War das nicht beim Brexit bereits ähnlich gewesen? So viele Menschen, vor allem junge Menschen, für die Europa eine Selbstverständlichkeit ist – sie waren schlicht nicht wählen gegangen. Oder wenn sie wählen gegangen waren, dann hatten sie nicht außerdem ihre Freunde, ihre Verwandten, ihre Kommilitonen zu den Wahlurnen bewegt. Deshalb hatten die Meinungsumfragen und Leitmedien mit ihren Prognosen falschgelegen, weil sie den Enthusiasmus-Faktor nicht berücksichtigt hatten. David Cameron war als Führer nun einmal denkbar ungeeignet, um für Europa einzutreten, ein erwiesener Opportunist, der zeit seines politischen Lebens gegen Europa gewettert hatte und wie kein anderer für die Interessen der Finanzwirtschaft stand. Auch in Polen war es mehr die Auszehrung, Korrumpiertheit und arrogante Siegesgewissheit des Regierungslagers gewesen, die zum Sieg der nationalreligiösen Opposition geführt hat. Die Polen sind nicht plötzlich nationalistisch geworden, im Gegenteil, Europa hat dort weiter die höchsten Zustimmungsraten. Und doch hat eine Ministerpräsidentin die Wahl gewonnen, die in ihrer ersten Amtshandlung die Europaflagge abgehängt hat. In Frankreich könnte es ähnlich geschehen, denn die angriffslustige Marine Le Pen wird sicher alle ihre Anhänger mobilisieren, während der Amtsinhaber schon von selbst aufgegeben hat. Selbst in Österreich, wo heute ein neuer Präsident gewählt wird, steht der junge, rechtspopulistische Kandidat für einen wie immer gearteten Aufbruch, während sich alle etablierten Parteien hinter einem Grünen versammeln, ausgerechnet ein Grüner also den Status quo vertritt.

Ich könnte die Liste der westlichen Staaten fortsetzen, in denen der Enthusiasmus-Faktor gegen die liberale Gesellschaft spricht. Ja, ich könnte auch von Deutschland sprechen, dessen Regierung fahrlässig die Flüchtlingsproblematik ignoriert und sich mit Verweis auf die Dublin-Regeln stets gegen eine gerechte Verteilung der Schutzsuchenden innerhalb der Europäischen Union gesperrt hat, nur um innerhalb eines Wochenendes mit einer dürren Erklärung eine Kehrtwende um 180 Grad zu vollziehen – wie hätte die Regierung da die Bürger mitziehen können oder die anderen EU-Länder? Und wie kann eine Kanzlerin von Europa überzeugen, die selbst über viele Jahre das europäische Projekt auf den ökonomischen Mehrwert reduziert, die europäischen Institutionen bewusst schwach gehalten und in ihrer Rhetorik bis weit über den Beginn der Finanzkrise hinaus stets die Nation starkgeredet hat.

Natürlich muss Politik flexibel reagieren, sie muss Fehleinschätzungen korrigieren. Aber wenn Politik allein aus der Gegenwart heraus gemacht wird, wenn sie ohne die Vorstellung auskommt, wie man in zwanzig, in fünfzig Jahren leben will, wenn sie nicht vom Willen beseelt ist, den eigenen Kindern und Enkeln eine bessere Welt zu hinterlassen, dann wird sie richtungslos. Dann entscheidet sie sich heute für dies, morgen für das Gegenteil, je nachdem, was die Umstände und Umfragen gerade nahelegen. Politik braucht die großen Vorhaben, die Visionen und Ziele, die nicht realistisch sein mögen, aber eine Perspektive aufzeigen. Einzig mit Pragmatismus wäre die Europäische Union niemals gegründet worden und wäre Deutschland nicht die Aussöhnung mit seinen östlichen Nachbarn gelungen. Um über sich selbst hinauszuwachsen, muss man nach oben streben, in den Himmel, der über allen Menschen derselbe ist. Wenn etwas aus den Wahlen in Amerika für Europa zu lernen ist, dann dies: Nur die Aussicht auf Veränderung erzeugt Begeisterung, niemals der Status quo, so kommod er auch sein mag.

