Jeder hat sie schon gesehen, sie sitzen überall in der Stadt. Sie sagen "Bitte, bitte" und "Alles Gute". Sie halten Passanten einen Becher entgegen. Die meisten dieser Bettler kommen aus Rumänien. Wie Radu, der Sohn, und Cristi, sein Vater.

Radu kann erzählen, wie alles begann, vor sieben Jahren. Ein Kleinbus brachte seinen Schwiegervater nach Hamburg, den ersten Hoffnungsvollen aus dem Dorf Namaesti in den Südkarpaten. Bekannte vermittelten ihm die Fahrt, dazu einen Platz in Harburg, wo 15 Männer in zwei Zimmern schliefen. Sie zeigten ihm einen guten Ort zum Betteln: den Jungfernstieg. 600 Euro nahmen sie dafür. Der Schwiegervater zahlte in zwei Raten. Als er nach ein paar Wochen ins Dorf zurückkehrte, schwärmte er den anderen von Hamburg vor. Damals gab es noch 40 bis 50 Euro, der Lohn für einen Tag auf dem Asphalt.

"Er hat die Situation ausgekundschaftet", sagt Radu. "Und dann sind wir alle gekommen."

Erst Radu, dann Cristi, sein Vater, und viele andere. Heute sind sie etwa 60 aus Namaesti, schätzt er, 60 Bettler aus diesem gottverlassenen Ort, wo in den Neunzigern die Zementfabrik Tausende Arbeiter auf die Straße setzte. Dazu ein paar Dutzend aus der Nachbarstadt, wo die große Fabrik für Geländewagen pleiteging. Sie malochen jetzt hier, auf den Straßen von Hamburg. Zumindest bislang noch.

Jeder kann sie sehen, sie verrichten ihre Arbeit vor den Augen der Hamburger, die knauseriger geworden sind, vielleicht, weil es so viele Bettler gibt. Radu ist heute froh, wenn er abends 15 Euro im Becher hat. Gestern waren es nur sechs, sagt er. Er fährt jetzt mit der S-Bahn oft raus aus der Stadt ins Umland, weil dort die Konkurrenz geringer ist, weil andere Bettler dort seltener ihre Hunde auf ihn hetzen.

Radu, der wie sein Vater in Wirklichkeit anders heißt, hat dichtes schwarzes Haar. Nachts schläft er im Freien, er klettert in einen Verschlag aus Brettern und Plastikfolie in der Nähe der S-Bahn-Station Rübenkamp, irgendwo in den Büschen, wo niemand vorbeiläuft. Zu viert leben sie dort.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Cristi, sein Vater mit dem dichten schwarzgrauen Bart, stellt sich wie Hunderte Obdachlose jeden Abend in die Schlange des Winternotprogramms. Bislang fand er dort jeden Abend ein kostenloses Bett. Doch jetzt reagiert die Stadt, weil sie zu viele geworden sind. Jetzt steht Cristi auf einer Liste für die Rückreise, in wenigen Tagen wird er sein Busticket bekommen, zurück nach Hause. Er muss dann abreisen oder sich einen anderen Schlafplatz suchen. Ins Winternotprogramm lassen sie ihn dann nicht mehr.

So viele sind sie mittlerweile geworden, dass die Stadt jetzt "hinschaut", wie es Katrin Wollberg nennt, zuständige Bereichsleiterin bei der städtischen Tochter Fördern & Wohnen. "Das Winternotprogramm ist für Menschen, die in Not sind, es soll nicht missbraucht werden."

Deshalb gibt es jetzt eine verstärkte Perspektivberatung, wie es offiziell heißt. Doch welche Perspektive hat ein Mann wie Cristi? Er kann nicht schreiben, seine Unterschrift besteht aus einer kindlichen Kritzelei. Er spricht kein Deutsch. Er hat keine Ausbildung und einen vernarbten, kaputten Arm aus der Zementfabrik. Seine einzige Perspektive ist das Betteln.

Die Menschen aus Namaesti haben sich eingerichtet in einer Art Pendelverkehr. Ein bis zwei Monate betteln sie in Hamburg. Dann fahren sie für zwei bis drei Wochen nach Hause, um ihre Frauen zu sehen, ihre Kinder oder Enkel. Wenn das Geld aufgebraucht ist, betteln sie weiter. Es gebe bei ihnen keine Mafia, sagen sie, jeder arbeite auf eigene Rechnung. Im Sommer schlafen sie draußen unter S-Bahn-Brücken. Im Winter setzen sie alles auf das Notprogramm der Stadt.