war Marion Gräfin Dönhoff, eine große Liberale und Verfechterin der Marktwirtschaft, die bereits in den neunziger Jahren ein ums andere Mal in der ZEIT gewarnt hat, dass der Reallohn in den höchsten Einkommensklassen immer mehr steigt, während er in der untersten Klasse kontinuierlich sinkt. "Wenn der Markt kritiklos idealisiert wird", sah die Gräfin die Verwerfungen eines entfesselten Profitstrebens voraus, der weltweit den traditionellen Mittelschichten den Boden entzieht, "wenn ihm keine ethischen Grenzen gesetzt werden, wenn er sozusagen als säkularisierte Eschatologie angesehen wird, dann entartet das Ganze mit der Zeit zum Catch-as-catch-can. Man kann sich leicht vorstellen, dass dann schließlich der Ruf nach dem starken Mann laut wird, der Ordnung und Gerechtigkeit schaffen soll."

Nicht nur die republikanische Partei konnte Trumps Verheißungen keine realistischen Lösungen entgegensetzen. Auch die Demokraten haben die Stimmung in der Gesellschaft verkannt. Selten waren die politischen und medialen Wortführer des liberalen Amerikas so selbstzufrieden, selbstgerecht, herablassend gewesen wie in diesem Wahlkampf, als sie die Graswurzelrevolution kleinredeten und nach Kräften behinderten, die sich bei den Vorwahlen Bahn zu brechen schien. Dabei ist der Idealismus gerade der jungen Menschen, den das Establishment als weltfremd abtat, viel tiefer in der amerikanischen Kultur verwurzelt als das Bündnis der demokratischen Partei mit dem großen Geld. Es ist der uramerikanische Idealismus der Bill of Rights und des New Deal, der Bürgerrechtsbewegung, des politischen Folksongs und der frühen Rockmusik.

Striking for the gentle, striking for the kind

Striking for the guardians and protectors of the mind

And the unpawned painter behind beyond his rightful time

And we gazed upon the chimes of freedom flashing.

In den vergangenen Wochen sind unzählige Artikel über die mutmaßlichen angry white men erschienen, über die Globalisierungsverlierer, die amerikanischen Wutbürger, die Waffennarren, Neuen Rechten und Fundamentalisten, die für Trump gestimmt hätten. Vieles davon leuchtete ein, die demoskopischen Befunde, die ökonomischen Analysen, die Milieuschilderungen. Aber die wichtigste Erklärung für seinen überraschenden Erfolg brachte der neue Präsident selbst vor, als er vor zwei Wochen die New York Times besuchte: Er, Trump, konnte seine Anhänger mobilisieren, Hillary Clinton konnte es nicht.

Ein einziges Meinungsforschungsinstitut, so erinnerte Trump die Redakteure, habe stets ihn vorn gesehen. Warum? "They had something that is, I guess, a modern-day technique in polling, it was called enthusiasm. They added an enthusiasm factor and my people had great enthusiasm, and Hillary’s people didn’t have enthusiasm. [...] So they didn’t necessarily vote for me, but they didn’t show up, which was a big problem that she had." ("Sie hatten, glaube ich, so etwas wie eine moderne Umfragetechnik, die nannte sich Enthusiasmus. Sie haben einen Enthusiasmus-Faktor mit einberechnet, und der Enthusiasmus meiner Wähler war sehr groß, während Hillarys Wähler keinen Enthusiasmus hatten. [...] Sie haben also nicht notwendigerweise mich gewählt, aber sie sind nicht aufgekreuzt, das war Hillarys großes Problem.") Das heißt, während die Kommentatoren weltweit sich den Kopf über das Trump-Amerika zerbrechen, das selbst einer New York Times fremd, rätselhaft, ja peinlich geblieben ist, verweist Trump selbst, der klüger zu sein scheint als unsere Thinktanks, auf die Schwäche des liberalen Amerikas hin: Er konnte seine Anhänger mobilisieren, Hillary Clinton konnte es nicht. They didnt show up.