Ich stelle mir dieses Deli vor, in dem wir frühstückten, die Nachbarn, die sich zu uns an den Tisch setzten, und wie der Vormittag lachend verging – ich sehe die hochgezogenen Augenbrauen, wenn während des Wahlkampfes der Name Clinton fiel, ich höre die Gespräche, die nicht um Freiheit und Toleranz gingen, sondern um Hedgefonds, die großen Firmen, die ihr so hohe Redehonorare zahlten, die Sprechblasen der PR-Agenturen, mit denen sie ihren Wahlkampf bestritt. Jedes Wort, jede kleine Geste, jedes Lächeln schien genauestens kalkuliert. Ich weiß natürlich nicht, wie die Ladenbesitzerin gewählt hat, die Nachbarn, die sich freuten, uns Fremde zu sehen. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir die Wähler Donald Trumps zu einer Art Dunkel-Amerika erklären, rassistisch, frauenfeindlich und neben allem anderen auch noch übergeschnappt. Eher sollten wir über uns selbst nachdenken, ja, auch über uns in Europa, die wir ebenfalls nach jedem Dammbruch fortfahren, als sei nichts geschehen. Aber immer nur weiter kann es in einem Europa doch wohl nicht gehen, an dessen östlichen Grenzen Krieg herrscht, dessen Innenstädte vom Terror erschüttert werden, vor dessen Meeren jeden Tag unzählige Menschen ertrinken, ein Europa, in dem die sozialen Gegensätze immer mehr zunehmen und dessen demokratische Legitimation unsicher ist, ein Europa, dem weder eine kohärente Außenpolitik noch eine gemeinsame Wirtschaftspolitik und schon gar keine realistische Flüchtlingspolitik gelingt. Ein Europa, das mit jeder neuen Herausforderung, der gescheiterten Verfassung, der Finanzkrise, dem Ukrainekonflikt, dem Brexit, der Rückkehr des Nationalismus, den Anschlägen auf den Rechtsstaat in Ungarn, Polen oder der Türkei, dem Desaster in Libyen und dem Inferno in Syrien noch mutloser wird. Ein Europa, das sich aus Angst vor seinen Gegnern nicht einmal mehr zu streiten traut, das zumal in Deutschland von links bis rechts die Reihen fest schließt, ohne zu merken, dass Demokratie von der harten, wohlgemerkt stets gewaltfreien Auseinandersetzung lebt.

Die Gesellschaften, in denen wir im Westen leben, ihre Freiheit, ihre Vielfalt, ihre Rechtsstaatlichkeit, ihre sozialen Errungenschaften – sie sind es wert, verteidigt zu werden. Aber sie zu verteidigen bedeutet auch stets, sie weiterzuentwickeln, nicht stillzustehen oder sich gar mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Mehr Demokratie wagen, hieß das einmal, und wenn wir sehen, wie Bernie Sanders in den Vereinigten Staaten die Jugend politisierte und im Nachbarland Kanada Justin Trudeau mit einem entschieden progressiven Programm triumphierte, wenn wir zuletzt bei den Vorwahlen der Konservativen in Frankreich auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums verfolgen konnten, wie der mutigste, von Überzeugungen beseelte und übrigens auch skandalfreie Bewerber gegen alle Prognosen gewann, dann sollte uns das ebenfalls Mut machen. Es ist möglich, Menschen für die Politik zu gewinnen, ob links oder rechts, wenn sie eine Alternative sehen. Und es ist unser eigenes Versagen, das Versagen der liberalen Öffentlichkeit, wenn die Alternativen derzeit, ob links oder rechts, nur national gedacht werden. Europa ist und bleibt die positive Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung, der Einwanderung, des religiösen und nationalen Extremismus. Eine politische Union, die nationale Unterschiede bewahrt, mehr noch: Unterschiede sogar fördert, die Verschiedenheit in unseren Ländern, Städten und Klassenzimmern als Reichtum begreift und zugleich durch gemeinsame Ideale, verbindliche Rechtsnormen, demokratische Institutionen und sozialen Ausgleich zusammengehalten wird – was könnte auch und besonders jungen Menschen heute mehr einleuchten, ja sie begeistern, was entspräche mehr ihrem Lebensgefühl?

