Die Brexit-Entscheidung und die Trump-Wahl sind eine Revolte gegen die Globalisierung. Die "vergessenen Männer und Frauen", wie sie Trump nennt, haben dabei durchaus recht. Die Globalisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einem eindrucksvollen Anstieg des "Wohlstands der Nationen" geführt, aber für die breite Masse der Arbeitnehmer hat sich das nicht ausgezahlt. In den Vereinigten Staaten stagniert das Realeinkommen eines Vollzeit-Arbeitnehmers seit dem Jahr 1977. Und anders als die Autoren Lisa Nienhaus und Jens Tönnesmann in der vergangenen Woche argumentiert haben (Aufstand gegen den Freihandel, ZEIT Nr. 50/16), hat Deutschland es nicht viel besser gemacht. Die Haushaltseinkommen der unteren 30 Prozent der Einkommensbezieher sind hierzulande seit 1991 nicht mehr gestiegen.

Die Entwicklung ist nicht überraschend. In jedem Lehrbuch der Außenwirtschaft ist nachzulesen, dass eine steigende internationale Arbeitsteilung zwar den Wohlstand insgesamt erhöht, dass es dabei aber Gewinner und Verlierer gibt. In hoch entwickelten Volkswirtschaften profitieren die Kapitaleigentümer und die qualifizierten Arbeitnehmer, die weniger qualifizierten haben das Nachsehen.

Wenn die Globalisierung eine Zukunft haben soll, müssen die Staaten daher in der Lage sein, die Gewinner so zu besteuern, dass eine breite Teilhabe am Wohlstand möglich ist. Die Verlierer müssen angemessen entschädigt werden, durch geringe Abgaben und höhere Transfers sowie durch ein kostenloses Bildungssystem und eine gute Absicherung im Krankheitsfall.

In der Vergangenheit ist das nur unzureichend gelungen. Dies liegt vor allem am internationalen Steuerwettbewerb. Er hat bei der Besteuerung von Kapital und von hoch qualifizierten Arbeitnehmern zu einem Wettlauf nach unten geführt. Die Gewinner der Globalisierung werden dadurch noch zusätzlich begünstigt. Und dem Staat fehlen die Mittel, die er zur Kompensation der Verlierer benötigt.

Der Steuerwettbewerb ist eine Art Autoimmunstörung des globalen Kapitalismus, da er den für die gesellschaftliche Akzeptanz der Globalisierung erforderlichen sozialen Ausgleich verhindert. Wie gravierend diese Störung ist, zeigt sich daran, dass Trump nun ausgerechnet eine neue Steuersenkungsrunde für Kapitaleinkommen und für Bezieher sehr hoher Einkommen eingeläutet hat.

Das einzige wirksame Heilmittel für diese Autoimmunstörung ist die internationale Kooperation. Die Staaten müssen sich wechselseitig verpflichten, von einem Steuersenkungswettbewerb Abstand zu nehmen. Für diese Therapie gibt es gute Beispiele. Mit dem Bretton-Woods-Abkommen wurde 1944 global vereinbart, keinen Abwertungswettlauf mehr zu betreiben. Mit dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen wurde 1947 versucht, den Protektionismus zu stoppen. Und mit dem generellen Verbot von Subventionen soll in der EU ein Subventionswettlauf verhindert werden.

Der erste Schritt in Richtung Steuer-Kooperation könnte von der EU kommen, indem sie unfaire Besteuerungspraktiken unterbindet. In einem zweiten Schritt muss es darum gehen, Untergrenzen für die Unternehmensbesteuerung in der EU zu fixieren. Schließlich müsste der Zugang zum Binnenmarkt davon abhängig gemacht werden, dass sich Drittländer nicht durch Dumpingsteuern Wettbewerbsvorteile verschaffen, wie es die britische Regierung gerade plant.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Ein gemeinsames Vorgehen bietet sich auch bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Euro-Raum an, die von den Bürgern als das größte Problem angesehen wird. Zu denken wäre an eine Investitionsinitiative, die über die Infrastruktur hinaus zusätzliche öffentliche Ausgaben in den Bereichen Bildung sowie Forschung und Entwicklung umfassen sollte. Dazu müsste den Mitgliedsstaaten im Stabilitäts- und Wachstumspakt ein entsprechender Spielraum für die Neuverschuldung eingeräumt werden. Dabei muss es nicht zu einem Anstieg der Schuldenstandsquote, also der Relation der Staatsverschuldung zur Wirtschaftsleistung, kommen. Im Nullzinsumfeld sind die wachstumsfördernden Effekte zusätzlicher Staatsausgaben auf die Wirtschaftsleistung so hoch, dass sie den Anstieg des Schuldenstands überkompensieren können.

Während solche Gedanken in Deutschland auf dem Index stehen, lässt sich im angelsächsischen Raum geradezu ein Paradigmenwechsel feststellen. So wirbt der Vorsitzende des Council of Economic Advisors, Jason Furman, für einen neuen Blick auf die Fiskalpolitik, der eine zentrale Rolle für die Belebung der Wirtschaft beigemessen wird.

Ein Europa, das sich um mehr Verteilungsgerechtigkeit und einen Abbau der Arbeitslosigkeit bemüht, würde seinen Bürgern signalisieren, dass die Politiker ihre Sorgen und Nöte verstanden haben. Und es würde die Globalisierung vor ihren selbstzerstörerischen Kräften schützen.