Am Dienstagabend, als diese Zeilen geschrieben wurden, befanden sich noch Zehntausende Zivilisten in den Ruinen von Ost-Aleppo, während sich ein Abkommen anbahnte, das den letzten Rebellen den Abzug aus der Stadt ermöglichen sollte. In den Straßen lagen Leichen, die niemand mehr zu bergen gewagt hatte. Die Vereinten Nationen berichteten am Dienstag von Massakern durch einrückende Assad-Truppen.

In Aleppo, so ein UN-Sprecher, zeige sich ein "kompletter Kollaps der Menschlichkeit".

Nein, es ist nicht der erste Kollaps der Menschlichkeit in der jüngeren Geschichte – wo wüsste man das besser als in Deutschland? Aber es ist der erste, der sich auf YouTube, Twitter und WhatsApp live verfolgen ließ. Oppositionelle Syrer haben in Echtzeit die Zerstörung ihrer Städte, die Bombardierung von Hospitälern, Märkten und Schulen, den Einsatz von Giftgas und Fassbomben und ihr Warten auf den Tod dokumentiert. Anfangs taten sie das in dem Glauben, ihre Zeugenschaft würde die Welt zum Handeln bewegen, aber nichts geschah. Stattdessen ernteten sie zahllose Emoticons und Likes, aber auch jede Menge Beschimpfungen als "Lügner", "Fälscher" oder "Handlanger von Terroristen".

Weiterhin werden Orte mit mehr als einer Million Menschen belagert

Nur wenige Jahre nach Ruanda und Srebrenica und all den "Nie wieder"-Schwüren steht fest: Es ist wieder passiert – und dieses Mal haben wir nicht nur davon gewusst, wir haben auch genau hingesehen. Ost-Aleppo ist verloren. Das Mindeste ist, zu benennen, was da vor den Augen der Welt zerstört worden ist: zuallererst ein Sinnbild für den Beginn der Arabellionen, an den sich heute kaum einer mehr erinnern mag. Denn im Ostteil Aleppos war zunächst genau das entstanden, worauf die Menschen im Nahen Osten so sehr gehofft und was die Autokraten der Region so gefürchtet hatten: Die Bewohner einer halben Großstadt zeigten eine politische Alternative zur Diktatur auf, geschützt von moderaten Rebellen, die sich zudem als schlagkräftige Truppe gegen den "Islamischen Staat" erwiesen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Zerstöre Ost-Aleppo, und du zerstörst den Kern des Aufstands. Nach diesem Motto hat das Regime zusammen mit seinen Verbündeten Russland, Iran und der libanesischen Hisbollah-Miliz so ziemlich jede Waffe eingesetzt, die völkerrechtlich geächtet ist. Nichts davon entschuldigt Verbrechen der Rebellen gegenüber Zivilisten im Westteil durch Artilleriebeschuss.

Aber das Arsenal der Assad-Allianz – die Fassbomben, Brandbomben und vor allem der Einsatz von Hunger als Waffe – hat nicht nur Abertausende getötet und den bewaffneten Widerstand radikalisiert und islamisiert. Es hat auch ein verheerendes Zeichen für die Diktatoren in anderen Ländern gesetzt: Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit lohnen sich wieder. Solange sie als "Kampf gegen den Terror" verpackt wird, ist (fast) jede Gewalt gegen die eigene Bevölkerung erlaubt. Die westlichen Staaten werden Betroffenheit zeigen, aber sie werden nichts tun.

Ost-Aleppo ist verloren – und damit auch die letzte Chance auf einen Verhandlungsprozess. Die politische Opposition gegen Assad ist erledigt und sieht sich von all ihren internationalen Sponsoren – den USA, der EU, der Türkei und den Golfstaaten – verraten und verkauft.

Der Name Aleppo wird, so steht zu befürchten, zum Fanal für radikalisierte Sunniten werden, die in der Zerstörung dieser sunnitischen Hochburg eine weitere Kriegserklärung der Schiiten sehen. Der Fall von Ost-Aleppo markiert somit nicht den Anfang vom Ende des Krieges, sondern den Beginn eines neuen Stadiums.

Nicht wenige westliche Politiker würden über Syrien jetzt am liebsten den Sargdeckel zuschlagen und "Wir konnten leider nichts tun" auf den Grabstein schreiben. Aber so einfach kommen Europa und Deutschland nicht davon. Noch sind in Syrien größere Gebiete in den Händen der Opposition. Weiterhin werden 36 Orte mit rund einer Million Menschen belagert, fallen auch anderswo Fassbomben. All die Optionen, die bislang aus schierer Feigheit nicht genutzt worden sind, liegen immer noch auf dem Tisch: Luftbrücken für Hilfsgüter, Sanktionen gegen syrische und russische Verantwortliche für Kriegsverbrechen und, ja, die Drohung, militärisch gegen die Bombardierung der Zivilbevölkerung einzuschreiten.

Diese Revolution mag verloren sein. Aber Hunderttausende Menschen sind noch zu retten.

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