Die Zeit, in der die Musik aufkam, die nicht nur mein Bild von Amerika, sondern zutiefst auch mein eigenes Leben, meine Gefühle und politischen Ansichten prägte, die frühen sechziger Jahre mit ihren Singer-Songwritern und dem Beginn der Rockmusik, das war ja ebenfalls keine gute Zeit, bestimmt nicht besser als heute. Allein der Sommer vierundsechzig, als Dylans Chimes of Freedom erschien, da wurden drei Bürgerrechtler in Mississippi ermordet, es begann die Eskalation des amerikanischen Engagements in Vietnam, es gab die ersten erfolgreichen Atomtests der Volksrepublik China, es deutete alles auf eine beängstigende Phase nationaler und internationaler Politik. Und doch folgte daraus Achtundsechzig, es folgte die Entspannungspolitik, die Gleichberechtigung der Geschlechter, die sexuelle Revolution, die Umweltbewegung. Damals haben die Menschen, vor allem die jungen Menschen, zu schwimmen gelernt. Sie müssen es auch heute wieder tun, wenn unsere Freiheit nicht wie ein Stein untergehen soll. For the times they are a-changin’.

Einmal kamen wir spät aus Kanada zurück und fanden nirgends ein Hotel. Wozu soll es Hotels geben, wo es kaum Fremde gibt, allenfalls mal im Sommer, an den Seen, in den Naturparks, aber es war nicht Sommer, es war noch Frühling, der im Norden wie der Winter bei uns ist. Die Kinder schliefen bereits auf der Rückbank, und meine Frau machte sich darauf gefasst, die ganze Nacht durchzufahren, denn stehen bleiben konnte man ja im Auto nicht, dazu war es draußen zu kalt. Endlich leuchtete in der Dunkelheit ein roter Schriftzug auf: "Motel", und in dem Haupthaus brannte noch Licht, ja, mehr als nur Licht, viele Autos auf dem Parkplatz, Pick-ups vor allem. Als wir näher heranfuhren, hörten wir sogar Musik. Die Wirtin führte uns in eine Holzhütte, die mit dem elektrischen Ofen rasch beheizt war. Die Kinder schliefen fest, meine Frau legte sich ebenfalls hin, da ging ich ins Haupthaus zurück, in der Hoffnung, dass noch das Konzert liefe. Leider bekam ich nur den Schlussapplaus mit.

Ich setzte mich an die Theke, bestellte einen Drink und sah, wenn ich mich auf dem Hocker umdrehte, der Band zu, die das Equipment abbaute und ins Auto trug. Es war eine junge Band, keine alte, so altmodisch ihre Holzfällerhemden anmuteten. Als alle Instrumente verstaut waren, trat die Band an die Theke, um vor der Heimfahrt ein letztes Bier zu trinken. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, Bob Dylan, Neil Young, o my God, was für eine großartige Musik. Ich war von so weit hergekommen, aus Iran, log ich halb, um mich noch ein bisschen interessanter zu machen, war den ganzen Tag gefahren und hatte nun leider so knapp das Konzert verpasst – da sagte der Sänger: "warte", ging nach draußen und kam mit der Gitarre zurück. Als er wieder auf dem Barhocker saß, gab er der Wirtin ein Zeichen, dass sie den Fernseher auf lautlos stellte, und sang für mich, für den Fremden, kein anderes Lied als das vom north country fair / Where the winds hit heavy on the borderline. Egal, wen es diesmal gewählt hat und ob überhaupt, es kann kein dunkles Amerika sein.


Marion-Dönhoff-Preis - "Nur die Aussicht auf Veränderung erzeugt Begeisterung" In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Dönhoff-Preises appellierte Navid Kermani an die liberalen Kräfte: Auch nach Trump könne Amerika wieder die Hoffnung einer gerechteren Welt sein. © Foto: Axel heimken/dpa