Roger Willemsen ist im Februar dieses Jahres mit 60 Jahren gestorben. Als er im Sommer 2015 von heute auf morgen todkrank wurde, arbeitete er gerade an einem neuen Buch. Es gab viele Notizen und einen Titel: Wer wir waren sollte es heißen. Er hat dann gar nicht erst versucht, es noch zu schreiben. Nach der Krebsdiagnose wollte er lieber leben, eine Reise nach Norwegen machen, sich verabschieden.

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er im Juli 2015 auf einem Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern. Dort hielt er eine Rede, die erste Überlegungen für sein Buch zusammenfasste und die sich jetzt, da er tot ist, liest wie die Rede des toten Willemsen vom Weltgebäude herab oder jedenfalls etwas in der Art. Er selbst nannte sie: Zukunftsrede.

Es sollte ein Buch werden, das aus dem Blickwinkel der vollendeten Zukunft auf die Gegenwart zurückblickt – was eine merkwürdige Perspektive ist für jemanden, der selbst so gut wie keine Zukunft mehr hat. Doch das wusste er damals noch nicht. "Nachzeitig", schrieb er, "werde ich schauen, aus der Perspektive dessen, der sich seiner Zukunft berauben will, weil sie ihn schauert, im Vorauslaufen zurückblickend, um sich so besser erkennen zu können, und zwar in den Blicken derer, die man enttäuscht haben wird." Das Buch sollte sich in die hineinversetzen, die nach uns kommen und tief bekümmert auf den Berg an seelischem und ökologischem Müll zurückblicken, den wir ihnen hinterlassen haben werden. Seine Blickrichtung war nicht persönlich, sondern endzeitlich. Und doch kann man an unzähligen Stellen des schmalen Buches kaum davon absehen, dass der, der hier schreibt, seine Krankheit schon in sich trug. Unmöglich, einen Satz wie diesen zu lesen, ohne an das Schicksal seines Autors zu denken: "Dass wir nicht mehr können, erliegen, dass wir unrettbar sind, in der Kapitulation leben, das sagten wir nicht, wir fühlten es bloß." Im lauten Wir, in dessen Namen hier Gerichtstag gehalten wird, hört man immer auch eine leise Solostimme heraus, sodass man beim Lesen andauernd vom Plural in den Singular übersetzt. Statt "wir waren die, die verschwanden" liest man: Ich war der, der verschwand.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Wer so spricht, hat sich von der Gegenwart schon gelöst. Probeweise versetzt der Autor sich in die Lage des ersten uns bekannten Hominiden, der vor dreieinhalb Millionen Jahren von einem Baum fiel und starb, oder in die des Astronauten, der aus dem All demütig auf die Erde zurückblickt. Aus den Tiefen des Raumes und der Zeit betrachtet, sieht die Jetztzeit so unbegreiflich zerbrechlich und zart aus wie ein Fliegenbein.

Roger Willemsen - Melancholische Abrechnung Iris Radisch stellt "Wer wir waren" vor, das letzte Buch des im Februar verstorbenen Publizisten Roger Willemsen. Eine ebenso scharfzüngige wie melancholische Abrechnung mit unserer Zeit © Foto: Zeit Online

Die große Anstrengung, die es bedeutet, im Hier und Jetzt zu leben und seine Tage nicht damit zu verschwenden, einer nur vorgestellten Zukunft entgegenzuhetzen, war das Thema von Willemsens originellstem Buch Momentum – einer Sammlung von Augenblicken, in denen der Schreiber sicher war, wirklich zu leben und sein Leben nicht nur abzusitzen. Auch jetzt im letzten Buch gibt es wieder diese Klage über die in der "Indifferenz" und in der "organisierten Abwesenheit" vertane Existenz. Vielfach zerstreut durch "eine Multiplikation der Aufmerksamkeitsherde", verzettelt in "Daten-Halden" und entmündigt von zahllosen Elektrogeräten, die das "Bewusstsein neu formatiert" haben, kümmere der Gegenwartsmensch sich meistens viel ausführlicher um den Erfolg seines Arbeitgebers als um den des eigenen Lebens.

In diesen Betrachtungen ist viel Melancholie und Sorge um die verlorenen Seelen seiner Mitmenschen, als deren banger Hüter der Autor in seiner letzten Rolle nun in Erinnerung bleiben wird. Unerschütterlich ist sein Glaube an eine bessere Vergangenheit, in der man noch "staunen, kontemplieren, beeindrucken, erschüttern" konnte. Doch wann genau das war, als noch nicht alles so "flach", "atomisiert", "peripher" war wie heute, erfährt man zumindest in dieser Skizze zu einem ungeschriebenen Buch noch nicht. Denkt er da an das 19. oder das 18. Jahrhundert? Oder gleich an sämtliche noch nicht elektrifizierten Jahrtausende?

Die Diagnose, die Willemsen der Welt stellt, mit der er uns allein gelassen hat, ist jedenfalls maximal desaströs. Die wichtigsten Ressourcen, die das Leben lebenswert machen, seien dramatisch verknappt worden: Stille, Schönheit, große Kunst. "Wir lebten als der Mensch", schreibt er, "der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

Es ist die bestürzende Schlussabrechnung eines offensichtlich schwer enttäuschten Moralisten. Ein einziger Hoffnungsschimmer bleibt: Wenn Buße und Umkehr nicht dauerhaft unterbleiben, ist vielleicht doch noch nicht alles verloren. Was wir Zurückgebliebenen in Roger Willemsens Augen benötigen, ist eine Eigenschaft, mit der er selber im Übermaß gesegnet war: Geistesgegenwart.

Wenn es nur gelänge, schreibt er, wieder im Augenblick zu leben, "hier zu sein, in dieser Zeit anzukommen", in der "praktischen Welt, in der die Frage nach dem Überleben aller gerade neu gestellt wird", hätte man eine doppelte Rendite. Man könnte die Welt noch retten und die eigene Seele gleich mit. Eine eindringlichere Predigt für die Adventszeit wird man in diesen Tagen nicht so leicht finden.

Roger Willemsen: Wer wir waren. Zukunftsrede; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016; 64 S., 12,– €, als E-Book 9,99 €