Es ist ein schöner Tag im November, als in der Werkstatt des Geigenbauers Amnon Weinstein in Tel Aviv das Telefon klingelt. Er ahnt nicht, wie wichtig der Anruf für ihn sein wird. Schließlich rufen ihn ständig Leute an. Weinstein ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet und auch außerhalb Israels bekannt. Was er macht, ist einzigartig. Er restauriert Geigen, bevorzugt solche, die Geschichten vom Holocaust erzählen. Er besitzt 66 von ihnen. Ihre Besitzer sind schon lange tot. Wer waren sie? Und welche Rolle haben die Geigen in ihrem Leben gespielt? Weinstein sammelt solche Informationen und trägt sie fein säuberlich in ein dickes Notizbuch ein. Das ist Teil seines Projekts "Violins of Hope". Mit seinen Geigen reist Weinstein um die ganze Welt. Istanbul, Jerusalem, Paris, Madrid, London, Cleveland. Berühmte Orchester wie die Berliner Philharmoniker haben schon Konzerte auf ihnen gespielt.

Weinstein sagt, die Erinnerung habe sich zwar nicht in den Korpus der Geigen eingeschrieben, aber die Musiker spielten doch anders auf ihnen. Intensiver.

Weinstein ist 76 Jahre alt. Er kam 1939 als Sohn litauischer Flüchtlinge in Tel Aviv zur Welt. Seine Eltern erfuhren erst nach dem Ende des Krieges, dass sie ihre gesamte Familie verloren hatten, 350 Menschen, wie ausradiert. Weinstein hat den Holocaust nicht selber miterlebt. Er war sechs oder sieben Jahre alt, als er seine Mutter fragte, wer denn die Menschen in diesem Album seien. Sie brach in Tränen aus und zeigte mit dem Finger auf das Cover eines Buches, das vom Massenmord an den Juden erzählte. Er hat nie wieder nach diesen Menschen gefragt. Aber etwas rumorte in ihm, auch als Erwachsener noch.

In seiner Werkstatt stand ein Schrank mit alten Geigen. Holocaust-Überlebende hatten sie seinem Vater Moshe überlassen, der eigentlich Geiger war, sich in Israel aber eine neue Existenz als Geigenbauer geschaffen hatte.

Der Vater hatte diesen Schrank nie geöffnet. Er wusste, dass dunkle Erinnerungen an den Geigen klebten. Es gab Musiker, die den Holocaust nur deshalb überlebten, weil sie Geige im KZ-Orchester spielen konnten. Solche Jobs waren begehrt. Musiker bekamen mehr zu essen. Die Arbeit war weniger hart, zumindest körperlich. Aber was macht es mit Menschen, wenn sie täglich Hinrichtungen mit ihrer Musik untermalen müssen? Nach ihrer Ankunft in Israel konnten viele nicht mehr als Musiker arbeiten. Sie übergaben ihre Geigen Weinsteins Vater mit den Worten, wenn er sie nicht nähme, würden sie sie verbrennen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Erst Jahrzehnte später öffnete Weinstein den Schrank, den sein Vater so sehr gemieden hatte. 1992, da war er schon über 50 Jahre alt. Ein junger Praktikant aus Dresden hatte ihn so lange mit Fragen gelöchert, bis Weinstein begann, selbst Fragen zu stellen.

Gegenwart. Draußen brummt das Leben, auf dem Ben-Gurion-Boulevard flitzen die Menschen auf E-Bikes vorbei. Doch hier drinnen in der Werkstatt ist es so still, dass man hören kann, wie Weinstein mit dem Pinsel Kleber auf die Zargen einer alten Geige streicht. Wem sie gehört hat? Einem Juden, aber mehr weiß er nicht. Sie hat einen Davidstern auf der Rückseite. Das muss reichen, um sie als Violin of Hope zu klassifizieren.

Es gibt Menschen, die ihn für sein Projekt kritisieren. Werden die Geigen nicht instrumentalisiert, um Politik zu machen? Weinstein ignoriert die Frage. Just in diesem Moment klingelt das Telefon. Nachdem er abgehoben hat, wird er still, ganz still. Später wird er sagen, man sei Zeuge eines historischen Moments geworden. Als er den Hörer wieder auflegt, atmet er einmal tief durch. "Puuuuuuh." Er nimmt die Lesebrille von der Nase und reibt sich die Augen. Hat er das gerade nur geträumt, oder hat er richtig gehört? Am Telefon war das Auswärtige Amt in Berlin, der Büroleiter von Frank-Walter Steinmeier. Steinmeier will ihm persönlich das Bundesverdienstkreuz verleihen. Der künftige Bundespräsident der Republik Deutschland!

Steinmeier und Weinstein stehen in losem Kontakt, seit die Berliner Philharmoniker im vergangenen Jahr ein Konzert auf den Violins of Hope spielten, zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Steinmeier saß damals neben dem Geigenbauer in der ersten Reihe. Er hatte Tränen in den Augen, erinnert sich Weinstein. Am Ende führte Steinmeier den Ehrengast aus Tel Aviv auf die Bühne. Stehende Ovationen. Doch das schönste Kompliment bekam Weinstein von einer Niederländerin, deren Großvater 1944 in Auschwitz verschwunden war. Nur seine Geige war von ihm geblieben. Die junge Frau hörte das Instrument in Berlin zum ersten Mal. Sie sagte zu Weinstein: "Es ist, als hätten die Philharmoniker meinem Opa das Leben zurückgeschenkt."