Liebe Nina,

Du wunderst Dich bestimmt, warum wir mit Dir vor zwei Jahren nach Amerika gezogen sind, in ein Land, das Deine Eltern kürzlich zum Weinen gebracht hat. Du bist erst sechs, lernst gerade das Lesen, aber das Gesicht von Donald Trump erkennst Du von Weitem. Du weißt, dass dieser Mann eine Mauer in Amerika bauen will, dass er viele Leute aus diesem Land verjagen will. Du hast gefragt, ob ich so traurig bin, weil auch ich jetzt nicht mehr hier leben darf, da ich die Einzige in unserer Familie bin, die keinen amerikanischen Pass hat. Nein, habe ich gesagt, das ist es nicht. Es ist komplizierter. Lass mich versuchen, es Dir zu erklären.

Manchmal hat man zu Ländern Beziehungen wie zu Menschen. Weil sie einem helfen, zu verstehen. Weil sie einen im Herzen reicher machen. Weil sie einen freier machen. Das klingt jetzt fast absurd, aber so ist das bei mir mit Amerika gewesen. Ich kam das erste Mal in das Land, da war ich 18 Jahre alt. Amerika war groß, es war mutig, es war stolz. Und es war offen. Es war so ganz anders als mein Zuhause.

Du hast Deinen deutschen Opa nie kennengelernt, aber ich habe Dir schon mal erzählt, dass er immer sehr, sehr ängstlich war. Ich bin das, was man in Deutschland ein Beamtenkind nennt. Die sind superzuverlässig, aber sie haben Angst vor allem, was neu ist. Mein Vater hat mir beigebracht, überall Gefahren zu sehen und ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich habe die Angst meines Vaters immer gehasst, weil sie die Welt so klein machte. Aber sie saß auch in mir, ganz tief. Jeder Versuch, sie zu überwinden, sich rauszuwagen in die Welt, endete mit Geheule. Dann stand ich im Schlafanzug mitten in der Nacht wieder vor unserer Haustür. Weil das Bett der Oma doch nicht das eigene war.

Nach dem Abitur habe ich die Freiheit zuerst in Frankreich gesucht. Das war nicht weit weg von zu Hause, und ich war mit meinen Eltern oft im Urlaub da gewesen. Um Geld zu verdienen, habe ich für eine reiche Familie die Kinder gehütet. Ich habe sogar bei ihnen unterm Dach gewohnt. Aber die Eltern dieser Kinder sahen es gerne, wenn ich nicht mit ihnen, sondern auf meinem Zimmer aß. Ich habe mich dort gefühlt wie in einem Deiner Märchenbücher mit den bösen Stiefmüttern. Nach vier Monaten stand ich heulend wieder vor der Tür meiner Eltern.

Die Angst vor der Freiheit, die habe ich erst in Amerika verloren.

Dort lebte eine Großtante. Dort wollte ich es noch mal probieren. Die Tante, die mich noch nie zuvor gesehen hatte, hat mir ein Auto gemietet, und mit dem bin ich wochenlang durch dieses riesengroße Amerika gefahren. Für mich war Amerika nie ein Sehnsuchtsort gewesen wie für viele andere. Bei uns zu Hause spielten amerikanische Kinofilme und Musik keine große Rolle. Mein Amerikabild beschränkte sich mehr oder weniger auf eine Zigarettenwerbung, in der ein stummer Cowboy auf seinem Pferd durch die Prärie ritt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Nun sah ich Raddampfer auf dem Mississippi, Alligatoren in Louisiana, endlose einsame Straßen und die Blue Ridge Mountains. Die Menschen nannten mich "honey" oder "sweetheart". In einer Kleinstadt in South Carolina schaute ein älterer Schwarzer in mein verunsichertes Gesicht und sagte nur: "Smile!" Ich war alleine, aber es fühlte sich nicht so an. Keiner fragte, was ich denn hier verloren hätte. Jeder, dem ich begegnete, ging selbstverständlich davon aus, dass ich schon wisse, was ich tue. Die Leute, so schien mir, hatten mehr Vertrauen in mich als ich selbst.

Dann habe ich in Louisiana einen Unfall gebaut, und ein Pick-up-Truck verlor seine Stoßstange. Für mich war klar, das war das Ende der Freiheit. Aus dem Pick-up kam ein bulliger Mann in Arbeitshose heraus. Der Mann öffnete meine Tür und fragte: "Are you okay?" Ich konnte nur stottern: "Sorry!, sorry!" Er half mir aus dem Auto heraus und blieb bei mir, bis ich mich gefangen hatte. Dann schmiss er die Stoßstange auf seine Ladefläche und sagte: "It’s okay, baby."